Nichts mit großer Zauberin

Manchmal gibt es ein Stoppzeichen

Das Holz des Haselnussstrauches ist sehr elastisch und sehr zäh. Du kannst aus den jungen Zweigen Körbe flechten und dir aus einer Rute einen Pfeilbogen oder einen Wanderstock anfertigen. Seit jeher war der Haselstab auch ein magisches Wirkzeug, ein Super-Leiter allerlei Energien. Wer viel zu geben hat, weiß sich zu schützen. Einen Zweig abzuschneiden, will gut überlegt sein.

Es heißt, dass es bei den Germanen bei Todesstrafe verboten war, einen Haselnussstrauch zu fällen. Das klingt sehr martialisch, und vielleicht interpretierten Geschichtsschreiber aus anderen Kulturkreisen das Gehörte auf ihre Art und in ihrer Denkweise. Auf jeden Fall gab es eine Zeit, als ein unbedachter Umgang mit diesem zaubermächtigen, nährenden und heilkräftigen Baum unvorstellbar war.

Eine Lektion in Achtsamkeit erteilte die Hasel mir dieser Tage. Ich entdeckte beim Spazierengehen einen wunderschönen Strauch voller Haselkätzchen. Ein junger Zweig fiel mir sofort ins Auge. Das könnte ein prächtiger Zauberstab werden, überlegte ich mir. Ich fragte nach und meinte, der Zweig sei für mich bestimmt. Fröhlich ging ich mit ihm nach Hause, öffnete die Tür, zog Wanderschuhe und Jacke aus, ging aufs Klo – und stutzte. Wo hatte ich eigentlich den Haselstab gelassen? Er war verschwunden.

Ich schmunzelte. Es war also nicht vorgesehen, dass ich als große Zauberin den Haselstab schwang. Das Erlebnis lehrte mich einmal mehr Respekt vor den Mitbewohner*innen der Erde. Zum Ernten, Sammeln und Nehmen von Bäumen und Wildpflanzen gehört, die potenzielle Schenkerin (in diesem Fall die Hasel) kennen zu lernen, die Absicht zu klären, den Bedarf zu überprüfen, zuerst ernsthaft zu fragen und sich zum Schluss von Herzen zu bedanken. Das Schneiden eines Haselstabes zu magischen Zwecken ist eine ganz besondere Handlung. Die will mindestens dreimal überlegt und gefragt sein. Mondin und Sonne haben auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Also wird mich die Hasel dieses Jahr begleiten, damit sie mir vertraut wird.

Es macht viel Freude und bereichert den eigenen Wissens- und Weisheitsschatz, sich eine Zeitlang auf einen bestimmten Baum einzulassen, und es lohnt sich, dabei alle Sinne und alle Möglichkeiten der Kommunikation zu nutzen. Für den Kopf gibt es eine Menge an Literatur. Das sind meine Lieblingsbücher über Bäume:

Mythische Bäume, von Ursula Stumpf, Vera Zingsem, Andreas Hase.
Blätter von Bäumen, von Susanne Fischer-Rizzi.
Bäume & die heilende Kraft des Waldes, von Adelheid Lingg.
Bäume. Das Haarkleid der Erde, von Regina Sommer.

Mit Krähen-Kraft ins neue Jahr

Mit gezücktem Schwert rennt ein Mensch wütend gegen eine Steinmauer. Zwei Krähen, auf einem Baumstamm oben auf der Mauer balancierend, schauen ihm amüsiert zu. Im neuen Jahr möchte ich immer öfter wie eine dieser Krähen die Welt betrachten.

Das Bild gehört zu einem Tarotset. Die Mauer hat sich der Mensch selbst geschaffen und fühlt sich nun gefangen. Er versucht, zu entkommen – mit Mitteln, die ihn vermutlich eher zerstören als dass er die Mauer einschlagen könnte. Ein Teil der Schwerter liegt schon zerbrochen am Boden. Der Mensch verliert im Kampf seine Kraft und erreicht nichts. Würde er einmal von seinem Anrennen ablassen, könnte sich ein Fenster auftun. Oder die Krähen ließen den Baumstamm hinuntergleiten, sodass der Mensch auf ihm nach oben und hinaus klettern könnte.

Die Krähen kennen die Verhältnisse in der Gefangenschaft, und sie sehen die Möglichkeiten außerhalb. Sie hüten als mächtige Krafttiere die Gesetze des Universums und sie wissen, wenn unser Handeln nicht mehr im Gleichgewicht ist mit diesen Gesetzen. Die Krähen-Kraft hilft uns dabei zu erkennen, wo wir nicht mehr so weitermachen können wie bisher, wo etwas im Argen liegt. Die Vögel verschaffen sich einfach einen Überblick und schauen, welche neuen Wege jenseits der Mauern gegangen werden können. Sie sind wach, kreativ und sehr humorvoll.

Dem Winter davonrennen

Die Schleiher sind verwirrend dünn in der Zeit rund um den November-Neumond. Das Licht will sich zurückziehen, die Dunkelheit meldet sich mit Macht. Es fällt schwer, diesen unglaublichen Sommer zu verabschieden mit all der Sonne, den unbeschwerten Tagen draußen, dem flirrenden Treiben, dem ausgelassenen Feiern. Nein, noch ein bisschen Wärme, noch ein bisschen Helligkeit, noch ein bisschen Laub an den Bäumen. Die Toten, die Ahnen kichern: Daraus wird nichts. Was nicht sterben will, kann nicht weiterleben. Wer den Schatten fürchtet, den verbrennt das Licht. Ach, was! Nur noch ein bisschen über die Wiesen dem Winter davonrennen! Die Ahnen rufen: Daraus wird nichts. Ja, natürlich, rufen wir zurück. Ja, aber nein. Jetzt noch nicht. Die Ahnen verlieren die Geduld: Wenn ihr schon nicht selbst still schweigen könnt, lasst wenigstens den Samen des Neuen ihre Winterruhe! Und wenn ihr doch noch Ruhe findet, um euch selbst zuzuhören – umso besser.