Herbst-Neu-Mondin

Sich an den Geschenken des Lebens freuen, ist ein starker Schutz fürs Immunsystem

Das Eichhörnchen flitzt über die Straße,

die Sittiche schütteln uns die letzten Walnüsse vom Baum.

Frau Mondin verschwindet

und webt im Dunklen feine Schutzhemden

für die Herzen, die sich ihr öffnen.

Für die anderen ebenso.

Die Erde zieht sich zurück

und braut in ihrem unsichtbaren Kessel

den Zaubertrank für das, was wachsen will.

Es ist Herbst.

Zeit, das Neue zu erträumen.

Licht (auf-)bewahren

Die Königskerze sendet immer noch kleine Lichtstrahlen

Die Königskerze vor meinem Fenster ist eine Überlebenskünstlerin. Scheinbar längst verblüht, sprießen auch jetzt noch immer wieder neue gelbe Blüten aus ihrem Stängel. Sie verströmt ihr inneres Licht über den Sommer hinaus. Ich sehe ihre Leuchtkraft und denke an die Geschichte von Frederick, der Sonnenstrahlen, Farben und Worte sammelt. Die Feldmaus legt einen ganz besonderen Vorrat für den Winter an. Mit dem Licht, das Frederick (auf-)bewahrt, nährt und wärmt er die Herzen an trüben und kalten Tagen.

Das tut auch die Königskerze. Sie hilft zudem, wenn die eigene Stimme abhanden kommt und das innere Licht vom äußeren Nebel verschluckt zu werden droht. Auch die eigenen Farben wollen in die dunkle Zeit mitgenommen werden.

Die Walnuss und der Klimawandel

Walnüsse brechen aus ihren Schalen

Nüsse sammeln hilft bei Weltschmerz. Es weckt die Erinnerung an die Jägerin und Sammlerin, die sich im Austausch mit ihrer Umgebung selbst versorgen kann. Die Bäume verschenken zurzeit ihre Früchte und geben uns eine Ahnung davon, dass es die Erde gut mit uns meint. Da kommt auch schon mal der Gedanke auf, dass der Klimawandel nicht nur schlecht sein muss. Ein Nussbaum mit wertvoller Nahrung und großer Heilkraft profitiert davon: die Walnuss.

Die Walnuss mag es warm, weil sie ursprünglich aus Mittelasien kommt. Daher breitet sie sich bei steigenden Temperaturen bis in die mitteleuropäischen Wälder aus. Einige Bewohnerinnen und Bewohner hiesiger Breitengrade – Eichhörnchen, Siebenschläfer, Mäuse, Krähen, Häher, Spechte, Meisen, Menschen – haben die nahrhaften Früchte seit Jahrhunderten auf ihrem Speiseplan. Doch wie für die alten Griechen, die die Walnuss als königliche Speise der Götter betrachteten, ist sie auch für uns immer noch ein besonderer Leckerbissen. Das ist gut so: Die Walnüsse sind sehr fett und sehr proteinhaltig, also in der täglichen Ernährung eher als köstliche Beigabe zu genießen.

Als Beigabe ist sie Kraftnahrung vom Feinsten. Außer hochwertigen Ölen und Eiweiß enthält sie viele Vitamine und Mineralstoffe. Wie die Haselnuss ist sie Hirnnahrung und nervenstärkend, Symbol für Fruchtbarkeit und Schöpferkraft.

Nüsse, Blätter und grüne Schalen werden in der Heilkunde vielfältig eingesetzt. Die Walnuss wirkt unter anderem entzündungs- und keimhemmend, antioxidativ und blutreinigend. Sie ist in der Lage, die Darmflora zu richten, hat also einen direkten Draht zu unserem Bauchgehirn, dem Darm.

Weil die Walnuss mit dem Klimawandel klarkommt, kann sie uns bei diesem großen Umbruch unterstützen. Wir können von ihr innere Stärke, Stabilität, Abgrenzung und Selbstsicherheit lernen. Für die Pflanzenkundige Anne McIntyre ist ihre Essenz das Sprungbrett zu echten Veränderungen.

Sommersonnwende

Das Johanniskraut speichert das Sommersonnenlicht

Die Fülle stößt auf die Angst
und will sie behutsam in den Arm nehmen.
Die Angst will nicht gekuschelt werden.
Die Fülle geht auf Abstand.
Und bleibt. Weil sie ist.

Die Leidenschaft trifft auf die Traurigkeit
und will sie zum Tanzen bringen.
Die Traurigkeit will ihre Ruhe.
Die Leidenschaft geht auf Abstand.
Und bleibt. Weil sie gebraucht wird.

Den Frühling berühren

Ich bin.

Die Eichhörnchen jagen sich im Hinterhof ausgelassen einen Baum hoch und hinunter. Eine Amsel singt dazu ihr Morgenlied. Zwei Krähen schauen von einem alten Antennenmast auf die Welt, und der Himmel beginnt sich im Glanz der Sonne in sein unvergleichliches Blau zu färben. Die bewegten Bilder des Neubeginns lösen die Erstarrung.

Wildkräuter wachsen und warten darauf, uns zu stärken und zu nähren. Das lichte Grün der jungen Buchenblätter tauscht sich aus mit meinem Herzen. Vorsichtig streiche ich über den zarten Flaum eines Blattes. Ich berühre den Frühling, und der Frühling berührt mich.

Verborgen in Veränderung

Wirklich unwirklich

Der Nebel glättet die Kanten und verwischt die Konturen, im Regen zerfließen die Strukturen und verschwimmen die Schärfen. Das Außen erscheint irreal, verborgen in Veränderung begriffen und kaum zu er-fassen. Worüber streiten wir uns? Was gibt es zu tun? Fragen bleiben unbeantwortet, Entscheidungen ungetroffen. Die Erde ruft nach Beachtung, nach Verwurzelung, nach sinnlichem Wahr-nehmen. Im Vagen bereitet sie den Weg zu innerer Klarheit. Mit ihrer Unterstützung unter den Füßen, im Bauch und im Herzen übe ich mich im Wünschen. Nicht den Porsche, den nächsten Urlaub oder den besseren Job. Ich suche zu ergründen, wofür mein Licht wirklich und wahrhaftig brennen will.

Die Kelten feierten in dieser Zeit Imbolc, das Fest der Brigid, Göttin der Inspiration und des ersten Lichtfunkens, der die Vision für das Wiedererwachen nach der Dunkelheit nährt. Die Christen segnen Kerzen, und auch sie ehren die alte Göttin des Lebens, in Gestalt von Maria. Alles ruht noch im Schoß von Mutter Erde, auch die Träume, Wünsche und Visionen. Bis sie als kleines Lichtlein aufsteigen und in die Welt gebracht werden wollen. Ganz behutsam und geschützt, denn noch pfeifen die eisigen Winde über sie, und der kalte Frost prüft ihre Beständigkeit.

Die Gabe der Percht

Am Ende der Rauhnächte huscht die Percht, die wilde Macht der Tage zwischen den Jahren, noch einmal durchs Bild.

Die leuchtende, dunkle Percht,

die Weise, die Stürmische,

die Schöne und die Hässliche,

die Schützende und Verbergende,

die wilde Magierin

lässt sich feiern

am Tag der drei Magier aus dem Morgenland,

dafür,

dass sie dich zerzaust, verwirbelt,

in den brausenden, tiefschwarzen Nächten

der geschenkten Tage

geschluckt und wieder ausgespuckt hat.

Was bleibt, ist:

die Leere.

Auszuhalten

und neu zu füllen.

Frau Percht vertreibt die Zeit

Geschenke ohne Harmonie-Guss

Wir haben mit den Geistern der Wintersonnwende gelacht und gesungen. Leise, denn die Stille wollte sich ausbreiten in uns und um uns herum. Wir haben das Helle begrüßt und der Dunkelheit gedankt. Wir haben unser kleines Licht wieder-entdeckt und etwas davon in die Welt geschickt. Die Geschenke mögen mich durch Weihnachten tragen, mich nicht bange machen lassen vor der unerfüllten Sehnsucht, der auf ein unbestimmtes Morgen vertröstenden Hoffnung, dem klebrigen Harmonie-Guss und dem schmerzvollen Korsett der Christnacht-Friedlichkeit. Nicht beirren lassen von dem ewigen Retter – von wem, vor wem, von was eigentlich?

Das kleine Licht möge leuchten und wachsen und wir im besten Fall die Gemeinschaft ehren und nähren, die uns dieser Tage begegnet, begleitet, umgibt.

Illusion gibt es nicht

Eine andere Sicht der Dinge

Illusion. Das ist die falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit, sagen die Spracherklärer. Die weise Alte, die Wächterin der dunklen Zeit, kichert. Wessen Wirklichkeit, fragt sie forsch? Und kann das, was du für wahr nimmst, wirklich falsch sein? Und was heißt eigentlich falsch? Alte, du kannst ganz schön nerven, die ver-rückte Wirklichkeit ins Absurde verrücken und für noch mehr Verwirrung sorgen. Die Alte beugt sich zu mir. Mit ihren warmen, rauen Lippen berührt sie sanft mein Ohr. „Warum nimmst du deine Wahrheit nicht ernst?“, flüstert sie eindringlich.

Was wäre also, wenn es die Illusion gar nicht wirklich gäbe?

Gestaltwandel

Wild und närrisch durch die dunkle Zeit

Sankt Martin trifft die Närrin.

„Du hast einen schönen warmen Mantel“, sagt die Närrin.

„Du trägst ein herrlich buntes Gewand“, erwidert Sankt Martin.

„Lass uns tauschen!“, ruft die Närrin.

Und schon legt sie sich den Mantel über und wirft Martin ihren Rock zu.

Der heilige Mann springt vom Pferd und tanzt ausgelassen mit der wilden Frau,

bis diese ganz ernst wird und besinnlich dreinschaut.

Sankt Martin beginnt lauthals zu lachen, und die Närrin lacht mit.

Gestaltwandelnd tauchen sie ein in mythische Zeiten, in denen alles möglich war.

Träumend überschreiten sie Grenzen, hinter denen alles richtig ist.

Frei betreten sie einen Raum zwischen den Welten, in dem sie alles verstehen können.

Was war, was ist und was sein wird verschmilzt,

Ordnung und Chaos wirbeln verrückt durcheinander.

Eine Krähe schnappt sich von der Bühne eine rote Pappnase

und torkelt als Clown in die nächste Kneipe.