Lachen, fauchen, genießen

Die Schafgarbe erhebt sich stolz und strahlend in großer Gemeinschaft. Die Esche steht unerschütterlich in sattgrüner Wiese. Die feinen Flügel der Hummel glänzen im Licht der Sonne. Das Rotkehlchen hüpft neugierig durch die Küche und schaut mich fragend an. Dies sind Begegnungen eines Vormittags, klein und bedeutend, die mich heraus und hinauf tragen. Ich sehe die Welt so von einem besonderen Über-Blickpunkt. Es ist Hoch-Sommer, Zeit der Löwin. Stark, wild, frei kennt und genießt sie die Geschenke der Erde. Und schützt sie mit einem leisen Knurren, einem lauten Fauchen oder einem ansteckenden Lachen.

Die Angst heilen

„Herz der Erde“ wird sie in Nordamerika genannt: die kleine Braunelle

Ich radle durch die Stadt und freue mich über die Wildblumenwiesen, die zwischen Straßenzügen und entlang von Häuserzeilen wachsen können. Schon beim Anschauen fühle ich die Heilkraft der Pflanzen. Als bunte Gemeinschaft und als einzelne Kräuter öffnen sie sich mir und gehen unmittelbar in Kommunikation. Eine duckt sich im hohen Gras und will bewusst wahrgenommen werden: die kleine Braunelle, eine liebevolle Heilerin mit einer Macht, die groß ist und leicht zu übersehen.

Self Heal heißt die kleine Braunelle auf Englisch. Sorge für dich, achte auf deine Bedürfnisse und erkenne deine Kräfte und Möglichkeiten, sagt sie. Die passende Medizin findest du, wenn du die Verantwortung für dich und deine Gesundheit bei dir behältst. Du bist dir am nächsten und weißt am besten, was du brauchst. Nebenbei helfe ich dir, dem ins Auge zu schauen, was dich daran hindert, in Harmonie mit dir und deiner Umgebung zu sein: der Angst.

Die Braunelle nahm ich zum ersten Mal wirklich wahr im Sommer 2019. Ohne konkreten Anlass setzte ich eine Tinktur an. Die Medizin ruhte zunächst in einer Kiste – bis ich dieses Frühjahr eine intensive Begegnung mit Lady Corona hatte. Da meldete sich die kleine Wildpflanze mit Nachdruck und war mir eine wunderbare Begleiterin.

Die kleine Braunelle wächst in großen Gruppen. Trotzdem oder gerade deswegen achte darauf, wieviel davon für dich bestimmt ist. Ich empfinde die Gruppen durchaus als Familien, von denen sich einzelne Mitglieder gerne verschenken, die allerdings als System intakt bleiben wollen.

Mit Zwergenkraft in den Tag tanzen

Am Wegesrand entdecke ich einen Zwergenthron. Stabil und luftig unter Buchenzweigen steht er da. Die Schatten der noch frühlingsgrünen Blätter huschen über das von Wind und Regen polierte Holz. Im Weitergehen breite ich die Arme aus, strecke sie zum Himmel und singe ein altes Frauenkraftlied. Ich lache zur Morgensonne hinauf, klatsche in die Hände, ploppe mit den Lippen Trommellaute und tanze mit den sich sanft wiegenden Wildblumen. Die strahlende Wärme bewegt meinen Körper und meine Seele.

Tanzen ist ein schöner Morgenbeginn. Das kannst du zu deinem eigenen inneren Lied oder zu einem deiner Lieblingssongs machen. Fange mit behutsamen Bewegungen an und lass dich von den Impulsen deines Körpers führen.

Apfel, Fünfstern und Beltane

Es gibt Menschen, die einen Apfel quer aufschneiden, um vor dem Verzehr ein besonderes Zeichen der Gesundheit und der Erkenntnis zu Gesicht zu bekommen. Im Kerngehäuse der hoch geschätzten Frucht ist das Pentagramm zu erkennen. Der fünfzackige Stern zeigt sich auch in den Blüten. Diese öffnen sich gerade, kurz vor dem Jahreskreisfest der Sinnlichkeit, in ihrem reinen Weiß durchmischt mit karminrotem Rosenrot.

Himmel und Erde kommen sich nahe, alles fließt ineinander, alles ist miteinander verbunden: der Apfel mit dem Pentagramm, das Pentagramm mit dem Fest Beltane, Beltane mit der Venus, die Venus mit dem Fünfstern, der Fünfstern mit dem Apfel… und alles mit dem Erkennen der Lebensenergien.

An Beltane, in der Nacht zum ersten Mai feiern wir die unbändige Feuerkraft, auch die eigene. Der Winter mit Frost und Schnee ist endgültig vorbei, die Sonne lockt die Früchte der Erde und die Menschen nach draußen. Die Natur versorgt uns wieder üppig, die Tage sind lang und hell.

Hell leuchtet auch die Venus. Ihr Strahlen ist selten zu übersehen, sie ist der Morgen- und der Abendstern. Der Apfel ist die Frucht dieser berührenden, vereinigenden, liebenden, sinnlichen, lebenserhaltenden Göttin. Im kosmischen Tanz der Venus erscheint wie im Apfel der Fünfstern. Bei ihrer Bewegung um die Sonne trifft sich die Venus immer wieder an genau denselben fünf Punkten mit der Erde. Die beiden zeichnen so im Weltall ein unsichtbares Pentagramm.

Das Pentagramm bildet eine ungebrochene Linie, die ohne abzusetzen endlos überzeichnet werden kann. In der Tradition der weisen Frauen stehen seine Spitzen für die vier Elemente und die Geistin. Es schafft den (Schutz-)Raum für freie Entfaltung und Wandlungsfähigkeit. Hier schließt sich der Kreis zum Apfel: Sein Baum ist eine Quelle der Erkenntnis.

Frühlingswärme, Winterkälte

Wie die frischen Blätter und Blüten der Lärche will sich das Neue zeigen, sehr zaghaft in diesem Jahr. Die Kräfte der Frühlingswärme und die der Winterkälte ringen lange miteinander. Behutsam abwarten, gewaltig explodieren. Sich besinnen, losstarten. Nicht zu laut sein, sichtbar werden. Demütig, mutig. Träumen, tun. Das Hin und Her, das Entweder-oder ist maßlos anstrengend. Da meldet sich das Sowohl-als-auch. Der entscheidende Impuls kommt nicht nur für die Lärchenblätter im universellen Finden der Balance.

Was heißt eigentlich gesund?

Zaubert Sonne ins Herz: die Schlüsselblume

Lady Corona, die alte Hexe, die große Kali, fegt atemberaubend durch die Wohneinheiten, die Bürokomplexe, die Lehranstalten, die Fabrikhallen, die Alten- und Kinderaufbewahrungsstätten, die Konsumtempel, die Amtsstuben, die Krankenhäuser und lässt kaum einen kalten Stein auf dem anderen. Die Gedankenkarusselle geraten in Unwucht, die Kontrollmaschinen schwächeln. Die Herzen darunter liegen plötzlich offen mit all ihren Verletzungen – und Sehnsüchten. Bitte, wieder zurück in die Sicherheitszone! In welche? Die der Technik ohne Grenzen? Oder die der Erde mit der Bereitschaft zu sterben?

Jetzt, wo immer klarer wird, dass wir Viren nicht ausrotten können, könnten wir unseren Blick endlich wieder freigeben vom Starren auf richtige, falsche, manipulierte, dramatische, gefakte, frisierte…Zahlen. Da könnte sich der Horizont öffnen für eine wirklich spannende Frage: Was genau heißt es eigentlich, gesund zu sein?

Kleine Übung für die Balance

Stell dich, am besten barfuß (wenn’s dir nicht zu kalt ist) auf den Boden, dort, wo du dich ungestört fühlst, die Füße nicht zu eng beieinander, damit du einen guten Halt hast. Wenn du in einem geschlossenen Zimmer bist, öffne vorher das Fenster. Schließe die Augen und geh mit deiner Aufmerksamkeit in deinen Herzraum. Wenn es dir hilft, lege die Hände auf die Brust. Atme ein paar Mal bewusst ein und aus. Jetzt nimm die Geräusche um dich herum wahr, jedes ganz kurz, ohne es zu bewerten. Schau, wie es dich berührt, lass es sein und bleibe in deinen Herzraum. Stell dir vor, wie du dich dort immer wieder auf dich einbalancierst. Beende die Übung in deinem Tempo und zu deiner Zeit, indem du die Augen wieder öffnest und dich bei der Größeren Kraft – Mutter Erde, dem Universum, der Göttin… – bedankst.

Verstummen

Manchmal möchte ich verstummen angesichts der Wortkriege, die sich in die Welt verbreiten. Manchmal könnte ich heulen, wenn ich sehe, mit welcher Freude ein paar Idioten in den sozialen Medien zündeln und Flächenbrände auslösen. Manchmal bin ich fassungslos wütend, wie wir uns mitragen lassen von den shitstorms, die sich vollkommen destruktiv in unsere Gehirne ergießen.

Ja, manchmal möchte ich verstummen, mal nichts sagen, keine Worte finden. Der Frühling beginnt, und die Natur – auch unsere – spricht ihre eigene Sprache. Sie ist gerade jetzt voller Zuversicht, Aufbruch, Wohlwollen, Erblühen, Leichtigkeit, beschwingter Töne, Miteinander wachsen und sich am Wiedererwachen freuen. So viele Bilder, die aufsteigen und geteilt werden wollen. Soviele Worte, die die Kraft haben, Brücken zu bauen.

Das Abenteuer Zuhause

Die ersten Krokusse vor der Haustür entdecken

Die Kraniche ziehen weit oben am Himmel in beeindruckenden Formationen gen Norden. Ihre Rufe locken mich seit Tagen ans Fenster. Wehmütig schicke ich ihnen einen frühen Frühlingsgruß hinauf. Ein paar Etagen tiefer zwitschert mir ein Meisen-Pärchen ins Ohr. Auch sie wollen beachtet werden, ganz besonders sie. Während die Kraniche nur für kurze Momente zu meiner Alltagswelt gehören, werden mich die Meisen durchs Jahr begleiten. Sie sind Teil des Ortes, an dem ich heimisch sein will. Also gehe ich hier auf Reise und Spurensuche, entdecke die Krokusse und die Schneeglöckchen, höre das Gras im Park wachsen, sauge bald das zarte Grün mit den Augen und die ersten Blütendüfte mit der Nase auf, beobachte die Tauben, die sich im hauseigenen Efeu ein Nest bauen und freue mich über die frisch gepflanzten Hyazinthen der Nachbarin.

„Es genügt nicht allein, ,die Natur zu lieben‘ oder ,in Harmonie mit Gaia leben‘ zu wollen. Unsere Beziehung zur natürlichen Welt findet an einem Ort statt, und sie muss auf Information und Erfahrung begründet sein“, schrieb Gary Snyder in seinem Buch „Lektionen der Wildnis“. Für indigene Völker war und ist die Verbundenheit mit einem Ort selbstverständlich, ja sinngebend. Ohne diese Verwurzelung verliert für sie das Leben an Bedeutung und Orientierung.

Vielleicht willst auch du dich jetzt mit den Tieren, Pflanzen, Menschen, Steinen, Böden, Winden, Wassern… deiner Umgebung vertrauter machen. Das kannst du ganz einfach bei Spaziergängen tun. Schau mit offenen Augen und offenem Herzen, wer und was dir begegnet, wer hier außer dir noch zuhause ist.

Susanne Fischer-Rizzi hat ein schönes Buch geschrieben über die Möglichkeiten des Wieder-Heimisch-Werdens. „Das Geheimnis deines Ortes“ heißt es.

Die Kraniche auf ihrem Weg nach Norden vorbeiziehen sehen

Den Boden bewegen

„Die größte Kraft ist deine Fantasie“

„Unter dem Pflaster liegt der Strand“, heißt ein Lied aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wenn ich über den Asphalt der Stadt gehe, ist es mir manchmal so, als ob ich federnd versinkend auf Sand gehen würde, als ob der Boden mich und ich den Boden bewegte. Die fein zerriebenen Steine, die zermahlenen, zerkauten, zertretenen Blätter, Blüten, Samen und Zweige, die toten Tiere, von kleinen Lebewesen gewandelt und zu Humus geworden, kitzeln meine Fußsohlen und schwingen durch meinen Körper. Weil ich Erde bin, kann ich die Erde überall spüren – auch ohne die hinderlichen Pflastersteine gleich aus dem Sand reißen zu müssen.

*Das Lied, immer aktuell, stammt von der Frauengruppe „Schneewittchen“. Angi Domdey, die es geschrieben hat, nannte es ein „Emanzipationslied nicht nur für Frauen“.

Oma-Wissen

Purpurnes Leuchten im Wintergrau

Das Alpenveilchen mochte ich nicht. Auf der Fensterbank hinter Spitzengardinen neben der Eichenschrankwand platziert, war es der Inbegriff der Spießigkeit für mich. Dann kaufte ich einer alten Blumenfrau aus unerfindlichen Gründen ein Exemplar ab. Es steht draußen und beginnt zu blühen, wenn sonst nichts mehr wachsen will. Die herzförmigen Blätter und die fast außerirdisch purpur leuchtenden Blüten erfreuen mich schon den zweiten Winter. Am Ende des ersten wollte ich die Pflanze entsorgen. Doch sie ließ sich nicht aus dem Blumenkasten nehmen. Nun bleibt sie, bis sie selbst gehen will und lehrt mich vorurteilslose Achtsamkeit.

Jetzt weiß ich, warum sich die Pflanze nicht einfach ausreißen lässt. Saubrot wird sie auch genannt, weil Wildschweine die Knolle mögen. Für die Schweine ist die Pflanze ungiftig, für uns Menschen schon in kleinen Mengen tödlich. Das liegt an den enthaltenen Saponinen, die gering dosiert große Heilwirkung besitzen. In homöopatischer Verdünnung werden sie bei starken Kopfschmerzen, Migräne, Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt. Es ist kein Wunder, dass meine Omas das Alpenveilchen liebten. Es ist eine Frauenpflanze, eine große Helferin bei Beschwerden rund um die Menstruation. Mir hilft sie, ein einschränkendes Denkmuster zu erkennen. Spießig ist das Alpenveilchen beileibe nicht.