Gestaltwandel

Wild und närrisch durch die dunkle Zeit

Sankt Martin trifft die Närrin.

„Du hast einen schönen warmen Mantel“, sagt die Närrin.

„Du trägst ein herrlich buntes Gewand“, erwidert Sankt Martin.

„Lass uns tauschen!“, ruft die Närrin.

Und schon legt sie sich den Mantel über und wirft Martin ihren Rock zu.

Der heilige Mann springt vom Pferd und tanzt ausgelassen mit der wilden Frau,

bis diese ganz ernst wird und besinnlich dreinschaut.

Sankt Martin beginnt lauthals zu lachen, und die Närrin lacht mit.

Gestaltwandelnd tauchen sie ein in mythische Zeiten, in denen alles möglich war.

Träumend überschreiten sie Grenzen, hinter denen alles richtig ist.

Frei betreten sie einen Raum zwischen den Welten, in dem sie alles verstehen können.

Was war, was ist und was sein wird verschmilzt,

Ordnung und Chaos wirbeln verrückt durcheinander.

Eine Krähe schnappt sich von der Bühne eine rote Pappnase

und torkelt als Clown in die nächste Kneipe.

Der König und die Tödin

Einst lebte ein Mann, der mit einem starken Körper, einem wachen Geist und einer einnehmenden Art gesegnet war. Er gewann die Liebe einer schönen, wissenden Frau, die den Respekt ihrer Gemeinschaft genoss. Sie lebten glücklich und dankten dem Universum jeden Morgen für die Geschenke des Lebens. Eines davon erfreute sie über die Maßen: Im Schoß der Frau wuchs ein neues Menschenkind heran. Als der Tag der Geburt nahte, rief die Frau ihre medizinkundige Mutter und hieß ihren Mann, das Dorf zu verlassen und erst wiederzukommen, wenn die Mondin ihre Bahn um die Erde vollendet haben würde. Der Mann packte seinen Beutel und machte sich auf zu seiner Schwester, die ihn freudig aufnahm.

Zur bestimmten Zeit wollte der Mann im Dorf seiner Frau nach dem Kind sehen. Doch die Großmutter empfing ihn mit Tränen in den Augen. Die Göttin hatte Kind und Frau bei der Geburt zu sich genommen. Der Mann tobte, blind vor Schmerz und erschlug in seiner Raserei die Mutter seiner toten Frau. Als dieser im Niederfallen ein funkelnder Kristall aus der Rocktasche fiel, hob der Mann den Stein auf und warf ihn gegen eine große Buche. Der Baum jedoch öffnete sich dem Kristall und nahm ihn in seinem Inneren auf.

Der Mann floh aus dem Dorf. Er strich fortan durch die Wälder, jagte und sammelte, was er für ein karges Leben brauchte und nährte mit seinen Gedanken den Hass in ihm. Um sein Herz legte sich ein undurchdringlicher Panzer. Gelegentlich traf er auf einen anderen Mann, mit dem er am Feuer Pläne schmiedete. Es dauerte nicht lange, da hatte er eine ansehnliche Truppe beisammen. Die Männer träumten von Macht, Ruhm und Reichtum, und der Mann, der die Mutter seiner Frau erschlagen hatte, wurde zu ihrem Anführer auserkoren.

Gegen die Mordlust der Bande war kein Kraut gewachsen. Die Menschen fanden kein Mittel, sich ihr entgegenzustellen, es sei denn, sie besudelten ihre eigenen Hände mit Blut. So machte sich der Mann mit seinen Schergen die Menschen untertan und wurde König eines riesigen Reiches. Als Gemahlin wählte er sich die Schwester seiner ersten Frau.

Da ihm niemand seiner Leute widersprach und er sich den Göttern gleich fühlte, wollte er sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen: das auszulöschen, was ihm den größten Schmerz bereitet hatte. Es dauerte nicht lange und die Tödin stand an der Schwelle des Schlosstores. Der König empfing den Gast mit allem Pomp, ließ die leckersten Speisen auffahren und abertausende Goldmünzen aufhäufen. Die Tödin ging achtlos an allem vorbei.

„Was ist dein Anliegen?“, fragte sie den König direkt.
Der König zögerte nicht lange: „Ich will, das du von der Erde verschwindest. Du hast genug Leid angerichtet.“
Die Tödin hob schon an lauthals zu lachen, da blickte sie in die leeren Augen des Königs. So leer wie die Augen aller, denen sie auf dem Weg hierher begegnet war.
„Gut“, sagte sie. „Ich werde von der Erde verschwinden, solange das Jahr braucht, um 17 Mal seine Bahn zu ziehen. Doch ich kann nicht ohne meine Schwester gehen.“
Erleichtert erhob sich der König von seinem Thron, seine Macht schien unendlich und er wollte großzügig sein.
„Nimm mit, wen du willst“, sagte er. „Es sei dir gewährt.“
Die Tödin verbeugte sich vor dem König und verschwand aus dessen Palast und von der Erde. Am gleichen Tag gebar die Frau des Königs eine Tochter. Zur selben Stunde brachten 12 weitere Frauen im Königreich Kinder auf die Welt.

Die Jahre vergingen, und die Menschen zeigten fortan nicht einmal mehr Spuren des Alterns. Ja, selbst die Blätter an den Bäumen behielten ihre Farbe und die Blüten an den Blumen wollten nicht mehr abfallen. Einzig für die Königstochter tickte die Lebensuhr. Sie wuchs heran, war schön wie die gelben Sonnenblumen, von wachem Geist und empfindsamem Gemüt und wild wie die Katzen in den Wäldern. Der König tat sich schwer mit ihrem Charakter und erschreckte sich über ihr Heranwachsen. Sie blieb sein einziges Kind. Den Frauen des Reiches war es aus unerfindlichen Gründen versagt, schwanger zu werden.

Die Gemahlin des Königs indes wurde trauriger und trauriger und zog sich vom Leben am Hofe zurück. Eines Tages packte sie ein Bündel und rief ihre Tochter zu sich.
„Ich werde fortgehen“, sagte sie. Dann nahm sie die Hand der Tochter und öffnete ihre Faust, die einen kleinen Bergkristall umschlossen hatte.
„Er begleitete deine Großmutter, jetzt gehört er zu dir“, sagte die Mutter. „Wann immer du Hilfe benötigst, wird er sich dir öffnen.“
Sie umarmte ihr Kind und ging. Die Tochter weinte, da sie nun auf Geschwister, Spielkameradinnen und auch noch auf die Mutter verzichten musste.

Der Vater ward immer missmutiger und fand bald keine Freude mehr an den Dingen des Lebens. Desgleichen erging es seinen Untertanen. Die Tochter litt mehr und mehr an der Freudlosigkeit ihrer Umgebung und floh jeden Morgen in die Wälder. Eines Tages umhüllte sie besonders große Traurigkeit, und sie ging zu dem kleinen Weiher an der Quelle. Wie so oft erblickte sie ihr Spiegelbild im ruhigen Wasser und wunderte sich, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Menschen, die sie kannte, zu altern schien. Nicht der Tod machte ihr Angst. Den kannte sie nicht. Es machte ihr Angst, dass sie anders war als all die anderen. Wütend sprang sie auf. Sie wollte wissen, was es damit auf sich hatte.

Unwillkürlich griff sie nach dem Bergkristall, den sie in einem Beutelchen immer mit sich trug.
„Setz dich ruhig hin“, befahl ihr der Kristall. Die junge Frau tat wie ihr geheißen.
„Nun blicke in mein Innerstes. Dann blickst du voraus, zurück und in das Jetzt“, sprach der Kristall weiter.
Die Königstochter schaute in den Stein. Die Bilder rasten an ihr vorbei: das einer alten Frau, die in einem großen Kessel rührte, das von jungen Menschen, Frauen wie Männer, 13 an der Zahl, die freudig aufeinander zuliefen. Sie war eine von ihnen. Und das Bild zweier Schwestern, die über ihr in den Lüften schwebten, so als ob sie auf etwas warteten. In ihr wuchs eine Sehnsucht, die so groß war, wie nichts zuvor in ihrem Leben. Die Königstochter sank zu Boden und weinte bitterlich.

Von den Tränen genährt wuchs zu ihren Füßen ein Holunderstrauch empor. Er wurzelte tief in die Erde und wuchs hoch in den Himmel hinein. Da sah die Königstochter, wie die beiden Schwestern, deren Bild im Kristall an ihr vorbeigezogen war, sich auf einem der Äste niederließen und hinabstiegen. Zugleich vernahm sie Pferdegetrampel, und schon erblickte sie ihren Vater auf seinem Rappen.

„Was tust du hier, Tochter?“, fragte er. Doch als er der beiden Schwestern gewahr wurde, erschrak er, sodass er die Zügel anspannte, das Pferd sich auf die Hinterläufe stellte und den König abwarf. Der König fiel gegen einen Baum und brach sich das Genick.
„Vater, oh, Vater!“ Die Tochter sprang zu ihm hin und klammerte sich schluchzend an seine Schultern.
„Was habt ihr getan?“, schrie sie die beiden Schwestern an. „Ihr habt den Tod auf die Erde zurückgebracht!“
Die beiden Schwestern ließen die Königstochter um ihren Vater trauern. Als die junge Frau erschöpft von dem Toten abließ, sprach die eine der Schwestern: „Seine Zeit war gekommen. Das Jahr ist 17 Mal vorübergegangen, seitdem dein Vater mich von der Erde fortgeschickt hat.“

Da wusste die Königstochter, dass die Tödin vor ihr stand.
„Doch wer ist deine Schwester, die du damals mit der nahmst?“, fragte die junge Frau.
Die Tödin sprach: „Ich bin die Schwester Tod – und dies…“ Sie hielt die Hand der anderen. „Dies ist meine Schwester Leben.“

Die Königstochter verstand mit einem Mal. Und da liefen aus allen Richtungen die zwölf mit ihr Geborenen herbei. Sie umarmten sich, lachten und feierten gemeinsam die Rückkehr des Todes und des Lebens auf die Erde.

Dem Machen die Macht nehmen

Mal einfach nur wahr-nehmen

„Ja, haltet mal still, hört mal erst euer Herz schlagen und wie viel Angst drin ist. Ja, haltet mal still und legt die Hände auf euren Nabel und spürt die wilden Rhythmen, die da gegeneinander branden, das Durcheinander, die Verwirrung. Ja haltet mal still und werdet bescheiden und klar: Wir wissen nichts, aber wir tun ständig etwas…“ Die Worte der weisen Ute Schiran klopfen an und setzen sich in meinem Kopf und Körper fest.

Ja, dem Machen die Macht nehmen.

sich nicht so verdammt wichtig nehmen.

mit allen Sinnen wahrnehmen.

die Sprache der Erde aufnehmen.

sich und die anderen ernstnehmen.

das Leben annehmen.

nichts hinnehmen.

Ich weiß

Glauben? Hm, Spiritualität gefällt mir besser, sage ich, als ich mich mit einer Freundin über das Göttliche unterhalte. Aber du glaubst doch auch, sagt sie. Du glaubst doch zum Beispiel, dass du mit dem großen Ganzen verbunden bist. Nein, erwidere ich. Das glaube ich nicht. Das weiß ich. Was sie überheblich findet – und ich völlig normal.

Ich weiß, dass es eine Leben spendende Schöpferinnen-Kraft gibt.

Ich weiß, dass sie allem innewohnt – den Menschen, Tieren, Pflanzen, Steinen, der Erde, dem Universum.

Ich weiß, dass der Körper göttlich ist wie der Geist und eine Ratte genauso wie ein Schwan.

Ich weiß, dass nichts und niemand mehr oder weniger wert ist.

Ich weiß, dass alles miteinander verbunden ist.

Ich weiß, dass Liebe alles zusammenhalten kann.

Ich weiß, dass wir Natur sind und ohne Natur nicht (über-)leben können.

Ich weiß, dass die Lebensenergie nicht zu zerstören ist.
Der Mensch schon.

Tanz mit dem Feuer

Die Nacht zum ersten Mai, das ist Beltane, das Fest des leuchtenden Feuers. Des eigenen leuchtenden Feuers, des Feuers der Sonne, des Feuers der Erde und des Feuers der Liebe, die alles und alle verbindet. Was die Kirche zum Hexentreiben mit dem Teufel gemacht hat, ist der leidenschaftliche Tanz der schöpferischen wilden Frauen mit den Kräften der Erde.

Dieser Tanz kann auf vielerlei Arten getanzt werden: wild oder langsam, stürmisch oder vorsichtig, nach innen gewandt oder nach außen explodierend, allein oder in der Gemeinschaft. Immer ist es ein Tanz des Körpers. Er steht im Mittelpunkt, wird genährt, verwöhnt, geweckt, gestreichelt, gespürt, geliebt. Und immer ist es ein Tanz, der die eigenen Grenzen und Möglichkeiten beachtet. Liebe beginnt mit der Liebe zu sich selbst, hört damit nicht auf und führt zu einem Tanz mit dem Feuer der Veränderung.


Leg dich in die Wiese und stell dir vor, das Feuer der Erde weckt jede deiner Zellen.

Spring mit vertrauten Menschen übers Feuer und wünsche dir für dich, deine Liebsten, die Welt ein paar Sterne vom Himmel.

Tanze, trommele, singe aus vollem Herzen.

Lass dich massieren und schenke den Zauber der liebevollen Berührung anderen.

Koche dir und/oder Freundinnen etwas Leckeres und danke dem Universum für all die Zutaten.

Gehe zu einem Platz in der Natur und schreie deine Wut hinaus.

Gehe zu einem Platz in der Natur und verbinde deinen Körper mit dem Körper der Erde.

All das kannst du ausprobieren im Laufe des Monats Mai – auch, wenn du ein Mann bist. Schau, wie du dich selbst immer mehr spürst und mit deiner Feuerenergie in Schönheit in die Welt gehen kannst.

Das Löwenmäulchen entfaltet seine Blüte in ihrer vollen Pracht.

Weltraum-Schätze

Wir schreiben das Jahr 2020. Der Astrophysiker Karl Schneider blickt dorthin, wo der Mars sein könnte und träumt davon, auf dem fernen Planeten eines Tages einen Schatz zu heben. Da landet vor seiner Haustür ein Raumschiff. Ein Wesen, das aussieht wie ein Mensch, steigt aus, und sagt: „Hallo, ich bin auf der Suche nach einem Schatz.“

Karl Schneider zwickt sich schnell in die Hand. Kein Zweifel, er ist wach. Das Wesen kommt näher und lächelt ihn an. Schneider staunt über die indigo-farbene Haarpracht seines Gegenübers. Vielleicht der verkleidete Astro-Alex, überlegt er. „Hallo“, sagt der Astrophysiker. „Seid ihr vom Fernsehen?“ „Fernsehen?“, fragt das Wesen zurück, „was ist das?“ Schneider räuspert sich und stellt sich vor. „Und wer sind Sie?“ „Ein Schatzsucher“, antwortet das Wesen. Er habe sich von einem fernen Planeten auf die Reise zur Erde gemacht, weil es hier etwas ganz Besonderes, Einmaliges gebe, erklärt der Schatzsucher, der also tatsächlich ein Außerirdischer sein will. Schneider hat gerade Urlaub und ihm ist langweilig. Kurz überlegt er noch, dann beschließt er, dem seltsamem Fremden zu glauben. „Gut“, sagt er zu dem Besucher, „dann zeige ich dir einfach, was es bei uns Besonderes gibt.“

Also machen sich der Astrophysiker und der Außerirdische auf die Suche nach dem ganz Besonderen. „Wir haben jetzt immer mehr Autos, die mit Strom betrieben werden, und bald können sie alle ohne Fahrer fahren“, erklärt Schneider. „Aha“, sagt der Schatzsucher. Ein Mädchen hüpft über den Gehsteig. Der Außerirdische lächelt. Merkwürdig berührt, irgendwie, findet Schneider. Das Mädchen sei wohl auf dem Weg in die Kita. „Kita?“, fragt der Außerirdische. Schneider erklärt ihm, was Kitas sind – und was Schulen, Nachhilfeunterricht und Elite-Universitäten. „Aha“, sagt der Schatzsucher.

Sie kommen zu einer riesigen Baustelle. „Das ist was ganz Besonderes“, sagt der Astrophysiker stolz. „Hier entstehen die größten Windkraft- und Photovoltaikanlagen der Welt.“ Dann könnten endlich sämtliche Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. „Aha“, sagt der Außerirdische. Eine Frau mit einem Hund kommt vorbei. Der Hund läuft schwanzwedelnd zu dem Schatzsucher. „Was bist du denn für ein Toller“, sagt der und streichelt das Tier. Irgendwie wehmütig. Schneider erklärt ihm, was eine Hundezucht ist – und was Schweinezucht, Pflanzenzucht und Gentechnik. „Aha“, sagt der Außerirdische.

Vor einem Bankautomaten steht eine Menschenschlange. „Es dauert nicht mehr lange, dann brauchen wir kein Geld mehr, um zu bezahlen“, sagt der Astrophysiker. Und es gebe schon eine rein virtuelle Währung. Etwas nie Dagewesenes. „Aha“, sagt der Schatzsucher. Ein Mann sitzt vor ihm auf der Straße. Der Außerirdische will sich neben ihn setzen. Seltsam erfreut. Schneider hält ihn zurück und erklärt ihm, was ein Obdachloser ist – und was ein Hausbesitzer, ein Angestellter, ein Unternehmer, ein Börsenmakler und ein Global Player. „Aha“, sagte der Außerirdische.

Der Urlaub des Astrophysikers neigt sich dem Ende entgegen. „Okay“, sagt er ungeduldig, da sich die Begeisterung des Außerirdischen über das Gezeigte in Grenzen hält. „Du willst also wissen, was tatsächlich unsere größten Schätze sind?“, fragt Schneider, holt Luft und sagt siegesgewiss: „Das sind Rohstoffe, Gold, Diamanten, Billionen von Dollar und Euro, Aktienpakete, Immobilien..“ „Lass uns hier anhalten“, unterbricht ihn der Außerirdische. Er starrt gebannt aus dem Autofenster. Schneider blickt hinterher und sieht nichts außer Bäumen. Sie steigen aus. Unvermittelt nimmt der Schatzsucher den Astrophysiker freudestrahlend in die Arme und drückt ihn sehr fest. „Danke“, flüsterte er ihm ins Ohr, und im nächsten Moment läuft der Schatzsucher in den Wald. „Lass uns einen Spaziergang machen“, ruft er ausgelassen. Schneider folgt ihm völlig verdattert. Der Außerirdische beugt sich zu einem Strauch, pflückt ein paar Heidelbeeren, hält sie dem Astrophysiker hin und sagt traurig: „Wir hatten vergessen, dass man Geld nicht essen kann.“ Schneider kommen die Worte irgendwie bekannt vor. Er nimmt die Beeren in den Mund. Sie sind etwas ganz Besonderes.


*Ich las einen Zeitungsartikel über Zukunftspläne der Wirtschaft, Rohstoffe auf anderen Planeten und Asteroiden auszubeuten. Darauf fiel mir diese Geschichte ein.

Anregung zum Andersdenken

Eine syrische Freundin bat mich um Unterstützung bei einer Bewerbung. Wir suchten und sortierten die geforderten Unterlagen „Zusammenmachen?“, fragte sie und nahm die beiden Seiten des Lebenslaufes. „Ja“, sagte ich und stand auf, um einen Tacker zu holen. Als ich zurückkam, hielt mir meine Freundin stolz den Lebenslauf entgegen. Zusammengefügt in der rechten oberen Ecke mit dem Klebestift, der auf dem Tisch gelegen hatte. „Nein, das geht so nicht“, sagte ich halb schmunzelnd, halb streng. „Warum?“, fragte sie. In Deutschland sei das eben nicht üblich, antwortete ich. Meine Freundin zuckte die Schultern. Ich druckte den Lebenslauf neu aus. Es gebe für Bewerbungen einfach bestimmte Regeln, die einzuhalten seien, sagte ich noch und heftete die beiden Blätter zusammen – links oben. So!

Ein paar Tage später sitze ich im Zug und lese einen Artikel über Flüchtlinge. Die Landschaftsbilder auf der anderen Seite des Fensters ziehen an mir vorbei. Ich sinniere über Integration und Anpassung, das Eigene und das Fremde, das voneinander Lernen und das gegenseitige Hinterfragen. Ich denke an den zusammengeklebten Lebenslauf, daran, wie ich belehrend auf vermeintlich unumstößliche Regeln aufmerksam gemacht hatte. Ich komme mir beschämend überheblich vor. Meine syrische Freundin hatte sich mit den Mitteln, die ihr im Augenblick zur Verfügung standen, zu helfen gewusst. Der Klebestift lag bereit und sie nutzte ihn ganz praktisch. Warum nicht? Dem Empfänger oder der Empfängerin der Bewerbung hätte die persönliche Note vielleicht sogar gefallen.