Das Leben ist ein Fest

Der Holunder strahlt im Licht des Lebens

Frau Holle im Holunder schüttelt ihre weißen Blüten-Sterne aus und zaubert einen unvergleichlich süß-herben Duft übers märchenhafte Frühlingsland. Sie hält die, die zwischen den Welten schweben, absturzgefährdet und fürs Neue bereit. Sie kennt keine Gegensätze – und keine Zeit. Vor allem die Zukunft, die zu beherrschende, gestaltende, ist ihr suspekt, denn sie liebt das Chaos, das Ungeplante, den Zustand sprühender Möglichkeiten jenseits beschränkter Vorstellungskräfte.

„Seelen, die zu sterben fürchten, sie werden niemals leben“: Die Zeilen aus einer deutschen Version des wunderschönen Liedes „The Rose“ könnten von der Göttin im Holunder stammen. Sie, die sich zeigt in den jungen weißen Blüten wie in den rot-schwarzen Früchten und dem knorrigen alten Baum, verbindet den Anfang mit dem Ende in der Spirale des Lebens. Sie lacht über die, die das farbenfrohe Sein auf der Erde zu einem Wettlauf mit der konstruierten Zeit und zum aussichtslosen Kampf gegen den Tod machen wollen. Das Leben als zu planende, zu sichernde, zu verlängernde Frist hat für sie keinen Wert. Das Leben der Frau Holle ist ein Fest voller überraschender Geschenke. Nichts und niemand ist ausgeschlossen. Auch der Tod feiert mit.

Mit der Holunderdame kannst du dich bekannt machen, indem du dich unter einen Strauch setzt und mit dem Duft der Blüten atmest. Mit einer Blütendolde kannst du auch dein Trinkwasser für den Tag aromatisieren.

Coyote in einer ver-rückten Welt, Teil 3

Die Höhle war kalt und modrig. Coyote zog sie der Welt draußen vor. Er rollte sich noch kleiner zusammen. Die Menschen waren ihm schnurzpiepegal. Sie wollten nichts von ihm wissen. Ja, neuerdings mieden sie ihn regelrecht. Dabei hatte er nun wirklich keine Ähnlichkeit mit einer chinesischen Fledermaus.

Er dachte nach – über das Leben und über den Tod, als plötzlich ein heller Strahl in sein dunkles Domizil drang. Coyote schnappte nach Luft. „Nein, bitte nicht, ich will noch nicht sterben!“, schrie er und legte eine Pfote an die Brust. „Weiteratmen“, rief ihm eine fröhliche Stimme entgegen. Caote, seine mysteriöse Begleiterin, lugte in die Höhle. Coyote erkannte sie an ihrer Kopfbedeckung aus allerlei Vogelfedern, die sie sich in die Stirn gezogen hatte. Den Rest des Gesichts verdeckte eine dieser Masken, mit denen sich die Menschen zurzeit vor ihrer Umwelt verbargen. Caotes Maske war sehr hipp. Zwei kleine Seehunde spielten darauf mit einem Ball voller lustiger kleiner Noppen.

Caote nahm die Maske ab und holte tief Luft. „Ich habe mich ein bisschen unter den Menschen umgeschaut“, sagte sie. „Was du gerade machst, nennen sie Quarantäne.“ Caote kratzte sich unter ihrem Hut. „Ist vielleicht wie bei dir ein Kommunikationsproblem“, sagte sie. „Du willst keinen Kontakt zu Menschen, die Menschen wollen keinen Kontakt mit einem Virus.“ Caote stellte ihren abgewetzten Rucksack vor Coyote und zauberte Lammkoteletts heraus. Coyote machte sich über das Fleisch her und war für wenige Minuten sehr zufrieden.

Kaum hatte Coyote den letzten Bissen hinuntergeschluckt, sprang Caote auf. „Mir scheint, es hat mich gerade eine Nachricht der Esche erreicht“, sagte sie und lauschte in den Wind. Coyote verdrehte die Augen. Seine Begleiterin hörte öfter mal Stimmen – nicht nur die von Bäumen. „Sie fragt, worauf du noch wartest.“ Coyote seufzte und dachte im Stillen: Ich habe keinen Mumm mehr in den Knochen. „Hab‘ ich der Esche auch gesagt“, sagte Caote schulterzuckend. Coyote knurrte grimmig, stieß sich blitzschnell vom Boden ab, fuhr seine Krallen Richtung Caote aus und stürzte sich auf sie. Gewandt befreite sich Caote aus dem Griff der Pfoten und rannte davon. „Hey, da geht noch was, Alter“, rief sie Coyote zu. Nach einer wilden Verfolgungsjagd ließen sich beide lachend in eine Frühlingswiese fallen. Da wusste Caote, dass sie der Lösung ihrer dritten Aufgabe schon sehr nahe waren.

Zwei Aufgaben der Esche hatte Coyote mit Caotes Unterstützung bereits erfüllt, und doch fühlte er sich seinem Ziel keinen Schritt näher gekommen. Die Menschen wollten von seinesgleichen nichts mehr lernen. Die Verrücktheiten und Anwandlungen von Größenwahn des Kojoten waren nichts im Vergleich zu ihren. „Aber du kennst im Gegensatz zu ihnen die Tricks, aus dem Schlamassel auch wieder herauszukommen“, gab Caote zu bedenken. Coyote war es immer noch ein Rätsel, wie ihm die Aufgaben eines alten Baumes dabei helfen sollten, dass die Menschen ihn wieder beachteten. „Die dritte Aufgabe hört sich so an, als sei sie von einem fernen Stern gechannelt“, sagte er höhnisch. „Finde heraus, wonach sich eine winzige Maus und eine kleine Fee ebenso sehnen wie ein großer Junge und eine alte Frau“, lautete sie. „Ich hasse diesen esoterischen Mist“, brummte Coyote. Caote lachte: „Ich auch!“ Doch sie ahnte, dass die alte Esche eine echte Magierin war. Coyote irgendwie auch. So machten sie sich also auf den Weg.

Coyote trottete neben Caote durch die Straßen, als eine junge Frau ohne ihn zu sehen schnurstracks auf ihn zulief. „Pass auf!“, rief Coyote, da fiel die Frau schon über ihn drüber. Ihr Smartphone flog durch die Luft und landete in Caotes ausgestreckter Hand. „Hui, gut gefangen.“ Die Frau atmete erleichtert durch und rappelte sich auf. Dann versuchte sie zu verstehen, wen sie vor sich hatte. „Whow“, rief sie, „ein Kojote und ein Hippiemädchen!“ Sie tippte schnell auf ihrem Smartphone. „Seid ihr auf Instagramm? Ich möchte dich als Follower, Kojote. Suuuper!“ Der Kojote und das vermeintliche Hippiemädchen sahen sich verständnislos an. „Follower?“, fragte Caote. „Verehrer, heißt das“, flüsterte Coyote und checkte, ob die junge Frau ihm gefallen könnte. Mhm, sie war ein Mensch. Ein Mensch, wie sich bald herausstellte, der zu einer „krassen Community“ gehörte. Caote fand sie schrill und sehr einsam. Coyote wurde zum Follower, und die junge Frau eilte freudig davon.

Die große Stadt war ungewöhnlich leer. Am Rande einer Bahnunterführung saß eine alte Frau auf ihrem Rollator und fütterte Tauben. Ausgelassen sprang Coyote in die Gruppe der Vögel, die wild aufflatterten und davonflogen. Die alte Frau begann zu weinen. „Das sind meine Freunde, meine Freunde“, schluchzte sie leise. Coyote wollte sich entschuldigen. Die Frau zitterte heftig vor Angst, als er sich ihr näherte. „Der tut nichts“, sagte Caote, „der will nur gestreichelt werden.“ Schelmisch grinste sie Coyote zu, der sie am liebsten erwürgt hätte. Doch die alte Dame blickte ihn so traurig an, dass Coyote sich wie ein braver Hund neben sie setzte und sie mit seiner Schnauze anstupste. Die alte Dame kraulte ihn und erzählte den beiden von ihren Kindern und Enkelkindern, die auf der anderen Seite des Erdballs lebten.

Nachdenklich und ohne Ziel ließen sich der Coyote und Caote weiter treiben. „Was bist du denn für ein haariges, hässliches Biest?“ Ein schon sehr großer Junge stellte sich ihnen in den Weg. In seinen Händen hielt er einen Fußball, den er Coyote mit voller Wucht gegen die Nase warf. Coyote fletschte die Zähne, da warf sich Caote dazwischen. „Was bist du für eine dämliche Zicke?“, schrie der Junge. Caote erklärte ihm in sehr schönen Worten, warum sie keine dämliche Ziege und Coyote kein hässliches Biest war, nahm den Ball, jonglierte ihn gekonnt mit dem Fuß und köpfte ihn zu dem Jungen. Die drei kickten gemeinsam, bis es dunkel wurde.

Coyote und Caote betrachteten die volle Mondin. Es war sehr still. Da flitzte eine Maus an ihnen vorbei, gefolgt von einem kleinen Zwerg. Eine gitzernde Fee schwebte dahin, und ein Wesen, für das sie keinen Namen kannten, stapfte über die Wiese. Sie waren alle in dieselbe Richtung unterwegs. „Lass uns mal schauen.“ Caote war neugierig. Wenige Schritte entfernt saß ein junger Mann mit gekreuzten Beinen auf einer Matte. Um ihn herum hatten sich der Zwerg, die Maus, die Fee und das unbekannte Wesen versammelt. Sie sahen den Mann gespannt an, doch der sah sie nicht. Seine Augen waren geschlossen. „Die Menschen nennen das meditieren“, flüsterte Caote. Coyote setzte sich neben die Maus, Caote neben den Zwerg. So saßen sie einträchtig beieinander. Plötzlich stöhnte der junge Mann laut auf und schlug mit den Fäusten auf den Boden. Die Maus, die Fee, der Zwerg, das unbekannte Wesen, Caote und Coyote flitzten erschrocken davon. „Verdammt! Ich sehe nichts!“, rief der junge Mann, vergrub den Kopf zwischen den Armen und schimpfte mit sich selbst.

„Das wird mir langsam alles zu ernst!“ Coyote lief missmutig im Kreis. „Ich will Lammkoteletts essen und schmutzige Witze erzählen“, rief er. „Ich will Musik machen und tanzen“, gab Caote zurück. „Ich will eine Kojotin lieben“, erwiderte Coyote. „Ich will eine Frau küssen und einen Mann in den Arm nehmen“, sagte Caote. „Ich will mit einer Maus einen Baum hochjagen.“ „Und ich mit einem Kind auf einen Baum klettern.“

„Und ich will, dass ihr zu mir kommt, aber nicht allein!“ Coyote und Caote sahen sich fragend um. „Wer hat das gesagt?“ Caote lächelte. „Die Esche!“ So luden die beiden Aufgaben-Löser*innen ein paar Erdenbewohner ein, mit ihnen die Esche zu besuchen: die junge Frau von Instagramm, die alte Dame mit ihren Tauben, den fußballspielenden Jungen, die Maus, die Fee, den Mann auf der Yoga-Matte, den Zwerg und das Wesen, für das sie noch keinen Namen kannten. Wer sich ihnen auf ihrem Weg anschließen wollte, war herzlich willkommen. Sie begegneten dem Eichhörnchen, das für Coyote drei Eicheln ausgegraben hatte, dem Mitbewohner der Klugscheißerin Alexa, dem kleinen Mädchen, das sich gerne in der Wiese wälzte, dem Lieblingspizzabäcker und dem Lieblingstürken, dem Mann in piekfeinem Anzug und der Frau im superschicken Business-Kostüm, die Coyote und Caote eine Geruchsprobe verweigert hatten. Sie alle gingen mit ihnen.

Als sie die alte Esche in ihrem Wald erreichten, staunten die Menschen, Tiere und anderen Wesen nicht schlecht. Die köstlichsten Speisen und Getränke waren unter dem lichten Blätterwerk des Baumes ausgebreitet. Jede und jeder fand einen passenden Platz, und sie feierten miteinander das, wonach sie sich alle sehnten: Gemeinschaft.

Hier könnt ihr die ersten beiden Teile der Geschichte lesen

Mutig dem Neuen begegnen

Elfen und Feen fühlen sich bei der Lärche heimisch

Die Lärche will frei atmen. Sie wächst am liebsten in luftigen Höhen und strebt zum Licht. Das geht nicht ohne stabile Basis. Tief verwurzelt in der Erde trotzt sie den heftigsten Stürmen, ohne festzuhalten, was loslassen will. Die Lärche ist Symbol für Wagemut und Erneuerung.

Allein durch ihre Daseinsformen sind Bäume als Orte der Ruhe und Kraft zu erkennen. Mich lockte die Lärche. Dabei lädt die schrundige Borke nicht gerade zum Anschmiegen ein. Sie fordert vielmehr den nötigen Respekt. Die Lärche, wie alle Nadelbäume, hütet einen wertvollen Schatz: Ihr Harz ist ein begehrtes Heilmittel. Ihr Holz ist hart und wasserbeständig wie das der Eiche. So bauen die Venezianer auch auf die Stärke der Lärche.

Im Frühling erfreut die Lärche besonders durch die lustig-wilden Pinsel aus den weichen, zartgrünen Nadeln und die purpurroten neuen Zäpfchen. Im Sommer grün, leuchten die Nadeln im herbstlichen Sonnenlicht atemberaubend goldgelb. Anders als andere Nadelbäume wirft die Lärche ihre Blätter ab. Die Zapfen fallen nach vielen Jahren erst mit den Zweigen von den Ästen.

Die Lärche bietet vielen Wesen Lebensraum, Schutz und Nahrung. Vögel, Mäuse und Eichhörnchen machen sich bei ihr ebenso gerne heimisch wie Elfen und Feen. Viele Sagen ranken um Waldfrauen und weibliche Hausgeister, die wohlgesonnenen Menschen zur Seite stehen – Müttern bei schweren Geburten, Familien bei der Pflege der Kinder, Wanderern beim Finden des Weges. Die Elfen und Feen, die an Lärchenplätzen wohnen, helfen den Menschen, solange diese in Einklang mit den Gesetzen der Natur leben und belohnen sie reich.

Das Harz der Lärche wirkt auf körperlicher Ebene durchblutungsfördernd, wundheilend, desinfizierend, schleimlösend und wird zu einer heilsamen Salbe verarbeitet. Ganz einfach ist es, das Harz zum Räuchern zu verwenden. Mit dem Rauch lässt sich Altes verabschieden und Neues begrüßen. Die Räucherungen sind wärmend, entkrampfend, reinigend, stärken die Atmungsorgane und helfen, gestaute Energien wieder zum Fließen zu bringen. Und sie verbinden uns mit den Kräften der Natur, die um uns herum und in uns wirken.

Vielleicht magst du jetzt selbst ausziehen, um die Lärche oder einen anderen Baum zu erforschen, zu erspüren, wahrzunehmen, dich mit ihm auszutauschen. Du kannst damit beginnen, dich an oder neben einen Baum zu setzen und nichts mehr zu denken.

* Wenn du das Lärchenharz sammelst, achte darauf, dass du es nur von verletzten Bäumen nimmst und dass du die Wunde des Baumes dabei nicht aufreißt. Brich vorsichtig etwas von dem Harz ab, das an der Oberfläche schon ausgehärtet ist. Frag den Baum vorher, ob du dir etwas nehmen kannst und bedanke dich danach. Harz ist am besten auf einem Stövchen zu räuchern. So kann sich der feine Duft langsam verbreiten.

Löwenzahn-Kraft

Löwenzahn und Knoblauchrauke

Kinder haben sich eine Natur-Weisheit bewahrt, die wir Erwachsenen uns oft wieder erschließen müssen. Ein bitteres Kraut ist eine ihrer Lieblingsblumen. Spielerisch verbinden sie sich mit der Kraft der Wildpflanze, basteln gelbe Blütenketten, trompeten mit den breiten Stängeln oder bauen mit ihnen Wasserleitungen, verwandeln sich mit Kränzen in Zauberfeen, kleben sich mit dem weißen Milchsaft Gänseblümchen-Schmuck ans Ohr und pusten die silberweißen Samen in die Welt. Kinder sehen das, was ist und machen was daraus.

Den Löwenzahn in den Mund zu nehmen, könnte schon als echte Mutprobe gelten. Furchtbar bitter schmecken Blätter, Stängel, Blüten. Doch auch diese Erfahrung gehört zum Kennen- und Schätzenlernen dazu. Bitter heißt: Geh achtsam mit mir um, ich könnte giftig sein. Der Löwenzahn verlangt, das rechte Maß im Auge zu behalten, denn bitter heißt auch: Ich bin eine starke Medizin. Was uns nicht mehr gut tut, also giftig ist, ist meist eine Frage der Dosis.

Der Löwenzahn will in seiner beeindruckenden Vielfalt wahrgenommen werden. Die strenge Bitterkeit gehört ebenso zu ihm wie die strahlend-gelben Blütensonnen, die robuste Wurzel zeigt seine Qualität wie die zarten Samen. Mit Namen, Aussehen und Geschmack lässt sich schon viel über den Löwenzahn erfahren.

Die US-amerikanische Kräuterkundige Susun Weed hat dem Löwenzahn den Titel Doktor Selbstheilung gegeben. Wildkräuter unterstützen uns dabei, die Verantwortung für unsere Gesundheit in die eigenen Hände zu nehmen. Für die Kontaktaufnahme braucht es nicht viel. Selbst in der Stadt wachsen Löwenzahn und Co. Die einfachste Art des ersten Kennenlernens ist, die Pflanze zu betrachten, zu befühlen und etwas von ihr zu probieren. Es gibt zahlreiche, sehr leckere Rezepte für Speisen mit Wildkräutern. Am einfachsten ist es, sich im Frühling einen frischen Salat zu machen. Es versteht sich von selbst, dass ihr nur die Pflanzen sammelt, die ihr eindeutig bestimmen könnt und dass ihr nur soviel nehmt, wie ihr essen wollt. Es muss nicht viel sein, um sich mit der Pflanze und ihren Kräften anzufreunden.

Nicht selten kommt es vor, dass mir eine bestimmte Pflanze bei meinen Frühlingsspaziergängen immer wieder begegnet. Ich nehme es als Zeichen dafür, dass sie für mich im Moment von besonderer Bedeutung ist. Die Heilkraft der Wildpflanzen hat viele Facetten und Erscheinungsformen, und Doktor(in) Selbstheilung sind sie auf ihre Art alle.

Den Frühling berühren

Ich bin.

Die Eichhörnchen jagen sich im Hinterhof ausgelassen einen Baum hoch und hinunter. Eine Amsel singt dazu ihr Morgenlied. Zwei Krähen schauen von einem alten Antennenmast auf die Welt, und der Himmel beginnt sich im Glanz der Sonne in sein unvergleichliches Blau zu färben. Die bewegten Bilder des Neubeginns lösen die Erstarrung.

Wildkräuter wachsen und warten darauf, uns zu stärken und zu nähren. Das lichte Grün der jungen Buchenblätter tauscht sich aus mit meinem Herzen. Vorsichtig streiche ich über den zarten Flaum eines Blattes. Ich berühre den Frühling, und der Frühling berührt mich.

Widerstand ist zwecklos

Die gelbe Blüte der Kornelkirsche zeigt sich schon im Februar

Der Sturm pfeift, heult, wütet, braust,

tobt, verwirbelt, zerstört,

reinigt.

Unbeeindruckt.

Rück-sichts-los.

Widerstand ist zwecklos.

Ein riesiger Baukran verharrt und kippt um.

Die kleine Blüte der Kornelkirsche geht mit und hält stand.

Das Neue ist schon da

Die Kätzchen der Birke überwintern

Sie zeigen sich schon im Hochsommer, doch erst jetzt im Herbst, wenn die Tage kürzer und kälter werden, bemerke ich sie, weil sie so gar nicht in die Jahreszeit zu passen scheinen: die frischen Kätzchen von Haselstrauch und Birke. Zahlreich hängen sie an den Zweigen zwischen sich verfärbenden und abfallenden Blättern. Genauso wie die weiblichen Blüten in den Knospen scheren sie sich nicht um den nahenden Frost und haben sich entschieden, im Freien zu überwintern.

Die Knospen aller Bäume wachsen spätestens im August. Für mich sind sie ein zutiefst berührendes Symbol. Was auch geschehen mag, das, was ist, gebiert das, was sein soll, lange bevor es wachsen kann. Der Kreislauf des Lebens hat gerade dann, wenn sich die Natur zurückzieht, die Chance und die Gewissheit, sich weiterzudrehen.

Die Knospe enthält den gesamten Zweig mit Blättern und Blüten, der sich im nächsten Jahr entfalten will. Das zarte Neue braucht Schutz. Damit die Knospe nicht erfriert, zieht der Baum die Flüssigkeit aus ihr ab und lagert eine Zuckerlösung ein. Dann ruht die Knospe für viele Monate, um sich schließlich in der Frühlingssonne zu öffnen.

Die weise Feuerkraft des Salbeis

Im August geerntet, sind die Blätter am heilkräftigsten

Wäre der Salbei ein Mensch, er wäre eine starke Frau, sagt die eine Kräuterkundige. Wäre der Salbei ein Mensch, er wäre ein alter Magier in blauviolettem Mantel mit silbergrauem Haar, meint die andere. Beides und nichts mag der Wahrheit entsprechen. Die Bilder, die wir uns schaffen, mögen immer nur Ausschnitte erfassen von dieser großen Schamaninnenpflanze, deren Sein über menschliche Zuordnungen hinausgeht. Was wir beschreiben können, ist ihre Heilkraft, zumindest einen großen Teil davon. Es gibt kaum Alltagsbeschwerden, die wir nicht mit Salbei behandeln können.

Als Tee aus frischen oder getrockneten Blättern hilft er bei Entzündungen jeder Art, bei Erkältungen, Halsschmerzen, bei Kreislaufschwäche, bei nächtlichem Schweißausbruch, und er ist allgemein kräftigend. Frauen ist er ein unterstützender Begleiter vom Beginn der Menstruation über den (unerfüllten) Kinderwunsch bis in die Wechseljahre. Er stärkt das Gehirn, erhöht die Konzentration beim Lernen oder bei Prüfungen und wirkt gegen Gedächtnisverlust.

Geräuchert und im Pflanzenwasser reinigt der Salbei Menschen und Räume. Er steht zur Seite, um  bei inneren Prozessen, Übergängen und Zeiten des Wandels bei sich bleiben zu können.

Die Vielseitigkeit mancher Heilpflanze lässt uns einerseits staunen und andererseits oft überfordert fragen, ob sie im konkreten Fall wirklich die Richtige ist. Da kann es von Vorteil sein, die Bücher beiseite zu legen und an den Blättern des Salbeis zu riechen, mit den Fingern über die behaarte Oberfläche zu streichen und sich einfach einen Tee zu brauen.

Noch ein Weg kann sein, sich den Grundcharakter einer Pflanze bewusst zu machen. Der Salbei ist ein Kind des heißen Südens. Aus dem östlichen Mittelmeerraum gelangte er im Mittelalter in unsere Gärten. Er besitzt die Kraft des Feuers, die jetzt im August am stärksten ist. „Weise“, „sage“, ist der englische Name des Salbeis. Ein weises Erdenwesen ist er allemal. Und wirklich weise ist, wer mit den Lebenskräften angemessen umzugehen lernt. Die Feuerkraft kann wärmen und verbrennen, inspirieren und transformieren, die Liebe ebenso nähren wie die Wut.

Der Salbei lehrt uns, genau zu schauen, welches Maß an Feuer wir entsprechend unserer Aufgabe und unseres Alters nutzen können und sollen. Die Warnung gegen Maßlosigkeit liefert er gleich mit: Das in ihm enthaltene Nervengift Thujon kann bei Überdosierung zu Herzrasen, Krämpfen und Lähmungserscheinungen führen.

Wäre der Salbei ein Mensch, dann wäre er ein Magier und eine weise Frau, deren Leitspruch lautet: Erkenne dich selbst, finde das Maß, tu was du willst und schade niemandem.

Die oben zitierten Kräuterkundigen sind Susanne Fischer-Rizzi und Ursula Gerhold. Die Weisheit des Salbeis, das Feuer im rechten Maß zu nutzen, gab mir Ursula Gerhold weiter.

Standhalten und mitgehen

Ich denke nicht, ich sehe

Standhalten oder mitgehen, loslassen oder festhalten, sich wehren oder sich hingeben: Die satten Wiesen, durch die der Wind bläst, kennen kein Entweder-oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch. Die Grashalme und Wildblumen biegen sich in einem gemeinsamen Tanz, sie fließen dahin, überlassen sich dem Sturm und bleiben doch fest verwurzelt stehen in den steilen Berghängen.

Der Widerspruch zwischen standhalten und mitgehen löst sich auf. In dem Bewegen und gleichzeitigem Stehenbleiben ist es, als ob die Wiesen Energie im Hier und Jetzt aufnehmen, ihren Teil behalten und das Meiste einfach weitergeben. Es ist, als ob sich ein Strom ergießt über die Kuppen der Hügel und hinauffließt in die oberhalb thronende geheimnisvolle Bergwand.

Die Bergwand betrachte ich lange und immer wieder – ohne Ziel, ohne Grund, ohne Absicht. Sie zieht mich in ihren Bann in ihrer Unerschütterlichkeit und Mächtigkeit, in ihrer Stille und Unergründlichkeit. Ich denke nicht, ich schaue. Mein Kopf darf leer werden, was mir Angst machen kann und im Moment einfach nur befreiend ist. Ich sehe. Die ruhigen Berge, die wogenden Wiesen, die rauschenden Bäume, den Bach im Tal und das Hausrotschwanz-Pärchen über mir, das seine Jungen füttert. Und wenn ich mich zur gegebenen Zeit bewegen werde, dann will ich dabei gut verwurzelt sein.

Bergwiese

Im Blüten-Sternenkleid

Frau Holle im Holunder trägt ihr leuchtend-weißes Sternenkleid. Verwandlung ist ihre Kunst, die Liebe ihre Leidenschaft. Der Strauch und die in ihm wohnende Göttin geben ihre Heilkraft dem und derjenigen, der und die bereit ist, aus der Klarheit des Herzens heraus bedingungslos zu handeln. Wie Goldmarie im Märchen.

Frau Holle und ihr Hollerbusch dienen dem Leben ganz und gar, ohne wenn und aber, sie verbinden schwarz und weiß, das Werden mit dem Vergehen, sie kennen keine Gegensätze, sondern nur Ergänzungen wie männlich und weiblich. Die zarten, in den Himmel weisenden Blüten des Frühlings gehören zu ihnen wie die satten, sich zur Erde beugenden schwarzen Beeren des Herbstes. Alles hat Platz, wenn es aus dem Herzen kommt.

Wildpflanzen lassen uns in symbolträchtigen Bildern schwelgen, die auf ihre Heilkunst hinweisen. Sie wirken nie nur auf der körperlichen Ebene, sie sind Nahrung und Medizin auch für Geist und Seele.

Um den Geschmack von Holunderblüten kennen zu lernen, kannst du einfach eine Blütendolde zusammen mit einer Scheibe Zitrone in einen Krug mit Trinkwasser geben, kurz ziehen lassen und das abgeseihte Wasser trinken. Oder du pflügst ein paar Blüten und zerkaust sie langsam.

Aus den Blüten lassen sich außer starker Medizin allerlei Leckereien machen: Holundersirup, Marmelade, Holundermilch, Küchle, Limonade, Sekt. Bevor du die Blüten pflügst, überlege, was du damit machen willst. Denn auch die Beeren, die an den nichtgepflückten Dolden wachsen, sind für uns Menschen – und für zahlreiche Vogelarten – wahre Kraftpakete.