Karwenzel reist zu den Kristallen – Heilstein-Geschichten für das Innere Kind

Karwenzel packte seinen kleinen abgegriffenen roten Rucksack aus gefilzter Schafwolle. Er stopfte einen Ersatzpulli und eine Ersatzhose für den Notfall hinein. Mehr nicht, denn er brauchte keine Regenjacke und keine Unterhosen. Etwas zum Essen und Trinken würde er im Wald finden oder von Menschen bekommen, die ihn sehen konnten. Wie immer, wenn sich Karwenzel vor einer Lernreise von der Familie verabschiedete, umarmte ihn die Großmutter fest und flüsterte ihm ins Ohr: „Schau dir die Welt genau an – mit den Augen und mit dem Herzen. Glaube nichts und halte alles für möglich.“

Karwenzel stieg die Stufen aus der Höhle, in der sein Zwergenclan lebte, hinauf an die Erdoberfläche. Es war seine mittlerweile 37. Lernreise, obwohl er noch ein recht junger Zwerg war. Jedes Mal, wenn ein neues Thema auf dem Unterrichtsplan stand, ging er auf Lernreise – einmal zu den Eichen und Fichten, ein anderes Mal zu den Bächen und Flüssen, dann zu den Bären und Ameisen, den Schmiedinnen und Schneidern, den Elfen und den Riesen. Das machten alle Zwerge so. Denn wie sollten sie zum Beispiel wissen, was eine Rose ist, wenn sie nicht einmal an ihr gerochen, ihre Stacheln gespürt und sich mit ihr unterhalten hatten?

Der blaue Chalcedon

Es war ein wunderschöner Morgen. Die letzten Schneeflocken des Winters hatten die Bäume über Nacht eingehüllt und glitzerten in der Sonne, Spuren von Rehen und Wildschweinen führten über den weißen Boden der Waldlichtung. „Steine und Kristalle“: Karwenzel sprach die Worte bedächtig vor sich hin.

„Kein Unterrichtsfach ist wichtiger oder weniger wichtig“, hatte ihm sein Lehrer gesagt. „Dieses ist für uns Zwerge von besonderer Bedeutung. Denn Steine sind die meiste Zeit um uns herum. Wir leben in Höhlen, unter Bergen und in Schluchten. Zudem hüten wir, wie du weißt, die Reichtümer der Erde. Du wirst auf deiner 37. Lernreise erfahren, dass Edelsteine zu den größten Schätzen gehören.“

Leise rieselte Schnee von der Tanne direkt vor ihm, als ein Eichelhäher auf- und vor dem kleinen Zwerg herflog. Karwenzel wusste, dass er nach den Steinen nicht suchen musste. Er würde sie finden. Und tatsächlich, nachdem er, begleitet von der Wärme der Sonne über ihm und dem Knirschen des Schnees unter seinen Stiefeln, gegangen war, erblickte er etwas, dass er hier im Wald noch nie gesehen hatte.

„Das muss ein Kristall sein“, rief er begeistert, um gleich darauf ein wenig ratlos von einem Fuß auf den anderem zu treten. Was sollte er den Stein nun fragen? Karwenzel kratzte sich an der Stirn und strich unsicher über seinen flauschigen Wollpullover. Vorsichtig schlich er um das unförmige Ding herum, das stumm und starr vor ihm lag. Der Stein funkelte mit den Schneekristallen um die Wette. Seltsam berührt von der Farbe trat Karwenzel näher. Das zarte, fast durchscheinende Hellblau erinnerte ihn an den Himmel im Frühling, wenn das Leben neu erwachte, und an Delphine, die übermütig das Meer durchpflügten und dabei sanfte Wellen hinter sich ließen. Wie verzaubert streckte er seine Hand zu dem Kristall hin und zog sie im letzten Moment, bevor er zugreifen wollte, schnell wieder zurück.
„Wie soll ich mich nur mit dir unterhalten?“ Karwenzel seufzte tief.
„Du unterhältst dich doch schon längst mit mir.“
Der kleine Zwerg plumpste rückwärts in den Schnee. Obwohl er wusste, dass Zwerge mit allem und jedem sprechen konnten, war es ein bisschen unheimlich, die Stimme eines Steines zu hören.
„W… was meinst du damit, ich unterhalte mich schon mit dir?“
„Du hast mich angeschaut, mit deinem Blick hast du mir gesagt, dass ich dir gefalle, du hast mir gezeigt, dass du mich anfassen willst, und ich habe dir deutlich gemacht, dass du deine Finger von mir lassen sollst. Kommunikation, mein Freund, findet nicht nur mit Worten statt.“
Karwenzel zog sich seine pink-gelb-grün geringelte Zipfelmütze über, die ihm beim Sturz vom Kopf gerutscht war. „Gut, du scheinst ja ein Kommunikationsexperte zu sein“, entgegnete er frech – denn Zwerge sind sehr frech, wenn sie nach einem Schreck ihren Mut wiedergefunden haben. „Also kannst du mir vielleicht etwas erzählen über dich.“

Voller Erwartung lehnte sich Karwenzel an eine alte Buche. Schweigen. Gegen die Rinde des Baumes trommelnd pfiff der Zwerg ein Lied vor sich hin. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Diese Stille war irgendwie kaum auszuhalten.
„Ist das jetzt auch Kommunikation?“, fragte Karwenzel den Stein.
„Ja“, antwortete dieser, „aber keine besonders angenehme.“
„Okay, dann fang doch einfach an zu erzählen.“
„So geht das nicht, mein Freund. Kommunikation heißt, dass sich mindestens zwei Wesen austauschen, nicht, dass einer Monologe hält. Und die beiden sollten sich schon wirklich füreinander interessieren. Also, wenn du etwas von mir wissen willst, dann hast du sicher ein paar Fragen. Frag mich!“

Karwenzel blickte den Stein verwundert an. Eigentlich hasste er es, wenn ihn jemand belehrte, aber dieses hellblaue Wesen formulierte seine Sätze so klar, sprach sie so liebevoll aus und strahlte dabei so heiter, dass Karwenzel ihm nicht böse sein konnte. Im Gegenteil. Er beschloss, sich die Worte des Steines über Kommunikation zu merken.
„Wie heißt du?“, fragte er endlich.
„Die Menschen nennen mich Chalcedon“, antwortete der Stein.
Karwenzel hätte einem so schönen Stein einen schöneren Namen gegeben.
„Was bedeutet das?“, fragte er.
„Das wissen selbst die Menschen nicht wirklich. Manche sagen, ich sei nach einer antiken griechischen Stadt in Kleinasien benannt. Vielleicht haben sie mich dort zum ersten Mal gefunden. Und da war es wohl am einfachsten, mir diesen Namen zu geben.“

Die beiden, Karwenzel und der Chalcedon, saßen einen Moment still beieinander. Es war ein anderes Schweigen als zuvor. Karwenzel trommelte nicht, und er pfiff nicht. Er spürte die Gegenwart des Steines und fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft.
„Ist das jetzt eine Art kommunikatives Schweigen?“, fragte er.
Karwenzel lächelte, und der Chalcedon funkelte noch ein bisschen stärker.
„Werden Chalcedone eigentlich geboren wie die Zwerge und Rehe, oder wachsen sie wie die Gänseblümchen und Himbeersträucher?“, fragte Karwenzel weiter.
„Sowohl als auch“, antwortete der Stein. „Wir werden geboren in dem Moment, in dem sich Magma im Erdinneren soweit abkühlt, dass Dampf zu Wasser werden kann. Das Wasser sickert dann durch feine Risse und Äderchen im Gestein und sammelt sich in Spalten und Hohlräumen. Dort scheiden sich die Mineralien, die im Wasser enthalten sind, ab und bilden, wenn sie genügend Zeit bekommen, wunderschöne Kristalle. Und dabei wachsen wir.“
„Das kann ja dauern!“, rief Karwenzel.
„Jahrmillionen“, sagte der Stein.
Zeit war für Zwerge nicht wirklich von Bedeutung, sie wurden so alt wie sie wollten. Aber „Jahrmillionen“ beeindruckten Karwenzel schon. Angesichts dieser gigantischen Zahl wurde er wieder still. Er begann es zu mögen, dieses kommunikative Schweigen, obwohl Zwerge gemeinhin mit Begeisterung zu reden pflegten.
Schließlich fragte er vorsichtig: „Darf ich dich einmal anfassen?“
„Natürlich“, sagte der Chalcedon.
„Warum erlaubst du es mir jetzt plötzlich?“
„Weil du gefragt hast.“


Karwenzel strich zärtlich über den Stein. Er fühlte sich trotz seiner Härte unerwartet weich an, hatte ganz rauhe und sehr glatte Seiten. Karwenzel nahm den Chalcedon zwischen die Finger und betrachtete ihn lange. Der Stein schien zu fließen – und Karwenzel floss eine Weile mit.
„Warum bist du aus deiner Spalte auf die Erde gekommen?“, fragte er nachdenklich.
„Weil ich nur im Sonnenlicht so strahlen kann, weil ich nur hier ein solch leuchtendes Hellblau bekomme und weil es mir Freude macht, mit dir, den Tieren, den Pflanzen, den Menschen und allen Wesen auf dieser Welt in Kontakt zu kommen. Wie sonst, frage ich dich, sollte ich etwas über andere und über mich selbst erfahren – als wenn ich rede, schaue, fühle, spüre, zuhöre. Die Menschen suchen für alles Worte. Griechen, die nach Menschen-Maß vor langer, langer Zeit lebten, und als sehr schlau galten, bezeichneten mich als ,Stein der Redner‘. Das ist nur ein Teil der Wahrheit.“

Karwenzel blieb nach Menschen-Rechnung 28 Tage bei dem Chalcedon. Er lernte viel über Kommunikation, über die Kunst des Redens und des Zuhörens, des sich Verständlichmachens und des Verstehens, über die Freude, mit der die Delphine im Wasser spielten und die Gelassenheit, mit der die Wolken über den Himmel zogen. Dann machte er sich wieder auf den Weg. Seine Lernreise zum Unterrichtsfach „Steine und Kristalle“ hatte ja gerade erst begonnen.

Der Bergkristall

Magie – das wusste der kleine Zwerg Karwenzel – wirkt besonders dann, wenn er etwas erlebte, das über seine bisherige Vorstellungskraft hinausging. Magisch war der Augenblick, den er am liebsten für immer festhalten wollte. So wie diesen. Ein Sonnenstrahl, der durch eine winzige Öffnung an der Decke drang, traf genau auf die Spitze eines gigantischen Kristalls und verströmte Licht über den Stein, so dass dieser die Höhle hell erleuchtete. Eine Eidechse hatte Karwenzel hierher gelockt. Er war dem flinken Tier neugierig und ohne zu zögern in das Gewirr der dunklen Gänge gefolgt. Denn in Höhlen sind Zwerge zuhause. Sie brauchen nicht einmal eine Taschenlampe, um sich darin zurechtzufinden. Die Eidechse war natürlich viel schneller als Karwenzel, und der kleine Zwerg hatte das Reptil bald aus den Augen verloren. Trotzdem war er weitergegangen – bis zu dieser unterirdischen Halle, wo er sich nun in einem wunderschönen Traum wähnte. Er musste an seine Urgroßmutter denken. So wissend, so respekteinflößend, in solch einer Ruhe und Gelassenheit saß sie oft in ihrem mächtigen Sessel und gab mit der gleichen Klarheit jedem Lebewesen um sie herum die Gewissheit, dass es in Sicherheit war. Und wie die Urgroßmutter, ahnte Karwenzel, kannte auch dieser Kristall wahrscheinlich unendlich viele Geschichten.

„Da hast du wohl recht“, sagte der Stein.
Karwenzel wunderte sich nicht, dass der Kristall seine Gedanken lesen konnte. Er selbst verstand sich auf diese Kunst.
„Setz dich zu mir, lass mich erzählen“, sagte der Stein, der ein bisschen aussah wie ein großer Eisklotz, wie Karwenzel fand.
„Die Griechen haben uns unseren Namen gegeben: ,Krystallos‘, Eis. Sie glaubten, wir Bergkristalle seien versteinertes Eis.“
Karwenzel betrachtete sich den Bergkristall jetzt etwas genauer. Der Stein war größer als er selbst. Er hatte eine Spitze, deren Flächen, ebenso wie die der sechs Seiten des Kristalles nicht völlig glatt waren. Der kleine Zwerg entdeckte zahlreiche unterschiedliche Muster: Linien, Wellen, Gebirge, Wolken, Tupfer, ja sogar wie mit dem Lineal gezogene Dreiecke.
„Das ist meine Bibliothek“, sagte der Bergkristall. „Du kannst in mir lesen.“
Karwenzel versuchte die Muster zu entziffern. „Ich verstehe kein Wort“, erwiderte er stöhnend.
Der Kristall lachte ein tiefes Lachen. „So einfach machen wir es Euch nicht. Für meine Bibliothek bekommst du nur dann einen Benutzerausweis, wenn das Wissen auch für dich bestimmt ist.“ Der Kristall machte eine geheimnisvolle Pause. „Und erst dann, wenn du dafür bereit bist.“

Karwenzel runzelte die Stirn, schwieg jedoch. Wie seine Urgroßmutter in solchen Fällen würde ihm auch der Kristall alles erklären.

„Vor langer, langer Zeit“, begann der Stein tatsächlich zu erzählen, „soll es Menschen gegeben haben, die alles wussten. Nichts gab ihnen Rätsel auf, sie konnten alles tun, nichts machte ihnen Angst, warum auch, sie kannten alles und wussten, dass ihnen alles wohlgesonnen war. Sie lebten in Harmonie – mit sich selbst, mit den anderen Menschen, mit der Natur und allen Wesen und Kräften, die sie umgaben. Es gab keinen Hass, keinen Krieg, keinen Neid, keine Ausbeutung. Die Menschen achteten darauf, dass sie von der Erde nicht mehr nahmen als sie ihr gaben und dafür bekamen sie ein Geschenk: Wissen.“
„Du meinst, sie wussten wirklich alles?“, fragte Karwenzel dazwischen. „Sie wussten, wie man zu den entferntesten Planeten im Weltall gelangte? Und was sich im Kern der Erde befindet? Und wie man mit Zwergen und Elfen spricht?“
„Alles“, antwortete der Stein. „Allerdings durften sie das Wissen nur so lange behalten, wie sie sorgsam damit umgehen würden. Irgendwann jedoch – auch darüber gibt es zahlreiche Geschichten – begannen die Menschen ihr Wissen zu missbrauchen. Die Menschen begannen, ihr Wissen zu egoistischen Zwecken zu verwenden. Sie taten dabei Dinge, die anderen Wesen und Kräften nicht gut taten. Sie nahmen keine Rücksicht, auf nichts und niemanden. Sie verlernten, die Natur und ihre Mitmenschen zu achten. Ihnen war egal, was ihr Handeln für Folgen hatte, denn sie stellten sich über alle anderen. Damit besiegelten sie die Zerstörung ihres Reiches.“

Karwenzel zog seine Knie an die Brust und drückte sich enger an den von der Sonne gewärmten Kristall.
„Bevor jedoch Atlantis unterging“, fuhr der Stein fort, „suchten ein paar weise Frauen und Männer eine Möglichkeit, ihr unschätzbares Wissen zu retten. Sie fanden die Kristalle. Wie die Menschen heutzutage Informationen auf Computer speichern, programmierten sie ihr Wissen auf Bergkristalle und vergruben sie an verschiedenen Stellen tief unter der Erde – in der Hoffnung, dass sie wieder auftauchen würden, wenn die Zeit reif dafür sei und die Menschen das Wissen brauchen könnten.“
Karwenzel atmete tief durch. „Warum haben die weisen Frauen und Männer ausgerechnet euch Bergkristalle als Bibliotheken ausgesucht?“, fragte er.
„Sie wussten, weil sie alles wussten, dass wir Quarzkristalle uns ganz besonders dazu eignen, etwas aufzunehmen und zu übertragen. Das wissen die Menschen übrigens heute noch. Du kennst doch Quarzuhren. Und ohne uns würde es keine Computer geben. Die Menschen benutzen uns zu allerlei technologischen Zwecken, um Energie zu übertragen und zu verstärken.“

Der Sonnenstrahl war von der Spitze den Kristallkörper entlang hinuntergewandert. Das Licht brach sich an einer Stelle im Innern des klaren Steins, wo sich während des Entstehens andere Mineralien wie Sternenstaub abgelagert hatten. Ein Regenbogen leuchtete auf und zauberte bunte Farben in den hellen Stein. Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett tanzten einen ausgelassenen Tanz, als Karwenzel den Kopf hin- und herbewegte. In diesem Augenblick gab es für den kleinen Zwerg keinen Zweifel: Die Menschen würden die Botschaften zu entschlüsseln wissen, wenn es an der Zeit war.
„Ganz sicher“, sagte der Kristall und ergänzte, als Karwenzel aufstand: „Meine Bibliothek steht übrigens auch Zwergen offen. Vielleicht willst du ja ein wenig darin stöbern und schauen, ob du etwas Passendes zu lesen findest.“

Der Rosenquarz

Es hörte sich an, als ob ein Baby verzweifelt schrie. Aber Karwenzel wusste, dass es eine Katze war. Er lief auf das Haus am Rande der großen Stadt zu. Aus dieser Richtung kam das Wehklagen. Als er durch den Gartenzaun spähte, sah Karwenzel zunächst nur einen Jungen, der mit irgendjemandem schimpfte.

„Du warst ungehorsam, jetzt wirst du sehen, was du davon hast“, rief er und zog an einem Seil.
Karwenzel stellte sich auf die Zehenspitzen und suchte nach dem anderen Ende der Leine. Daran hing eine kleine Katze. Sie wälzte sich auf dem Rasen und versuchte sich aus der Schlinge um ihren Hals zu winden.
„Sei endlich still!“, fauchte der Junge sie an. Er war schrecklich wütend.

Karwenzel öffnete seinen Rucksack und kramte eine Weile darin herum. „Ah, da ist sie ja“, murmelte er schließlich und fischte eine grüne Sprühflasche heraus. Er war sich nicht sicher, ob der Junge Zwerge sehen konnte. Also hob er die Flasche über den Kopf und drückte den Sprühgriff dreimal durch. Jetzt war er vollkommen unsichtbar – auch für Elfen, Feen, Zauberer, Hexen und für kleine Kinder, die noch nicht verlernt hatten, Zwerge zu sehen. Dann ging er durch das Tor in den Garten und auf die Katze zu. Er griff mit der einen Hand nach der Leine und löste mit der anderen den Knoten an ihrem Hals. Das ging so fix, dass weder die Katze noch der Junge reagieren konnten. Der Junge starrte mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen auf das Tier, das so schnell es konnte in die Büsche flitzte.

„Du verdammtes…“, schrie das Menschenkind, rannte hinterher – und landete unsanft auf der Nase. Karwenzel hatte ihm ein Bein gestellt. Der Junge heulte, aus seiner Nase lief ein wenig Blut. Karwenzel stellte sich neben ihn, öffnete wieder seinen Rucksack und fand darin nach kurzem Suchen eine Dose mit einem weißen Pulver. Er streute sich etwas davon über den Kopf, damit ihn alle sehen konnten – nicht nur Elfen, Feen, Zauberer und Hexen, sondern auch kleine Kinder, die verlernt hatten, Zwerge zu sehen. Dem Jungen liefen dicke Tränen über die Backen, aber eher aus Wut als aus Schmerz.

„Was bist du denn für ein hässlicher Kerl? Was machst du hier in unserem Garten?“ Die Augen des Jungen blitzten.
„Katzen befreien“, antwortete Karwenzel.
„Sie war böse, sie hat mein Smartphone kaputt gemacht!“, rief der Junge. „Wenn ich was kaputt mache, werde ich auch bestraft.“
„Und findest Du das gut?“, fragte der Zwerg.
Der Junge überlegte kurz.
„Strafe muss sein, sagt mein Papa.“
Karwenzel behielt für sich, was Zwerge über den Sinn von Strafe und das Wort „müssen“ dachten.
„Ich hasse diese Katze“, sagte der Junge.

Karwenzel befühlte den Stein, den er seit einigen Tagen in seiner Hosentasche bei sich trug. Er wusste mittlerweile, wie Kristalle arbeiteten. Sie hatten Botschaften für die Menschen – und nicht nur für diese – und unterstützten sie, wo sie Unterstützung brauchten. So hatte jede Steinart eine ganz bestimmte Botschaft und Aufgabe. Die Steine waren immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Also nahm Karwenzel den Rosenquarz heraus.

„Schau mal, was für ein schöner Stein“, sagte Karwenzel zu dem Jungen.
„Ich finde ihn hässlich“, rief der Junge. „Ich hasse rosa!“
Karwenzel ließ sich nicht beirren. „Er hat die gleiche Farbe wie diese herrlichen Rosen“, sagte er.
„Ich hasse Rosen!“, maulte der Junge.

„Warum hasst Du Rosen?“, fragte Karwenzel.
„Alle finden sie so toll, dabei haben sie Stacheln. Sie zerkratzen mir die Hände.“
„Warum hasst Du deine Katze?“
„Alle finden sie so niedlich, dabei macht sie nur Blödsinn.“
„Machst du doch auch manchmal, oder?“
„Schon“, sagte der Junge. „Mich findet aber auch niemand niedlich.“
Zornig wollte er davonstapfen. Karwenzel fasste ihn leicht am Arm.
„Lass mich los!“, rief der Junge und schüttelte sich. Er blieb jedoch stehen.
„Wie heißt Du?“, fragte Karwenzel und legte den Rosenquarz auf den Boden zwischen ihnen.
„Max“, murmelte sagte der Junge, „eigentlich Maximilian.“
„Ein schöner Name“, sagte der Zwerg.
„Ich…“, hob der Junge an.

Die kleine Katze war zurückgekommen und strich ihm um die Beine. Max setzte sich auf den Rasen und streichelte die Katze. Er weinte. Karwenzel setzte sich ihm gegenüber. Die Katze begann zu schnurren.
„Rosen haben Dornen, das stimmt“, sagte Karwenzel. „Aber vielleicht nur deshalb, weil sie nicht wollen, dass sie jemand achtlos pflückt. Sie wollen mit Respekt behandelt werden. Gerade weil sie so wunderbar sind.“ Karwenzel kratzte sich hinterm Ohr. „Ich bin auch manchmal ziemlich kratzbürstig und trotzdem bin ich ein toller Zwerg.“
„Ich bin nicht toll“, sagte Max.
Karwenzel sprang auf. „Was?“, rief er.
Er kannte diese Menscheneigenschaft, sich selbst schlecht zu machen – und er hasste sie.
„Du hast wunderschöne schwarze Haare, du hast einen klasse Namen, du traust dich zu weinen, du kannst gut mit Tieren umgehen, wenn du willst. Ich kenne dich nicht mal eine Stunde und hab’ schon vieles bemerkt, was du gut kannst. Ich bin sicher, dass du ein toller Junge bist.“
„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Max.
Karwenzel seufzte. „Ich werde jetzt weiterziehen“, sagte er.

Max sah dem Zwerg nach. Als dieser hinter der Kurve verschwunden war, bemerkte der Junge den Rosenquarz vor seinen Füßen. Er nahm den Stein und wollte Karwenzel hinterherlaufen.
„Behalt ihn“, hörte er den Zwerg aus der Ferne rufen. „Er will dir dabei helfen, dich selbst zu mögen.“

Der schwarze Turmalin

Wenn Zwerge reisen, tun sie das außerhalb von Zeit und Raum. Das ist für Wenn Zwerge reisen, tun sie das außerhalb von Raum und Zeit. Das ist für uns Menschen schwer zu verstehen, denn wir haben Zeit und Raum erfunden, um uns auf der Erde zurechtzufinden. Zwerge besitzen keine Uhren, und auch ohne Flugzeug können sie in weit entfernte Gebiete gelangen. Wenn sie reisen, machen sie keine großen Pläne, stellen keine Route zusammen, von wegen morgen muss ich in London sein und übermorgen in Rom. Sie lassen sich, wie wir Menschen sagen würden, treiben, oder von einem Vogel, den Sternen, der Sonne führen. So war Karwenzel in einer zwischen zwei Berggipfeln in Peru gelegenen Ruinenstadt gelandet. Da er auf Steinreise war, wusste er, was ihn hierher geführt hatte.

Von einem Kristall war allerdings weit und breit keine Spur. Es gab zwar jede Menge Steine an diesem Ort, diese waren allerdings aus weißem Granit und zu Mauern aufgeschichtet, hinter denen vor wohl langer Zeit Menschen gelebt hatten. Es war ein atemberaubender Platz, fand Karwenzel. So weit oben musste er fast die Wolken berühren können. Mächtige Berggipfel ragten rundherum in den Himmel, und unter seinen Füßen leuchtete sattes grünes Gras. Riesige Steinstufen endeten abrupt an steilen Abhängen. Karwenzel kletterte auf den höchsten Punkt und ließ seinen Blick über die Anlage schweifen. Er stand auf einer steinernen Empore, aus der eine Säule herausgehauen worden war.

„Dies ist Intihuatana, der Platz, an dem die Sonne angebunden wurde.“
Eine Frau, nicht viel größer als er selbst, sah Karwenzel freundlich aus wachen dunklen Augen an. Ihre strahlend bunten Gewänder standen in seltsamen Kontrast zu dem schmucklosen grauen Hut, der etwas schief auf ihrem dichten schwarzen Haar saß.
„Warum sollte jemand die Sonne anbinden wollen?“, fragte Karwenzel.
„Manchmal haben Worte eine tiefere Bedeutung, als es den Anschein hat“, sagte die Frau.
„Es scheint, als ob die Stadt zwischen Himmel und Erde schweben würde“, meinte Karwenzel nachdenklich. „Wie heißt sie?“
„Machu Picchu in unserer Sprache. Der alte Gipfel in eurer.“
„Wie alt ist sie?“
„Das weiß keiner so genau. Ein Amerikaner aus dem Norden hat diesen Ort vor etwa hundert Jahren für die Weißen entdeckt. Aber diese Mauern stehen schon viel, viel länger.“

Ein Wolkenkranz hatte sich um den nahen Berggipfel gelegt. Ein Kondor zog über ihnen seine Kreise. Karwenzel schien es so, als ob dieser große schwarze Vogel, die kleine Indio-Frau und er selbst die einzigen Wesen auf der Erde wären. Die Ruhe war vollkommen.
„Selbst die spanischen Eroberer haben Machu Picchu nicht gefunden“, fuhr die Frau fort. „Die Stadt ist von keinem Punkt des Tales aus zu sehen, und nur ein schmaler steiler Pfad führt hier hinauf. Viele Legenden ranken sich um die Erbauer und Bewohner der Stadt. Sehr wahrscheinlich haben sie zum Volk der Inka gehört. Es muss ein verzauberter Ort gewesen sein.“
„Warum meinst du das?“, fragte Karwenzel die Frau.
„Ich kenne keinen anderen Ort, der so gut geschützt ist. Hier konnten die Menschen tun, was sie wollten. Niemand hat sie gestört oder behindert. Oder getötet. Die Spanier haben überall Gold gesucht und dafür gemordet und gewütet. Das hätten sie sicher auch in Machu Picchu getan.“
„Hatten die Inka so viel Gold?“
„Oh ja“, antwortete die Frau. „Aber es hatte für sie keinen materiellen Wert. Sie glaubten, dass das Gold immer wieder neu aus der Erde entstand – durch den Sonnengott, der so seine Macht und seinen Glanz an die Menschen weitergab.“
Die kleine Frau setzte sich leise stöhnend neben die Säule, die Intihuatana hieß.
„Langsam werde ich wirklich alt“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“, fragte Karwenzel.
„Uralt“, antwortete die Frau ausweichend.
„Wer bist du?“
„Ich bin die Hüterin dieses Platzes, und ich bin eine….“ Die Frau kicherte. „Ihr würdet mich eine Hexe nennen. Oder eine Priesterin. Ich weiß, dass du wegen eines Steines gekommen bist.“
Scheinbar aus dem Nichts ließ sie einen Stein in Karwenzels Hand wandern.
„Ich habe ihn auf dieser Empore gefunden. Frag nicht, wer ihn hierher gebracht hat. Ein schwarzer Stein an diesem hellen, erleuchteten Platz. Aber sieh, wie er in der Sonne strahlt vor Licht.“

Karwenzel befühlte den glänzend-schwarzen Turmalin und wusste, dass er diesen Stein an diesem verborgenen Ort zwischen Himmel und Erde, an dem die Sonne vor Anker ging, am besten kennen lernen konnte. Er erfuhr viel in den folgenden Wochen. Über die sagenumwobene Stadt der Inkas, die rätselhafte kleine Frau, den schwarzen Turmalin – und über sich selbst. Nicht einmal die Touristen, die den Ort besichtigen kamen, störten ihn dabei. Er war geschützt.

Der Larimar

Am Himmel funkelten Tausende Sterne wie Diamanten. Die Nacht war so klar und so dunkel, dass Karwenzel das, was die Menschen als Milchstraße bezeichneten, so deutlich wie selten erkannte. Es sah aus, als ob jemand mit großem Schwung Puderzucker über einen riesigen schwarzen Teppich gestreut hätte. Der kleine Zwerg lief putzmunter über eine Wiese und erfreute sich an der Mega-Light-Show, die ihm das Universum bot. Er hatte sich vorgenommen, wach zu bleiben. Was kein Problem war, denn Zwerge brauchen eigentlich keinen Schlaf. Sie schlafen nur, weil sie es sehr genießen können, einfach nichts zu tun und weil sie so ins Land der Träume gelangen. Heute wollte Karwenzel mit offenen Augen träumen. Er ließ sich rücklings ins Gras fallen, legte die Hände unter den Kopf und verlor sich in den unendlichen Weiten des Weltalls. Jemand räusperte sich. Karwenzel setzte sich auf und blickte einem kleinen Mädchen in die Augen.

„Hallo“, sagte das Menschenwesen.
„Hallo“, erwiderte Karwenzel.
Das Mädchen hob den Kopf. „Meine Mutter sagt, Sterne gucken ist was für Träumer.“ Es seufzte tief. „Glaubst du, dass es einen Stern gibt, auf dem Wesen leben, die Träumen als etwas ganz Normales empfinden?“
Karwenzel überlegte. „Ist Träumen bei euch Menschen etwa verboten?“, fragte er.
„Nicht direkt“, antwortete das Mädchen, „es ist nur nicht besonders angesagt. Es bringt keine gute Noten, kein Geld, nichts. Meine Mutter sagt zum Beispiel, träum’ nicht, mach’ deine Hausaufgaben.“
„Kannst du nicht zuerst deine Hausaufgaben machen und dann träumen – oder umgekehrt?“, fragte Karwenzel. „Oder träumend deine Hausaufgaben machen?“
Das Mädchen lachte. „Oder im Träumen Hausaufgaben machen?“
„Oder von Hausaufgaben träumen?“
„Uuh, das wäre ein Albtraum!“
„Nicht, wenn du im Traum deine Hausaufgaben fertig machen könntest!“
„Das wäre ein Traum!“
„Du siehst, Träume und Hausaufgaben können durchaus zusammenpassen – so wie ein kleines Menschenwesen und ein kleiner Zwerg.“
„Oder wie ein großer Elefant und eine winzige Ameise.“
„Oder wie die Sonne und der Regen. Dann gibt es sogar einen Regenbogen!“
„Oder wie der Himmel und die Erde!“
„Oder wie Tag und Nacht!“
„Oder wie ein Hund und eine Katze!“
„Oder wie schwarz und weiß.“
„Oder…“

Karwenzel und das kleine Mädchen fanden noch viele, viele Dinge, die so gegensätzlich waren und doch zusammengehörten, die bei allen Unterschieden gut miteinander sein konnten, ja ohne einander gar nicht vorstellbar waren. Als sie erschöpft vom Aufzählen nebeneinander lagen, fiel Karwenzel ein Stein ein, den er am Tag zuvor bei einer Quelle entdeckt und in seinen Rucksack gesteckt hatte – natürlich nicht, ohne ihn vorher gefragt zu haben, ob er mit wollte.

„Ich habe noch ein Beispiel!“, sagte er und zeigte sein Fundstück dem Mädchen. Es war ein Stein von sanftem, kühlem Blau.
„Kannst du dir vorstellen, dass er im Feuer entstanden ist?“ Er reichte seiner neuen Freundin den Stein.
„Ja“, sagte das Mädchen, „ ich kann es mir vorstellen. Wie heißt er?“
„Larimar“, sagte Karwenzel.
Das Mädchen sah lächelnd vom Stein zum Himmel hinauf. „Von welchem Stern kommt er?“
„Ich glaube…, Karwenzel schnippte mit den Fingern. „…vom Stern der Träumerinnen, die sich alles vorstellen können.“

Das Tigerauge

Die Augen starrten ihn an, als ob sie ihn in einen Abgrund ziehen wollten, aus dem es kein Zurück mehr geben würde. Sie gehörten zu dem runden Gesicht eines majestätischen Tigers. Karwenzel hatte es auf seiner Lernreise an die Mangrovenküste des indischen Subkontinentes verschlagen. Die Wildkatze, die ihm keine drei Zwergen-Schritte entfernt gegenüber stand, fauchte schrecklich laut und zeigte ihre strahlend weißen scharfen Zähne. Dabei ließ sie etwas aus ihrem Maul vor Karwenzels Füße fallen.

„Nimm!“, befahl sie.
Es war ein Stein, rund wie eine Kugel, der da im Sand lag. Karwenzel zögerte kurz. Er bebte am ganzen Körper, wagte es jedoch nicht, den Tiger zu verärgern. Er nahm den Stein vorsichtig auf.
„Warum zitterst du?“, fragte ihn das Tier barsch.
Karwenzel drehte den Stein zwischen den Fingern. Gelbe, seidige Lichtschimmer wanderten über die tiefbraune glänzende Oberfläche.
„Er hat so etwas Geheimnisvolles, Tiefgründiges“, flüsterte Karwenzel. „Er erinnert mich…“ Der kleine Zwerg verstummte, sah den Stein an und blickte langsam auf in die Augen des Tigers. Die große Katze war ihm sehr nahe gekommen, der heiße Atem des Tieres roch nach Fleisch und Blut.

„Fressen Tiger auch Zwerge?“, fragte Karwenzel.
„Wenn du heute auf meinem Speiseplan stehen würdest, hätte ich dich längst verschlungen“, sagte der Tiger. „Wir zögern nicht lange, bevor wir etwas tun.“
Karwenzel schluckte.
„Ich wusste gar nicht, dass auch Zwerge Angst vor dem Erdendasein haben können.“ Jetzt hatte der Stein gesprochen.
„Wie bitte?“, fragte Karwenzel. Er hatte die Worte verstanden, aber nicht ihren Sinn.
„Was macht dir Angst an meinem Freund dem Tiger?“, fragte der Stein zurück.
„Er könnte mich töten“, antwortete Karwenzel.
„Das könnte er“, sagte der Stein. „Aber warum ist ausgerechnet das dein erster Gedanke? Schau, wie stark er ist. Götter und Zauberinnen sind auf ihm geritten. Er könnte dich mühelos tragen, wenn du ihm vertrauen würdest.“
Der Tiger schnappte sich den Stein, warf ihn mit dem Maul in hohem Bogen über den Sand und sprang hinterher. Karwenzel lief ihm nach. Wieder nahm der Tiger die Kugel zwischen die Zähne.
„Fang“, rief er Karwenzel zu.
Mit einer Hand fing der Zwerg den Stein auf und betrachtete ihn. Er hatte keine Schramme abbekommen. Majestätisch stellte sich der Tiger neben Karwenzel. Sein Fell, durch das sich breite schwarze Streifen zogen, leuchtete rot-gold in der Abendsonne.
„Es ist oft schwer, sich auf der Erde zurechtzufinden“, sagte der Stein. „Wie kann es sein, das der Tiger töten und im nächsten Moment wie ein Baby spielen kann? Warum kann Feuer auf der einen Seite einen ganzen Wald zerstören und auf der anderen Seite wunderschöne Edelsteine entstehen lassen? Warum werden Menschen und Tiere geboren, um mehr oder weniger bald wieder zu sterben? Wir haben Angst vor dem, was wir nicht kennen und nicht verstehen.“

Ein mächtiges, entferntes Brüllen erfüllte die Luft. Der Tiger hatte sich lautlos davongeschlichen. Karwenzel entdeckte ihn am Rande des Mangrovenwaldes. Die Katze beobachtete ihn aus der Distanz, und Karwenzel ahnte, dass sie die Rätsel des Erdendaseins gelöst hatte.
„Auch der Tiger kennt die Angst. Er weiß genau, was er zu fürchten hat“, sagte der Stein, „Doch Katzen haben gelernt, selbst im Dunkeln zu sehen. Sie vertrauen darauf, ihren Weg zu finden, selbst wenn er schwer zu erkennen ist. Sie wissen, was zu tun ist.“
Karwenzel hätte sich gerne noch mit ihm unterhalten, aber der Tiger war zwischen den Bäumen verschwunden. Er hatte beschlossen, dass es das Beste war, weiter zu ziehen.

Der Citrin

„Nein, bitte nicht meine Eltern anrufen! Ich will nicht, dass sie sich auch noch wegen mir Sorgen machen müssen!“ Das Mädchen sah den stämmigen Mann, der sie am rechten Arm festhielt, aus feuchten Augen mit einer Mischung aus Angst und Wut an.
„Das geht so aber nicht, meine Kleine. Ich muss Deinen Eltern Bescheid sagen, sie müssen wissen, dass Du eine Diebin bist.“
Jetzt konnte das Mädchen seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie senkte den Kopf und weinte in sich hinein.

„Was hast Du den gestohlen?“, fragte Karwenzel, der sich einmal einen Supermarkt hatte anschauen wollen.
Das Mädchen sah hoch.
„Was bist Du denn für ein komischer Zwerg?“, fragte sie zurück.
„Hey, hey, auch noch frech werden!“ Der Detektiv, der anders als das Mädchen keine Zwerge sehen konnte, fühlte sich angesprochen.
„Was hast Du gestohlen?“, fragte Karwenzel noch einmal.
„Vier Bananen, eine Milch und ein Päckchen Haferflocken.“ Das Mädchen sah schnell wieder zu Boden.
„Ja, genau. Das wolltest Du mitgehen lassen, ohne zu bezahlen. Deswegen gehen wir jetzt ins Büro und rufen Deine Eltern an“, sagte der Detektiv.

Karwenzel wusste, dass die Menschen – zumindest die meisten – alles, was sie zum Leben brauchten mit Geld bezahlen mussten. Der kleine Zwerg fand das recht merkwürdig, weil ihm die künstlich bunten Scheine und die glanzlosen Münzen wertlos erschienen. Vielleicht würde er ja auf einer seiner nächsten Lernreisen erfahren, was es mit diesem Geld auf sich hatte. Im Moment wusste er nur, dass er dem Mädchen helfen musste. Und da er kein Geld hatte, suchte er nach einer anderen Lösung. Sein Blick fiel auf eine Pyramide aus Suppendosen. Er sprang hinein.

„Was…“ Der Supermarkt-Detektiv drehte sich um. Da war Karwenzel schon wieder auf den Beinen und schnappte die Hand des Mädchens.
„Komm, schnell!“
Die beiden spurteten zwischen den Regalen in Richtung Ausgang.
„Haltet die Diebin!“, schrie der Detektiv. „Das kleine Mädchen da!“
Ein großer Mann stellte sich ihnen in den Weg.
„Durch die Beine!“, rief Karwenzel, und ehe es sich der Mann versah, schlüpfte das Mädchen unter ihm hindurch.
Der Detektiv schrie wütend weiter, aber irgendwie verstand keiner, was er wollte. Dem Mädchen, das schnell wie der Wind aus dem Supermarkt hinausflitzte, sahen sie nur verdutzt hinterher. Karwenzel zog das Menschenkind weiter, bis sie nach seinem Empfinden weit genug weg waren. Keuchend lehnte sich das Mädchen gegen eine Häuserwand.

„Wie heißt du?“, fragte der Zwerg.
„Jolina. Und du?“
„Karwenzel. Ich bin ein Zwerg.“
„Hab’ ich mir schon gedacht.“
„Warum hast du Haferflocken und Bananen stehlen wollen?“
Jolina blickte trotzig geradeaus.
„Hast du Hunger?“, fragte Karwenzel und wollte schon seinen Rucksack nach etwas Essbarem durchstöbern.
„Jetzt nicht“, sagte das Mädchen.
Karwenzel wartete. Von seinem ersten Stein, dem Chalcedon, hatte er gelernt, dass das manchmal besser ist, als immer weiter nachzufragen.
„Mein Vater hat gemeint, dass wir bald nichts mehr zu essen haben, wenn das so weitergeht.“
„Wenn was so weitergeht?“, fragte Karwenzel.
„Er sagt, es wird alles immer teurer, die Politiker sind Flaschen, die Erde ist sowieso bald zerstört, und bald müssten wir um unser Essen kämpfen. Es gibt nichts Schönes mehr auf dieser Welt, sagt er.“
Karwenzel war wieder einmal sehr überrascht und sehr traurig darüber, was Menschen-Erwachsene ihren Kindern so alles erzählten.
„Ich bin auf dem Weg zu einem Laden, in dem Steine und Kristalle verkauft werden. Willst du mich begleiten?“, fragte der Zwerg das Mädchen.
„Ich habe kein Geld“, sagte Jolina.
„Ich auch nicht“, entgegnete Karwenzel.
„Gut, ich komm’ mit“, sagte Jolina ein bisschen brummig.

Der Steineladen befand sich in einer engen Gasse in einem sehr alten Haus, von dessen Fassade die Farbe abblätterte. Das Ladenschild hing etwas schief über einem trüben Fenster. „Peters Steinreich“, las Jolina. Drei Stufen führten in den Ladenraum hinauf. Die Tür stand offen.
„Willkommen, ihr beiden.“ Ein Mann mit weißem Bart und schwarzen Augen saß hinter einem Tisch, der übersät war mit Steinen – wie der ganze Raum. Die Regale an den Wänden waren voll davon. Kristalle bedeckten fast den gesamten Boden. Karwenzel und Jolina stiegen vorsichtig darüber.
„Kann ich euch helfen?“, fragte der Mann.
„Ich bin ein Zwerg auf Lernreise und habe ein paar Fragen an dich“, sagte Karwenzel.
Der Mann nickte.
„Und Jolina wollte sich solange hier mal umschauen.“
Der Mann nickte wieder.

Während sich Karwenzel mit dem Mann namens Peter über Steine zu unterhalten begann, schlich Jolina etwas lustlos durch den Laden. Peter und der Zwerg waren bald so in ihr Gespräch vertieft, dass sie das Mädchen fast vergaßen. Viel, viel später sah sich Karwenzel suchend nach ihr um. Jolina saß im Schneidersitz in einer Ecke und hielt einen Kristall in der Hand.
„Schau mal einer an“, flüsterte Peter. „Die beiden scheinen sich ja blendend zu verstehen.“
„Was ist das für ein Stein?“, fragte Karwenzel ebenso leise.
„Ein Citrin. Er erinnert uns Menschen an etwas, was wir bei all dem Gerenne nach noch mehr Geld und noch mehr von diesem und jenem völlig vergessen haben.“
„An was?“, fragte Karwenzel.
„Daran, dass wir gut versorgt sind auf der Erde, dass sie uns alles bietet, was wir brauchen, dass wir dem Leben vertrauen können und nie allein sind.“
Jolina blickte auf. Es war, als ob sie den zitronengelben Glanz des Steines mit ihren Augen eingefangen hätte. Es fiel ihr sichtlich schwer, den Kristall wieder ins Regal zurückzulegen. Peter ging zu ihr hinüber und legte vorsichtig seine Hand auf ihre Schulter.
„Nimm ihn mit, ich schenke ihn dir.“

Karwenzel ging mit Jolina noch ein Eis essen – sie hatte in ihrer Jeanstasche eine Zwei-Euro-Münze gefunden – und verabschiedete sich schließlich leichten Herzens von ihr. Seine Lernreise zu den Steinen und Kristallen war zu Ende. Sein Rucksack hatte spürbar an Gewicht zugenommen. In ihm befand sich jeweils ein Exemplar der Steine, bei denen der kleine Zwerg in den vergangenen Monaten zur Schule gegangen war: ein Chalcedon, ein Bergkristall, ein schwarzer Turmalin, ein Tigerauge, ein Larimar, ein Rosenquarz und ein Citrin – alle sorgfältig in weiche Filzlappen eingewickelt. Karwenzel wusste, dass es noch sehr viel mehr Steine und Kristalle gab und dass sie ihm, wenn es sein sollte, begegnen würden. Und er wusste, dass es wichtig war, sie weiterzugeben, wenn es an der Zeit war. Denn, auch das hatte Karwenzel auf seiner Reise gelernt: die Freude an den Geschenken der Erde ist umso größer, je mehr sie mit anderen geteilt werden kann.

Den Wandel zaubern

Träume zerplatzen wie Seifenblasen… Mit einer kleinen Explosion verbreitet sich die freudige Energie, die wir hineingegeben haben, in die Welt. Mit den großen Augen des Kindes in uns schauend, wissen wir: Der Zauber lebt von der Transformation.

Die Perspektive wechseln, öffnet den Blick für den Wandel.

Traum und Wirklichkeit

Traumwandlerisch den eigenen Weg finden … Naiver Tropf stürzt gleich übel ab … Sich vertrauensvoll führen lassen … Die Augen verschließen vor dem, was ist … Der Aufstieg steht kurz bevor … Blind ins Unglück laufen … Eine witzige Installation auf einem Hausdach … Ein und dasselbe reale Bild kann für viele Wirklichkeiten stehen. Welche ist deine?

Massenbaumhaltung

Ausgezählt

Den größten Teil seiner Geschichte hat der Mensch im Wald gelebt. So lässt sich erklären, warum jede radikale Veränderung zwischen Buchen, Eichen und Tannen uns in eine tiefe Melancholie fallen lässt. Wehmütig schockiert schauen wir auf die braunen Skelette der Fichten, der eigentlich immergrünen Bäume, Symbol des ewigen Lichts und immerwährenden Lebens. Tränen des Abschieds sind jedoch nur bedingt angebracht. Was wir mit den Fichten bei zunehmender Trockenheit sterben sehen, ist weit entfernt vom wilden Wald unserer Träume und kollektiven Erinnerungen. Es sind von Menschenhand angelegte Baumplantagen zum Zwecke der wirtschaftlichen Nutzung. Was zu Ende gehen will, ist also eine Form der Massenbaumhaltung.

Eigentlich müssten wir dem Borkenkäfer dankbar sein. Er schafft Platz für Neues, arbeitet mit daran, ein gestörtes System wieder in Balance zu bringen. Dabei geht es dem Käfer nicht darum, zu siegen und Verlierer hinter sich zu lassen. Er hat einfach eine Aufgabe zu erfüllen nach den immer gültigen Gesetzen des Universums.

Dass in den engen Fichtenforsten ein Baum des Lebens stehen sollte, würde niemandem einfallen. Es ist dort gespenstisch still, dunkel und leer. Tot. Diese Anlagen haben dem Raum greifenden, majestätischen Nadelbaum der Hoch- und Mittelgebirge die Macht genommen. Mag sein, dass die Fichte nach der Zeit des Loslassens einmal wieder ihren angestammten Thron einnehmen wird.

Die Walnuss und der Klimawandel

Walnüsse brechen aus ihren Schalen

Nüsse sammeln hilft bei Weltschmerz. Es weckt die Erinnerung an die Jägerin und Sammlerin, die sich im Austausch mit ihrer Umgebung selbst versorgen kann. Die Bäume verschenken zurzeit ihre Früchte und geben uns eine Ahnung davon, dass es die Erde gut mit uns meint. Da kommt auch schon mal der Gedanke auf, dass der Klimawandel nicht nur schlecht sein muss. Ein Nussbaum mit wertvoller Nahrung und großer Heilkraft profitiert davon: die Walnuss.

Die Walnuss mag es warm, weil sie ursprünglich aus Mittelasien kommt. Daher breitet sie sich bei steigenden Temperaturen bis in die mitteleuropäischen Wälder aus. Einige Bewohnerinnen und Bewohner hiesiger Breitengrade – Eichhörnchen, Siebenschläfer, Mäuse, Krähen, Häher, Spechte, Meisen, Menschen – haben die nahrhaften Früchte seit Jahrhunderten auf ihrem Speiseplan. Doch wie für die alten Griechen, die die Walnuss als königliche Speise der Götter betrachteten, ist sie auch für uns immer noch ein besonderer Leckerbissen. Das ist gut so: Die Walnüsse sind sehr fett und sehr proteinhaltig, also in der täglichen Ernährung eher als köstliche Beigabe zu genießen.

Als Beigabe ist sie Kraftnahrung vom Feinsten. Außer hochwertigen Ölen und Eiweiß enthält sie viele Vitamine und Mineralstoffe. Wie die Haselnuss ist sie Hirnnahrung und nervenstärkend, Symbol für Fruchtbarkeit und Schöpferkraft.

Nüsse, Blätter und grüne Schalen werden in der Heilkunde vielfältig eingesetzt. Die Walnuss wirkt unter anderem entzündungs- und keimhemmend, antioxidativ und blutreinigend. Sie ist in der Lage, die Darmflora zu richten, hat also einen direkten Draht zu unserem Bauchgehirn, dem Darm.

Weil die Walnuss mit dem Klimawandel klarkommt, kann sie uns bei diesem großen Umbruch unterstützen. Wir können von ihr innere Stärke, Stabilität, Abgrenzung und Selbstsicherheit lernen. Für die Pflanzenkundige Anne McIntyre ist ihre Essenz das Sprungbrett zu echten Veränderungen.

Das Leben ist ein Fest

Der Holunder strahlt im Licht des Lebens

Frau Holle im Holunder schüttelt ihre weißen Blüten-Sterne aus und zaubert einen unvergleichlich süß-herben Duft übers märchenhafte Frühlingsland. Sie hält die, die zwischen den Welten schweben, absturzgefährdet und fürs Neue bereit. Sie kennt keine Gegensätze – und keine Zeit. Vor allem die Zukunft, die zu beherrschende, gestaltende, ist ihr suspekt, denn sie liebt das Chaos, das Ungeplante, den Zustand sprühender Möglichkeiten jenseits beschränkter Vorstellungskräfte.

„Seelen, die zu sterben fürchten, sie werden niemals leben“: Die Zeilen aus einer deutschen Version des wunderschönen Liedes „The Rose“ könnten von der Göttin im Holunder stammen. Sie, die sich zeigt in den jungen weißen Blüten wie in den rot-schwarzen Früchten und dem knorrigen alten Baum, verbindet den Anfang mit dem Ende in der Spirale des Lebens. Sie lacht über die, die das farbenfrohe Sein auf der Erde zu einem Wettlauf mit der konstruierten Zeit und zum aussichtslosen Kampf gegen den Tod machen wollen. Das Leben als zu planende, zu sichernde, zu verlängernde Frist hat für sie keinen Wert. Das Leben der Frau Holle ist ein Fest voller überraschender Geschenke. Nichts und niemand ist ausgeschlossen. Auch der Tod feiert mit.

Mit der Holunderdame kannst du dich bekannt machen, indem du dich unter einen Strauch setzt und mit dem Duft der Blüten atmest. Mit einer Blütendolde kannst du auch dein Trinkwasser für den Tag aromatisieren.

Mutig dem Neuen begegnen

Elfen und Feen fühlen sich bei der Lärche heimisch

Die Lärche will frei atmen. Sie wächst am liebsten in luftigen Höhen und strebt zum Licht. Das geht nicht ohne stabile Basis. Tief verwurzelt in der Erde trotzt sie den heftigsten Stürmen, ohne festzuhalten, was loslassen will. Die Lärche ist Symbol für Wagemut und Erneuerung.

Allein durch ihre Daseinsformen sind Bäume als Orte der Ruhe und Kraft zu erkennen. Mich lockte die Lärche. Dabei lädt die schrundige Borke nicht gerade zum Anschmiegen ein. Sie fordert vielmehr den nötigen Respekt. Die Lärche, wie alle Nadelbäume, hütet einen wertvollen Schatz: Ihr Harz ist ein begehrtes Heilmittel. Ihr Holz ist hart und wasserbeständig wie das der Eiche. So bauen die Venezianer auch auf die Stärke der Lärche.

Im Frühling erfreut die Lärche besonders durch die lustig-wilden Pinsel aus den weichen, zartgrünen Nadeln und die purpurroten neuen Zäpfchen. Im Sommer grün, leuchten die Nadeln im herbstlichen Sonnenlicht atemberaubend goldgelb. Anders als andere Nadelbäume wirft die Lärche ihre Blätter ab. Die Zapfen fallen nach vielen Jahren erst mit den Zweigen von den Ästen.

Die Lärche bietet vielen Wesen Lebensraum, Schutz und Nahrung. Vögel, Mäuse und Eichhörnchen machen sich bei ihr ebenso gerne heimisch wie Elfen und Feen. Viele Sagen ranken um Waldfrauen und weibliche Hausgeister, die wohlgesonnenen Menschen zur Seite stehen – Müttern bei schweren Geburten, Familien bei der Pflege der Kinder, Wanderern beim Finden des Weges. Die Elfen und Feen, die an Lärchenplätzen wohnen, helfen den Menschen, solange diese in Einklang mit den Gesetzen der Natur leben und belohnen sie reich.

Das Harz der Lärche wirkt auf körperlicher Ebene durchblutungsfördernd, wundheilend, desinfizierend, schleimlösend und wird zu einer heilsamen Salbe verarbeitet. Ganz einfach ist es, das Harz zum Räuchern zu verwenden. Mit dem Rauch lässt sich Altes verabschieden und Neues begrüßen. Die Räucherungen sind wärmend, entkrampfend, reinigend, stärken die Atmungsorgane und helfen, gestaute Energien wieder zum Fließen zu bringen. Und sie verbinden uns mit den Kräften der Natur, die um uns herum und in uns wirken.

Vielleicht magst du jetzt selbst ausziehen, um die Lärche oder einen anderen Baum zu erforschen, zu erspüren, wahrzunehmen, dich mit ihm auszutauschen. Du kannst damit beginnen, dich an oder neben einen Baum zu setzen und nichts mehr zu denken.

* Wenn du das Lärchenharz sammelst, achte darauf, dass du es nur von verletzten Bäumen nimmst und dass du die Wunde des Baumes dabei nicht aufreißt. Brich vorsichtig etwas von dem Harz ab, das an der Oberfläche schon ausgehärtet ist. Frag den Baum vorher, ob du dir etwas nehmen kannst und bedanke dich danach. Harz ist am besten auf einem Stövchen zu räuchern. So kann sich der feine Duft langsam verbreiten.

Das Neue ist schon da

Die Kätzchen der Birke überwintern

Sie zeigen sich schon im Hochsommer, doch erst jetzt im Herbst, wenn die Tage kürzer und kälter werden, bemerke ich sie, weil sie so gar nicht in die Jahreszeit zu passen scheinen: die frischen Kätzchen von Haselstrauch und Birke. Zahlreich hängen sie an den Zweigen zwischen sich verfärbenden und abfallenden Blättern. Genauso wie die weiblichen Blüten in den Knospen scheren sie sich nicht um den nahenden Frost und haben sich entschieden, im Freien zu überwintern.

Die Knospen aller Bäume wachsen spätestens im August. Für mich sind sie ein zutiefst berührendes Symbol. Was auch geschehen mag, das, was ist, gebiert das, was sein soll, lange bevor es wachsen kann. Der Kreislauf des Lebens hat gerade dann, wenn sich die Natur zurückzieht, die Chance und die Gewissheit, sich weiterzudrehen.

Die Knospe enthält den gesamten Zweig mit Blättern und Blüten, der sich im nächsten Jahr entfalten will. Das zarte Neue braucht Schutz. Damit die Knospe nicht erfriert, zieht der Baum die Flüssigkeit aus ihr ab und lagert eine Zuckerlösung ein. Dann ruht die Knospe für viele Monate, um sich schließlich in der Frühlingssonne zu öffnen.

Der Löwe brüllt für das Sein

Die Schnitterin geht über die Wiese und schneidet die Heilkräuter. Auf dem Feld holt sie die erste Ernte ein. Die Sense, die sie führt, bringt den Tod, der das Leben nährt. Ohne den klaren Schnitt verderben die herangereiften Früchte. Ein heißer Sommerwind wirbelt die Blätter auf, die ausgedörrt auf dem trockenen Boden liegen. Die Angst vor der Veränderung will sich von den Köpfen in unsere Körper ausbreiten. „Ich feiere das Leben“, brüllt der Löwe dazwischen, „weil ich genau dazu auf der Erde bin!“ Wie die Schnitterin nimmt er das, was ist und das, was er braucht. Nicht weniger, nicht mehr, in klarer Entschiedenheit.

Entschiedenheit heißt weder für die Schnitterin noch für den Löwen, mit Scheuklappen, nur die eigenen Interessen im Blick, über die Erde zu wüten. Entschiedenheit heißt für sie, sich für das Sein zu entscheiden. Der Löwe in jeder und jedem von uns sagt majetätisch: „Ich bin“ und gibt sich dem in unerschütterlichem Optimismus hin. Egal, wer oder was du sonst noch bist. Und egal, ob du im Moment überhaupt weißt, wer du bist.

Leben im Augenblick begreifen

Sie ist auf der Erde, um ihre Netze zu spinnen

Wie sind die Dinge, Lebewesen, Zustände in ihrem ursprünglichen Sein, bevor wir anfangen sie einzuordnen, zuzuordnen, abzuwägen, sie nützlich, schön, sympathisch, schrecklich, unmöglich zu finden? Es ist dieser kurze Augenblick des puren Wahrnehmens, für-Wahr-nehmens, der die Essenz des Lebens enthält.

Manchmal überkommt es mich, und ich will nichts mehr wissen aus zweiter Hand, sondern alles direkt be-greifen lernen. Wer könnte mir mehr über eine Rose erzählen als eine Rose? Ich frage die Spinne, warum sie ihr Netz vor meine Tür spinnt, wo sie doch wissen müsste, dass ich gleich hinausgehe und ihr Werk zerstören werde. Doch die Spinne denkt nicht daran, sich darüber Gedanken zu machen. Sie ist auf der Erde, um ihre Netze zu spinnen. Auch wenn morgen die Welt untergeht.