Die Närrin feiert Karneval

Utensilien für den Gestaltwandel

Karneval fällt aus! Was?, faucht die Närrin. Mit wehendem Lappenrock und rasselnder Kappe tanzt sie vor mir. Ausgerechnet jetzt willst du vergessen, dass du wild, frei und schamlos sein kannst, dass du aus dem großen Farbkessel der Verwandlungskunst schöpfen kannst, in dieser Zeit, in der das kreative Chaos regiert? So hole ich also meine Kostüme hervor, will werden zur Hexe, die ausgelassen zwischen den Welten tanzt, zum Eichhörnchen, das zwischen Himmel und Erde springt, zu meinem verrückten Ich, das sich keine Grenzen setzt. Pfeif auf die klugen Sprüche, lache über die ängstlichen Bedenken, vergiss die finsteren Prophezeiungen, ab Weiberfastnacht gilt das Gesetz der Närrin. Mit ihrer Kraft kannst du dich ausprobieren, jenseits einschränkender Vorstellungen.

Die Närrin verbindet uns spielerisch und leicht, auch ohne dass wir es merken, mit dem großen Ganzen. An der Schwelle zur wieder erwachenden Natur erinnert sie uns an eine Zeit der übersprudelnden Fülle ohne Furcht und Zweifel, ganz im Vertrauen und ruft dir zu: Trau dich, tanze, singe – auch wenn du allein sein und auf Abstand bleiben willst. Sei lichtvoll und lebendig!

Was bei all dem bierseligen Schunkeln, den Jecken in Parade-Uniformen und dem steifen Sitzungskarneval aus dem Blick gerät: An Weiberfastnacht holen sich die Frauen die Macht zurück. Im Ursprung feiern wir an den tollen Tagen Mutter Erde, ihre und unsere Natur, schöpferisch, versorgend, erschaffend, sinnlich, nährend, liebend, verwandelnd.

Weiberfastnacht und die folgenden Karnevalstage sind dieses Jahr getragen von einer besonderen Zeitqualität. Am Donnerstag ist Neumondin im Wassermann. Du kannst dich also wirklich wie die Närrin der Leere mit allen darin enthaltenen Möglichkeiten hingeben, der Weisheit des Anfangs erinnern und deiner Vision jeden erdenklichen Raum geben. Mit der wiederkehrenden Mondsichel werden sich deine Träume in winzigen Lichtfunken auf der Erde verbreiten. Und Brigid, die Göttin der Inspiration, schickt dich in den bald beginnenden Frühling, um mit deiner Vision die Samen der Veränderung zu setzen.

Achtung

Februar-Hochwasser

Das Wasser schwappt sanft über die Uferkante, umspielt meine Schuhe, rollt zurück. Ich blicke hinaus auf den angeschwollenen Rhein und halte den Atem an. Gewaltig in seiner absichtslosen Macht liegt der Fluss vor mir. Die Kronen der sonst großen Promenaden-Bäume schwimmen unbewegt und klein in den ruhigen Wellen. Weiß-rote Bänder sind gespannt, um die Bewegungen der Menschen zu kontrollieren. Achtung Hochwasser. Achtung Natur. Achtung Leben.

Oma-Wissen

Purpurnes Leuchten im Wintergrau

Das Alpenveilchen mochte ich nicht. Auf der Fensterbank hinter Spitzengardinen neben der Eichenschrankwand platziert, war es der Inbegriff der Spießigkeit für mich. Dann kaufte ich einer alten Blumenfrau aus unerfindlichen Gründen ein Exemplar ab. Es steht draußen und beginnt zu blühen, wenn sonst nichts mehr wachsen will. Die herzförmigen Blätter und die fast außerirdisch purpur leuchtenden Blüten erfreuen mich schon den zweiten Winter. Am Ende des ersten wollte ich die Pflanze entsorgen. Doch sie ließ sich nicht aus dem Blumenkasten nehmen. Nun bleibt sie, bis sie selbst gehen will und lehrt mich vorurteilslose Achtsamkeit.

Jetzt weiß ich, warum sich die Pflanze nicht einfach ausreißen lässt. Saubrot wird sie auch genannt, weil Wildschweine die Knolle mögen. Für die Schweine ist die Pflanze ungiftig, für uns Menschen schon in kleinen Mengen tödlich. Das liegt an den enthaltenen Saponinen, die gering dosiert große Heilwirkung besitzen. In homöopatischer Verdünnung werden sie bei starken Kopfschmerzen, Migräne, Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt. Es ist kein Wunder, dass meine Omas das Alpenveilchen liebten. Es ist eine Frauenpflanze, eine große Helferin bei Beschwerden rund um die Menstruation. Mir hilft sie, ein einschränkendes Denkmuster zu erkennen. Spießig ist das Alpenveilchen beileibe nicht.

Visionen nähren

Im Zwitschern der Vögel löst sich die eisige Stille auf. Die Raunacht-Träume verweben sich mit dem Tun und Fühlen im Alltag. Mit den Geschenken der Zeit zwischen den Jahren im Gepäck können wir achtsam und respektvoll beginnen, unsere Visionen für uns und für die Welt in der unterstützenden Geborgenheit von Mutter Erde zu nähren. Die Neumondin lädt ein zu tiefer Heilung und Veränderung.

Die Dunkelheit um das Licht

Mit dem sanften, hoffnungsvollen Wintersonnwendlicht gehen wir in die Zeit zwischen den Jahren. Es ist eine geschenkte Zeit, die dankbar beachtet werden will. Denn jetzt, da wir wissen, dass das Licht wieder wachsen wird, um Visionen, Projekte, schlicht das Leben zu nähren, meldet sich noch einmal die Dunkelheit und schickt ihre wilden Geister aus. Vor ihnen davonzulaufen ist keine gute Idee, still zu werden, nichts zu tun, nach innen zu lauschen dagegen schon. Die Raunächte, entstanden aus der Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr, öffnen uns das Fenster zu einer verwirrenden, pulsierenden, schöpferischen Anderswelt, in der wir das Neue träumend planen können.

Die ungezähmten Kräfte in uns und um uns herum wollen es dabei genau wissen: Wer bist du? Was trägt dich? Für was willst du stehen und wirken? Was bist du bereit zu geben – für dich, die Gemeinschaft, die Erde? Was kannst du nehmen vom reichen Schatz des Universums? Welches sind deine Ängste, und gibst du ihnen den gebührenden Platz, damit sie nicht übermächtig werden? Die wilden Geister rütteln dich wach fürs neue Jahr und ziehen mit lautem Getöse weiter. Du hast nichts zu fürchten. Das Licht braucht die Dunkelheit, um zu leuchten.

Die Raunächte beginnen üblicherweise mit der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember und enden am 6. Januar. Es sind Orakelnächte und -tage, in denen du auf Zeichen in der Natur, besondere Vorkommnisse und deine Träume achten kannst. Eine Möglichkeit ist, für jede Nacht eine Tarotkarte zu ziehen, entweder für bestimmte Fragen, die dich bewegen oder für die nächsten zwölf Monate und die dreizehnte als Karte für das gesamte Jahr oder den Übergang ins kommende. Ein Raunächte-Tagebuch kann dich gut durchs Jahr begleiten.

Die Raunächte sind auch eine gute Zeit zum Räuchern, vielleicht hat das Wort sogar hier seinen Ursprung. Mit dem Räuchern können wir Altes, Belastendes, nicht mehr Notwendiges loslassen, um frei zu werden für Neues. Das Räuchern im Winter ist zudem eine Möglichkeit, sich mit den Kräften und Qualitäten der Pflanzen zu verbinden, wenn sich die Natur im Außen zurückgezogen hat.

Weg der Besinnung

Natürliche Beleuchtung: Wassertropfen an Pflanzensamen im Sonnenlicht.

Besinnlich, Besinnung, zur Besinnung kommen: Spielen mit Worten kann den Blick über Beschränkungen hinaus weiten. Das erzwungene Zur-Ruhe-Kommen fällt in eine Zeit, in der die kreativen Kräfte sowieso im Inneren, im Verborgenen schlummern, bald angestrahlt von einem kleinen Lichtlein, das die Macht hat, den Weg zu erhellen – den Weg der Besinnung, auf dem offenbar werden kann, was wirklich zählt, also was Sinn hat im jeweiligen Leben. So lässt sich be-sinnlich erkennen, was war, was ist und was sein wird. Tarot-Karten sind dabei nützliche Helferinnen. Und Gespenster, bekannte und unbekannte, die aus dem Dunkeln emporsteigen mögen, dürfen in den Arm genommen werden.

Licht (auf-)bewahren

Die Königskerze sendet immer noch kleine Lichtstrahlen

Die Königskerze vor meinem Fenster ist eine Überlebenskünstlerin. Scheinbar längst verblüht, sprießen auch jetzt noch immer wieder neue gelbe Blüten aus ihrem Stängel. Sie verströmt ihr inneres Licht über den Sommer hinaus. Ich sehe ihre Leuchtkraft und denke an die Geschichte von Frederick, der Sonnenstrahlen, Farben und Worte sammelt. Die Feldmaus legt einen ganz besonderen Vorrat für den Winter an. Mit dem Licht, das Frederick (auf-)bewahrt, nährt und wärmt er die Herzen an trüben und kalten Tagen.

Das tut auch die Königskerze. Sie hilft zudem, wenn die eigene Stimme abhanden kommt und das innere Licht vom äußeren Nebel verschluckt zu werden droht. Auch die eigenen Farben wollen in die dunkle Zeit mitgenommen werden.

Widerstand ist zwecklos

Die gelbe Blüte der Kornelkirsche zeigt sich schon im Februar

Der Sturm pfeift, heult, wütet, braust,

tobt, verwirbelt, zerstört,

reinigt.

Unbeeindruckt.

Rück-sichts-los.

Widerstand ist zwecklos.

Ein riesiger Baukran verharrt und kippt um.

Die kleine Blüte der Kornelkirsche geht mit und hält stand.

Verborgen in Veränderung

Wirklich unwirklich

Der Nebel glättet die Kanten und verwischt die Konturen, im Regen zerfließen die Strukturen und verschwimmen die Schärfen. Das Außen erscheint irreal, verborgen in Veränderung begriffen und kaum zu er-fassen. Worüber streiten wir uns? Was gibt es zu tun? Fragen bleiben unbeantwortet, Entscheidungen ungetroffen. Die Erde ruft nach Beachtung, nach Verwurzelung, nach sinnlichem Wahr-nehmen. Im Vagen bereitet sie den Weg zu innerer Klarheit. Mit ihrer Unterstützung unter den Füßen, im Bauch und im Herzen übe ich mich im Wünschen. Nicht den Porsche, den nächsten Urlaub oder den besseren Job. Ich suche zu ergründen, wofür mein Licht wirklich und wahrhaftig brennen will.

Die Kelten feierten in dieser Zeit Imbolc, das Fest der Brigid, Göttin der Inspiration und des ersten Lichtfunkens, der die Vision für das Wiedererwachen nach der Dunkelheit nährt. Die Christen segnen Kerzen, und auch sie ehren die alte Göttin des Lebens, in Gestalt von Maria. Alles ruht noch im Schoß von Mutter Erde, auch die Träume, Wünsche und Visionen. Bis sie als kleines Lichtlein aufsteigen und in die Welt gebracht werden wollen. Ganz behutsam und geschützt, denn noch pfeifen die eisigen Winde über sie, und der kalte Frost prüft ihre Beständigkeit.

Frei für die Vision

Wasser reinigt und bringt ins Fließen, nicht immer auf die sanfte Art.

Der prasselnde Strahl aus dem Duschkopf, das umhüllende Wasser in der Badewanne, das Eintauchen in einen kalten Wintersee, ein vom Wind begleiteter Spaziergang, fließend tanzen, sich fallenlassen in die Leere: Es tut gut, sich von blockierenden Gedanken und Handlungen zu reinigen, bevor die Vision aufleuchten kann – an Lichtmess, Imbolc, wie immer du das Jahreskreisfest Anfang Februar nennen willst. Doch hilft es nicht, dabei in dualen Mustern hängenzubleiben und sich alles Negatives fort zu wünschen. Reinigen heißt für mich, den Blick freizumachen auf die Vision, die gesehen werden will, und das, was dabei hinderlich sein könnte, nicht einfach nur beiseitezuschieben, sondern ihm einen angemessenen Platz im eigenen Leben einzuräumen.

Damit das Neue eine Chance hat, will es vielleicht einmal mit anderen Gedanken und Handlungen erschaffen werden. Eine Vision kommt da schon auf bei mir: ungewöhnliche Wege zu finden und zu gehen.