Apfel, Fünfstern und Beltane

Es gibt Menschen, die einen Apfel quer aufschneiden, um vor dem Verzehr ein besonderes Zeichen der Gesundheit und der Erkenntnis zu Gesicht zu bekommen. Im Kerngehäuse der hoch geschätzten Frucht ist das Pentagramm zu erkennen. Der fünfzackige Stern zeigt sich auch in den Blüten. Diese öffnen sich gerade, kurz vor dem Jahreskreisfest der Sinnlichkeit, in ihrem reinen Weiß durchmischt mit karminrotem Rosenrot.

Himmel und Erde kommen sich nahe, alles fließt ineinander, alles ist miteinander verbunden: der Apfel mit dem Pentagramm, das Pentagramm mit dem Fest Beltane, Beltane mit der Venus, die Venus mit dem Fünfstern, der Fünfstern mit dem Apfel… und alles mit dem Erkennen der Lebensenergien.

An Beltane, in der Nacht zum ersten Mai feiern wir die unbändige Feuerkraft, auch die eigene. Der Winter mit Frost und Schnee ist endgültig vorbei, die Sonne lockt die Früchte der Erde und die Menschen nach draußen. Die Natur versorgt uns wieder üppig, die Tage sind lang und hell.

Hell leuchtet auch die Venus. Ihr Strahlen ist selten zu übersehen, sie ist der Morgen- und der Abendstern. Der Apfel ist die Frucht dieser berührenden, vereinigenden, liebenden, sinnlichen, lebenserhaltenden Göttin. Im kosmischen Tanz der Venus erscheint wie im Apfel der Fünfstern. Bei ihrer Bewegung um die Sonne trifft sich die Venus immer wieder an genau denselben fünf Punkten mit der Erde. Die beiden zeichnen so im Weltall ein unsichtbares Pentagramm.

Das Pentagramm bildet eine ungebrochene Linie, die ohne abzusetzen endlos überzeichnet werden kann. In der Tradition der weisen Frauen stehen seine Spitzen für die vier Elemente und die Geistin. Es schafft den (Schutz-)Raum für freie Entfaltung und Wandlungsfähigkeit. Hier schließt sich der Kreis zum Apfel: Sein Baum ist eine Quelle der Erkenntnis.

Frühlingswärme, Winterkälte

Wie die frischen Blätter und Blüten der Lärche will sich das Neue zeigen, sehr zaghaft in diesem Jahr. Die Kräfte der Frühlingswärme und die der Winterkälte ringen lange miteinander. Behutsam abwarten, gewaltig explodieren. Sich besinnen, losstarten. Nicht zu laut sein, sichtbar werden. Demütig, mutig. Träumen, tun. Das Hin und Her, das Entweder-oder ist maßlos anstrengend. Da meldet sich das Sowohl-als-auch. Der entscheidende Impuls kommt nicht nur für die Lärchenblätter im universellen Finden der Balance.

Wie die Häsin die ersten Ostereier brachte

Den Bauch voll frischer Wildkräuter und zartgrüner Blätter saß einmal vor langer Zeit in einer klaren Nacht eine junge Häsin auf den Hinterläufen und sah hinauf zur Frühlings-Vollmondin. Ihre ersten acht Kinder hatten das Nest verlassen, und sie war voller Unternehmungslust. Nur fehlte ein passendes Abenteuer. Die Häsin seufzte, wandte sich um und wollte schon weiterhoppeln, da umfing sie ein sehr helles Strahlen. Sie drehte ihre Augen um 360 Grad. Die Mondin schien näher denn je, und irgendwie war’s der jungen Häsin, als ob auf dem leuchtenden Planeten eine Artgenossin liegen würde. Sie spürte einen geheimnisvollen unwiderstehlichen Sog, schlug einen Haken in Richtung Mondin und schnellte mit einem unglaublichen Satz zu den Sternen.

Mit einem Dreifach-Purzelbaum landete die Häsin auf dem Mond. Sie setzte sich auf und lauschte. Sie spitzte ihre langen Ohren, mit denen ihr auf der Erde nicht das kleinste Geräusch entging, und hörte…nichts. Es war vollkommen still. Und doch sprach die Mondin auf eine ganz eigene Weise mit ihr. Das Herz der jungen Häsin schlug in einem eigentümlich anderen Rhythmus, und sie fühlte ihr Blut sanft durch ihren Körper fließen. In ihrem Kopf tauchten unvermutet Bilder wie im Traum auf. Die junge Häsin ließ sich von ihnen leiten. Sie fand eine Stelle, die bedeckt war mit einem tiefroten Pulver. Sie füllte ihre Backen damit, hoppelte noch einmal eine Runde über diesen ruhigen, steinigen Planeten und sprang mit einem riesigen Satz in die Weite des Weltalls.

Mit lautem Getöse fiel die Häsin auf die Erde zurück. Sie durchbrach das morsche Dach eines Hühnerstalls und plumpste direkt in ein großes Nest mit frisch gelegten Eiern. Stöhnend öffnete sie den Mund, ohne an den Inhalt zu denken. Das rote Mond-Pulver, nun vermischt mit ihrem Speichel, ergoß sich über die Eier. Aufgeschreckt vom Lärm, kam die Bäuerin in den Stall gerannt. Da schoss die junge Häsin wie ein Blitz zwischen ihren Beinen nach draußen. Die Frau staunte nicht schlecht, als sie sah, was sich im Stroh befand: natürlich Eier, doch von einer tiefrot leuchtenden Farbe, wie sie sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

Die Frau legte die Eier, 13 an der Zahl, vorsichtig in ein Weidenkörbchen. Als sie aus dem Stall trat, blickte sie zum frühmorgendlichen Himmel hinauf. Die Vollmondin stand orange mit roten Sprenkeln über ihr. Die Bäuerin sah in den Korb und wieder verwundert hinauf. Wie von einer unsichtbaren Kraft geführt, ging sie in die Küche, setzte einen Topf Wasser auf und kochte die Eier darin. Dann kleidete sie eine ihrer schönsten Schalen mit Moos aus und legte die roten Eier hinein. Kaum das sie fertig war, kamen ihre Kinder die Treppe heruntergerannt. Gebannt starrten sie in die Schale. Ihr Jüngster sah die Mutter fragend an. Die sprach lächelnd: „Die Eier hat uns eine Häsin zu Ostern gebracht.“

Verstummen

Manchmal möchte ich verstummen angesichts der Wortkriege, die sich in die Welt verbreiten. Manchmal könnte ich heulen, wenn ich sehe, mit welcher Freude ein paar Idioten in den sozialen Medien zündeln und Flächenbrände auslösen. Manchmal bin ich fassungslos wütend, wie wir uns mitragen lassen von den shitstorms, die sich vollkommen destruktiv in unsere Gehirne ergießen.

Ja, manchmal möchte ich verstummen, mal nichts sagen, keine Worte finden. Der Frühling beginnt, und die Natur – auch unsere – spricht ihre eigene Sprache. Sie ist gerade jetzt voller Zuversicht, Aufbruch, Wohlwollen, Erblühen, Leichtigkeit, beschwingter Töne, Miteinander wachsen und sich am Wiedererwachen freuen. So viele Bilder, die aufsteigen und geteilt werden wollen. Soviele Worte, die die Kraft haben, Brücken zu bauen.

Das Abenteuer Zuhause

Die ersten Krokusse vor der Haustür entdecken

Die Kraniche ziehen weit oben am Himmel in beeindruckenden Formationen gen Norden. Ihre Rufe locken mich seit Tagen ans Fenster. Wehmütig schicke ich ihnen einen frühen Frühlingsgruß hinauf. Ein paar Etagen tiefer zwitschert mir ein Meisen-Pärchen ins Ohr. Auch sie wollen beachtet werden, ganz besonders sie. Während die Kraniche nur für kurze Momente zu meiner Alltagswelt gehören, werden mich die Meisen durchs Jahr begleiten. Sie sind Teil des Ortes, an dem ich heimisch sein will. Also gehe ich hier auf Reise und Spurensuche, entdecke die Krokusse und die Schneeglöckchen, höre das Gras im Park wachsen, sauge bald das zarte Grün mit den Augen und die ersten Blütendüfte mit der Nase auf, beobachte die Tauben, die sich im hauseigenen Efeu ein Nest bauen und freue mich über die frisch gepflanzten Hyazinthen der Nachbarin.

„Es genügt nicht allein, ,die Natur zu lieben‘ oder ,in Harmonie mit Gaia leben‘ zu wollen. Unsere Beziehung zur natürlichen Welt findet an einem Ort statt, und sie muss auf Information und Erfahrung begründet sein“, schrieb Gary Snyder in seinem Buch „Lektionen der Wildnis“. Für indigene Völker war und ist die Verbundenheit mit einem Ort selbstverständlich, ja sinngebend. Ohne diese Verwurzelung verliert für sie das Leben an Bedeutung und Orientierung.

Vielleicht willst auch du dich jetzt mit den Tieren, Pflanzen, Menschen, Steinen, Böden, Winden, Wassern… deiner Umgebung vertrauter machen. Das kannst du ganz einfach bei Spaziergängen tun. Schau mit offenen Augen und offenem Herzen, wer und was dir begegnet, wer hier außer dir noch zuhause ist.

Susanne Fischer-Rizzi hat ein schönes Buch geschrieben über die Möglichkeiten des Wieder-Heimisch-Werdens. „Das Geheimnis deines Ortes“ heißt es.

Die Kraniche auf ihrem Weg nach Norden vorbeiziehen sehen

Die Närrin feiert Karneval

Utensilien für den Gestaltwandel

Karneval fällt aus! Was?, faucht die Närrin. Mit wehendem Lappenrock und rasselnder Kappe tanzt sie vor mir. Ausgerechnet jetzt willst du vergessen, dass du wild, frei und schamlos sein kannst, dass du aus dem großen Farbkessel der Verwandlungskunst schöpfen kannst, in dieser Zeit, in der das kreative Chaos regiert? So hole ich also meine Kostüme hervor, will werden zur Hexe, die ausgelassen zwischen den Welten tanzt, zum Eichhörnchen, das zwischen Himmel und Erde springt, zu meinem verrückten Ich, das sich keine Grenzen setzt. Pfeif auf die klugen Sprüche, lache über die ängstlichen Bedenken, vergiss die finsteren Prophezeiungen, ab Weiberfastnacht gilt das Gesetz der Närrin. Mit ihrer Kraft kannst du dich ausprobieren, jenseits einschränkender Vorstellungen.

Die Närrin verbindet uns spielerisch und leicht, auch ohne dass wir es merken, mit dem großen Ganzen. An der Schwelle zur wieder erwachenden Natur erinnert sie uns an eine Zeit der übersprudelnden Fülle ohne Furcht und Zweifel, ganz im Vertrauen und ruft dir zu: Trau dich, tanze, singe – auch wenn du allein sein und auf Abstand bleiben willst. Sei lichtvoll und lebendig!

Was bei all dem bierseligen Schunkeln, den Jecken in Parade-Uniformen und dem steifen Sitzungskarneval aus dem Blick gerät: An Weiberfastnacht holen sich die Frauen die Macht zurück. Im Ursprung feiern wir an den tollen Tagen Mutter Erde, ihre und unsere Natur, schöpferisch, versorgend, erschaffend, sinnlich, nährend, liebend, verwandelnd.

Weiberfastnacht und die folgenden Karnevalstage sind dieses Jahr getragen von einer besonderen Zeitqualität. Am Donnerstag ist Neumondin im Wassermann. Du kannst dich also wirklich wie die Närrin der Leere mit allen darin enthaltenen Möglichkeiten hingeben, der Weisheit des Anfangs erinnern und deiner Vision jeden erdenklichen Raum geben. Mit der wiederkehrenden Mondsichel werden sich deine Träume in winzigen Lichtfunken auf der Erde verbreiten. Und Brigid, die Göttin der Inspiration, schickt dich in den bald beginnenden Frühling, um mit deiner Vision die Samen der Veränderung zu setzen.

Achtung

Februar-Hochwasser

Das Wasser schwappt sanft über die Uferkante, umspielt meine Schuhe, rollt zurück. Ich blicke hinaus auf den angeschwollenen Rhein und halte den Atem an. Gewaltig in seiner absichtslosen Macht liegt der Fluss vor mir. Die Kronen der sonst großen Promenaden-Bäume schwimmen unbewegt und klein in den ruhigen Wellen. Weiß-rote Bänder sind gespannt, um die Bewegungen der Menschen zu kontrollieren. Achtung Hochwasser. Achtung Natur. Achtung Leben.

Oma-Wissen

Purpurnes Leuchten im Wintergrau

Das Alpenveilchen mochte ich nicht. Auf der Fensterbank hinter Spitzengardinen neben der Eichenschrankwand platziert, war es der Inbegriff der Spießigkeit für mich. Dann kaufte ich einer alten Blumenfrau aus unerfindlichen Gründen ein Exemplar ab. Es steht draußen und beginnt zu blühen, wenn sonst nichts mehr wachsen will. Die herzförmigen Blätter und die fast außerirdisch purpur leuchtenden Blüten erfreuen mich schon den zweiten Winter. Am Ende des ersten wollte ich die Pflanze entsorgen. Doch sie ließ sich nicht aus dem Blumenkasten nehmen. Nun bleibt sie, bis sie selbst gehen will und lehrt mich vorurteilslose Achtsamkeit.

Jetzt weiß ich, warum sich die Pflanze nicht einfach ausreißen lässt. Saubrot wird sie auch genannt, weil Wildschweine die Knolle mögen. Für die Schweine ist die Pflanze ungiftig, für uns Menschen schon in kleinen Mengen tödlich. Das liegt an den enthaltenen Saponinen, die gering dosiert große Heilwirkung besitzen. In homöopatischer Verdünnung werden sie bei starken Kopfschmerzen, Migräne, Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt. Es ist kein Wunder, dass meine Omas das Alpenveilchen liebten. Es ist eine Frauenpflanze, eine große Helferin bei Beschwerden rund um die Menstruation. Mir hilft sie, ein einschränkendes Denkmuster zu erkennen. Spießig ist das Alpenveilchen beileibe nicht.

Visionen nähren

Im Zwitschern der Vögel löst sich die eisige Stille auf. Die Raunacht-Träume verweben sich mit dem Tun und Fühlen im Alltag. Mit den Geschenken der Zeit zwischen den Jahren im Gepäck können wir achtsam und respektvoll beginnen, unsere Visionen für uns und für die Welt in der unterstützenden Geborgenheit von Mutter Erde zu nähren. Die Neumondin lädt ein zu tiefer Heilung und Veränderung.

Die Dunkelheit um das Licht

Mit dem sanften, hoffnungsvollen Wintersonnwendlicht gehen wir in die Zeit zwischen den Jahren. Es ist eine geschenkte Zeit, die dankbar beachtet werden will. Denn jetzt, da wir wissen, dass das Licht wieder wachsen wird, um Visionen, Projekte, schlicht das Leben zu nähren, meldet sich noch einmal die Dunkelheit und schickt ihre wilden Geister aus. Vor ihnen davonzulaufen ist keine gute Idee, still zu werden, nichts zu tun, nach innen zu lauschen dagegen schon. Die Raunächte, entstanden aus der Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr, öffnen uns das Fenster zu einer verwirrenden, pulsierenden, schöpferischen Anderswelt, in der wir das Neue träumend planen können.

Die ungezähmten Kräfte in uns und um uns herum wollen es dabei genau wissen: Wer bist du? Was trägt dich? Für was willst du stehen und wirken? Was bist du bereit zu geben – für dich, die Gemeinschaft, die Erde? Was kannst du nehmen vom reichen Schatz des Universums? Welches sind deine Ängste, und gibst du ihnen den gebührenden Platz, damit sie nicht übermächtig werden? Die wilden Geister rütteln dich wach fürs neue Jahr und ziehen mit lautem Getöse weiter. Du hast nichts zu fürchten. Das Licht braucht die Dunkelheit, um zu leuchten.

Die Raunächte beginnen üblicherweise mit der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember und enden am 6. Januar. Es sind Orakelnächte und -tage, in denen du auf Zeichen in der Natur, besondere Vorkommnisse und deine Träume achten kannst. Eine Möglichkeit ist, für jede Nacht eine Tarotkarte zu ziehen, entweder für bestimmte Fragen, die dich bewegen oder für die nächsten zwölf Monate und die dreizehnte als Karte für das gesamte Jahr oder den Übergang ins kommende. Ein Raunächte-Tagebuch kann dich gut durchs Jahr begleiten.

Die Raunächte sind auch eine gute Zeit zum Räuchern, vielleicht hat das Wort sogar hier seinen Ursprung. Mit dem Räuchern können wir Altes, Belastendes, nicht mehr Notwendiges loslassen, um frei zu werden für Neues. Das Räuchern im Winter ist zudem eine Möglichkeit, sich mit den Kräften und Qualitäten der Pflanzen zu verbinden, wenn sich die Natur im Außen zurückgezogen hat.