Den Schleier lüften

Grau ist der Himmel, grau scheint die Erde. Nebelschleier verhüllen die Farben. Auch die eines zauberhaften Strauches, dessen gelbleuchtenden zarten Blütenblätter sich in die winterkalte Welt strecken. Wie kann das sein? Es ist … Magie im Spiel. Hexenhasel, Zaubernuss wird die Pflanze genannt, für die Indigenen in ihrer Heimat war sie eine der bedeutendsten Heilerinnen.

Die Virginische Zaubernuss ist eine von vielen Hamamelis-Arten. Aus Nordamerika eingewandert, ziert sie so manchen deutschen Wintergarten. Meist ungeahnt bleiben ihre schier unendlichen Einsatzmöglichkeiten auf dem Gebiet der Medizin. Blutstillend, antiseptisch, antioxidativ, schmerzstillend, harntreibend, entzündungshemmend, juckreizstillend, die Selbstheilungskräfte stimulierend: Die Liste ihrer Fähigkeiten ist lang. Die Heilkräfte verbergen sich in der Rinde und in den Blättern, die denen der europäischen Haselnuss ähneln. Zauberinnen sind sie beide.

Ich denke an Maya, als ich die Blüten der Hamamelis betrachte, an die Göttin, die aus dem Nichts alles erschafft, was wir mit den Sinnen wahrnehmen können. Es heißt, Maya täusche uns mit Trugbildern. Doch womöglich ist nicht die Materie Illusion, sondern der Schleier, der unsere Welt von den bunten Gesetzen der Schöpfung trennt.

Krötenmacht

Die heilmächtigen Frauen folgten den Krötenpfaden auf der Suche nach der Medizin der Natur. Im Dunklen, Wässrigen, Schleimigen der Sümpfe und Moore hoben sie Schätze und verbargen sich vor denen, die nach einer anderen Art der Macht strebten.

Verborgen mag auch heute Vieles sein, Verstecken ist ein Spiel für Kinder. Was uns Angst machen soll, können wir wieder als ureigene Verbündete erkennen: das Feuchte, das unsichtbare Unheimliche, das Sumpfige trägt den Samen des Erdenlebens und lässt ihn keimen und wachsen zur gegebenen Zeit. Das strahlende Licht im Außen gibt sich jetzt bescheiden in Respekt vor dem gebärenden Dunkeln im Inneren.

Weich fließend

Vom Wasser geschaffene Skulptur

Der noch kalte Wind schiebt sich zwischen die schon wärmenden Sonnenstrahlen und meinen am Flussufer ausgebreiteten Körper. Die Kräfte des zu Ende gehenden Winters spielen mit denen des beginnenden Frühlings. Sanft schlagen die Wellen an den Strand. Alles ist weich an diesem Morgen: der Sand in meinen Händen, die Schwanenfeder im Gras, die Blätter in den aufsprießenden Knospen. Ich lasse das Bild aufsteigen, wie das Wasser des Rheins die unerschütterlichen Berge mit dem unerschöpflichen Ozean verbindet. Der Fluss fließt durch mich hindurch und nimmt zumindest einen Teil von dem mit, was mich daran hindert, mit dem Leben zu fließen.

Leuchten im Halbschatten

Der Bärlauch schenkt uns nach dem Winter viel grüne Kraft

Aufgetaucht aus der feuchten Erde, sattgrün leuchtend im geheimnisvollen Halbschatten, lässt er sich nicht schrecken von eisigen Nächten: Der Bärlauch zeigt sich, um das Leben zu nähren. Er ist ein Kind der Dunkelheit, des Nichts, erschaffen im Gestaltungsraum des inneren Leuchtens, in dem nichts ausgeschlossen und alles möglich ist.

Ich beuge mich hinunter zu den Blättern, pflücke sie einzeln, unter meine Fingernägel legt sich ein grünbrauner Rand. Mutter Erde.

Mehr zum Bärlauch und weiteren Frühlingskräutern

Reiher-Weisheit

Ruhe bewahren

Manchmal ist es von Vorteil, abzuwarten und die eigene Balance zu halten. Der Reiher ist ein Meister in dieser Kunst. Das Verstehen erwächst aus der Stille, in der sich die eigene Stimme Gehör verschaffen kann. Der Reiher, der mir begegnet, steht unerschütterlich auf einem Bein, nichts bringt ihn auf, er ist geschützt auf einem hohen Ast abseits des Welten-Lärms. Erst, wenn er das wahrnimmt, was er braucht, wird er sich bewegen. Entschieden und klar. So lehrt er uns, schnell, schlau, kreativ und nicht zu laut zu sein.

Fragen

Entwurzelt

Geimpft oder nicht geimpft?

Ich trete einen Schritt zur Seite, heraus aus der Schusslinie. Und frage dich – und mich:

Hörst du die Kraniche in den Süden ziehen und sprichst mit dem Baum vor deiner Haustür?

Tanzt du mit dem Frühlingsregen und pfeifst mit der Herbst-Windin?

Wälzt du dich an einem kalten Wintertag im Schnee und in der Sommersonne auf einer grünen Wiese?

Spürst du die Verbundenheit in deinem bunten Netz von Beziehungen zu Menschen, Tieren, Pflanzen, Steinen, Sternen?

Kannst du all-ein sein in deinem Zimmer, im Wald, in der Großstadt, in der Nacht, in dir?

Fließen deine Tränen und tost dein Lachen?

Fliegen deine Träume und landen deine Füße auf fester Erde?

Streichelst du das Feuer und überlässt dich der Glut?

Erkennst du deinen Körper mit verbundenen Augen?

Kannst du dich hingeben und verschenken von ganzem Herzen?

Dankst du dem Leben und ehrst du den Tod?

Bist du bereit, hinabzutauchen ins Chaos, ins Ungewisse, ins Nicht-Wissen?

Nein?

Probier’s mal! Ich bin dabei.

Egal ob geimpft oder nicht geimpft.

Herbst-Dämmerung

Teppich aus Laub

modrig-bunt

Ich fliege dahin

mit den Wind-Geistern

in der Dämmerung

Meine Füße stapfen

in die Erde

Ich schlängle mich

wie besoffen

Die verrückte Alte

untergehakt

fauchend, wispernd, grunzend

Ein Schatten

im Mondsichel-Licht

Spinnen-Netze weben

Einmal sah ein kleiner Junge eine große Spinne ihr Netz weben. Die seidenen Fäden schwangen mit dem Wind, Tautropfen, wie Diamanten glänzend, schwebten vor dem blauen Herbsthimmel. Mit leuchtenden Augen griff der Junge nach dem Netz. Das Gewebe blieb an seinen Fingern haften, die Spinne fiel zu Boden. Erschrocken verharrte der Junge. Die Spinne kletterte unbemerkt an seinem Bein hinauf über den Rücken bis auf seinen Kopf. Dann schoss sie einen hauchdünnen Faden in die Luft, flog weit, landete auf einem Ast und begann ein neues Netz zu spinnen.