Sich neugierig einfügen

Was hat mir das Leben zu bieten?

Wunderfitzig die Welt betrachten heißt, sich staunend dem Leben öffnen. Wunderfitzig ist ein schönes schwäbisches Wort für neugierig und beschreibt eine Haltung, die die Kraft hat, Ängste und Vorurteile aufzulösen. Neugierige  Augen, wunderfitzige Herzen sehen die Möglichkeiten statt künstlich geschaffener Grenzen. Das Eichhörnchen verkörpert diese Eigenschaft sehr berührend. Ohne Furcht springt es meterweit in schwindelerregender Höhe von Ast zu Ast. In den Baumwipfeln ist das flinke Wesen ebenso zu Hause wie auf der Erde, wo es die Früchte des Sommers erntet. Wunderfitzig geht es auf Erkundungstour und findet allerlei Nährendes. Zum Beispiel die Mirabellen vor meinem Fenster. Jeden Tag springt es aus dem Efeu herbei, klettert auf das Bäumchen und nimmt sich eine Frucht. Ich teile gerne mit dem bescheidenen Mitesser, der mich dafür zum Lächeln bringt.

In den Parks und Wäldern huschen die Eichhörnchen bald emsig über den Boden. Sie sammeln für den Winter, vor allem Eicheln, Bucheckern und Fichtenzapfen. Ihre Beute vergraben sie in der Erde, und nur etwa die Hälfte davon essen sie in der kalten Jahreszeit. Der Rest der Samen und Nüsse überwintert gut geborgen und kann im Frühling keimen. So ist der Selbstversorger Eichhörnchen ganz nebenbei Waldgärtner und Naturschützer. Es muss nicht die Erde retten, gegen den Klimawandel kämpfen, seine Resilienz erhöhen. Wunderfitzig fügt sich das Eichhörnchen einfach ein in den Kreislauf des Lebens.  

Die weise Feuerkraft des Salbeis

Im August geerntet, sind die Blätter am heilkräftigsten

Wäre der Salbei ein Mensch, er wäre eine starke Frau, sagt die eine Kräuterkundige. Wäre der Salbei ein Mensch, er wäre ein alter Magier in blauviolettem Mantel mit silbergrauem Haar, meint die andere. Beides und nichts mag der Wahrheit entsprechen. Die Bilder, die wir uns schaffen, mögen immer nur Ausschnitte erfassen von dieser großen Schamaninnenpflanze, deren Sein über menschliche Zuordnungen hinausgeht. Was wir beschreiben können, ist ihre Heilkraft, zumindest einen großen Teil davon. Es gibt kaum Alltagsbeschwerden, die wir nicht mit Salbei behandeln können.

Als Tee aus frischen oder getrockneten Blättern hilft er bei Entzündungen jeder Art, bei Erkältungen, Halsschmerzen, bei Kreislaufschwäche, bei nächtlichem Schweißausbruch, und er ist allgemein kräftigend. Frauen ist er ein unterstützender Begleiter vom Beginn der Menstruation über den (unerfüllten) Kinderwunsch bis in die Wechseljahre. Er stärkt das Gehirn, erhöht die Konzentration beim Lernen oder bei Prüfungen und wirkt gegen Gedächtnisverlust.

Geräuchert und im Pflanzenwasser reinigt der Salbei Menschen und Räume. Er steht zur Seite, um  bei inneren Prozessen, Übergängen und Zeiten des Wandels bei sich bleiben zu können.

Die Vielseitigkeit mancher Heilpflanze lässt uns einerseits staunen und andererseits oft überfordert fragen, ob sie im konkreten Fall wirklich die Richtige ist. Da kann es von Vorteil sein, die Bücher beiseite zu legen und an den Blättern des Salbeis zu riechen, mit den Fingern über die behaarte Oberfläche zu streichen und sich einfach einen Tee zu brauen.

Noch ein Weg kann sein, sich den Grundcharakter einer Pflanze bewusst zu machen. Der Salbei ist ein Kind des heißen Südens. Aus dem östlichen Mittelmeerraum gelangte er im Mittelalter in unsere Gärten. Er besitzt die Kraft des Feuers, die jetzt im August am stärksten ist. „Weise“, „sage“, ist der englische Name des Salbeis. Ein weises Erdenwesen ist er allemal. Und wirklich weise ist, wer mit den Lebenskräften angemessen umzugehen lernt. Die Feuerkraft kann wärmen und verbrennen, inspirieren und transformieren, die Liebe ebenso nähren wie die Wut.

Der Salbei lehrt uns, genau zu schauen, welches Maß an Feuer wir entsprechend unserer Aufgabe und unseres Alters nutzen können und sollen. Die Warnung gegen Maßlosigkeit liefert er gleich mit: Das in ihm enthaltene Nervengift Thujon kann bei Überdosierung zu Herzrasen, Krämpfen und Lähmungserscheinungen führen.

Wäre der Salbei ein Mensch, dann wäre er ein Magier und eine weise Frau, deren Leitspruch lautet: Erkenne dich selbst, finde das Maß, tu was du willst und schade niemandem.

Die oben zitierten Kräuterkundigen sind Susanne Fischer-Rizzi und Ursula Gerhold. Die Weisheit des Salbeis, das Feuer im rechten Maß zu nutzen, gab mir Ursula Gerhold weiter.

Der Löwe brüllt für das Sein

Die Schnitterin geht über die Wiese und schneidet die Heilkräuter. Auf dem Feld holt sie die erste Ernte ein. Die Sense, die sie führt, bringt den Tod, der das Leben nährt. Ohne den klaren Schnitt verderben die herangereiften Früchte. Ein heißer Sommerwind wirbelt die Blätter auf, die ausgedörrt auf dem trockenen Boden liegen. Die Angst vor der Veränderung will sich von den Köpfen in unsere Körper ausbreiten. „Ich feiere das Leben“, brüllt der Löwe dazwischen, „weil ich genau dazu auf der Erde bin!“ Wie die Schnitterin nimmt er das, was ist und das, was er braucht. Nicht weniger, nicht mehr, in klarer Entschiedenheit.

Entschiedenheit heißt weder für die Schnitterin noch für den Löwen, mit Scheuklappen, nur die eigenen Interessen im Blick, über die Erde zu wüten. Entschiedenheit heißt für sie, sich für das Sein zu entscheiden. Der Löwe in jeder und jedem von uns sagt majetätisch: „Ich bin“ und gibt sich dem in unerschütterlichem Optimismus hin. Egal, wer oder was du sonst noch bist. Und egal, ob du im Moment überhaupt weißt, wer du bist.

Leben im Augenblick begreifen

Sie ist auf der Erde, um ihre Netze zu spinnen

Wie sind die Dinge, Lebewesen, Zustände in ihrem ursprünglichen Sein, bevor wir anfangen sie einzuordnen, zuzuordnen, abzuwägen, sie nützlich, schön, sympathisch, schrecklich, unmöglich zu finden? Es ist dieser kurze Augenblick des puren Wahrnehmens, für-Wahr-nehmens, der die Essenz des Lebens enthält.

Manchmal überkommt es mich, und ich will nichts mehr wissen aus zweiter Hand, sondern alles direkt be-greifen lernen. Wer könnte mir mehr über eine Rose erzählen als eine Rose? Ich frage die Spinne, warum sie ihr Netz vor meine Tür spinnt, wo sie doch wissen müsste, dass ich gleich hinausgehe und ihr Werk zerstören werde. Doch die Spinne denkt nicht daran, sich darüber Gedanken zu machen. Sie ist auf der Erde, um ihre Netze zu spinnen. Auch wenn morgen die Welt untergeht.

Wahr-nehmen und neu sortieren

Alles noch da und doch anders

Ich nehme einmal ander(e)s wahr,

wirbele durch die wohlsortierte Schublade meines Lebens,

plötzlich steht nichts mehr an seinem Platz,

ich werfe schnell ein Tuch darüber,

ein Tuch der Ängste, der Unklarheit, des Nicht-Wissens.

Darunter rumpelt es gewaltig.

Viel, viel später

hebe ich das Tuch,

alles ist noch da,

an einem neuen Platz,

anders.

Ein bisschen chaotischer,

unerwartet,

gewöhnungsbedürftig,

irgendwie stimmiger.

Es ist genug

Sommersonnwend-Energie

Sommersonnwende, alles ist da. Auch all unsere Schmerzen und das klare Nein zu all dem, was die Erde, die Tiere, Pflanzen und Menschen verletzt, bedroht, missachtet. Licht und Dunkel begegnen sich. Wir feiern die Fülle und schreien unsere Wut hinaus. Es ist genug.

Standhalten und mitgehen

Ich denke nicht, ich sehe

Standhalten oder mitgehen, loslassen oder festhalten, sich wehren oder sich hingeben: Die satten Wiesen, durch die der Wind bläst, kennen kein Entweder-oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch. Die Grashalme und Wildblumen biegen sich in einem gemeinsamen Tanz, sie fließen dahin, überlassen sich dem Sturm und bleiben doch fest verwurzelt stehen in den steilen Berghängen.

Der Widerspruch zwischen standhalten und mitgehen löst sich auf. In dem Bewegen und gleichzeitigem Stehenbleiben ist es, als ob die Wiesen Energie im Hier und Jetzt aufnehmen, ihren Teil behalten und das Meiste einfach weitergeben. Es ist, als ob sich ein Strom ergießt über die Kuppen der Hügel und hinauffließt in die oberhalb thronende geheimnisvolle Bergwand.

Die Bergwand betrachte ich lange und immer wieder – ohne Ziel, ohne Grund, ohne Absicht. Sie zieht mich in ihren Bann in ihrer Unerschütterlichkeit und Mächtigkeit, in ihrer Stille und Unergründlichkeit. Ich denke nicht, ich schaue. Mein Kopf darf leer werden, was mir Angst machen kann und im Moment einfach nur befreiend ist. Ich sehe. Die ruhigen Berge, die wogenden Wiesen, die rauschenden Bäume, den Bach im Tal und das Hausrotschwanz-Pärchen über mir, das seine Jungen füttert. Und wenn ich mich zur gegebenen Zeit bewegen werde, dann will ich dabei gut verwurzelt sein.

Bergwiese

Dem Machen die Macht nehmen

Mal einfach nur wahr-nehmen

„Ja, haltet mal still, hört mal erst euer Herz schlagen und wie viel Angst drin ist. Ja, haltet mal still und legt die Hände auf euren Nabel und spürt die wilden Rhythmen, die da gegeneinander branden, das Durcheinander, die Verwirrung. Ja haltet mal still und werdet bescheiden und klar: Wir wissen nichts, aber wir tun ständig etwas…“ Die Worte der weisen Ute Schiran klopfen an und setzen sich in meinem Kopf und Körper fest.

Ja, dem Machen die Macht nehmen.

sich nicht so verdammt wichtig nehmen.

mit allen Sinnen wahrnehmen.

die Sprache der Erde aufnehmen.

sich und die anderen ernstnehmen.

das Leben annehmen.

nichts hinnehmen.

Im Blüten-Sternenkleid

Frau Holle im Holunder trägt ihr leuchtend-weißes Sternenkleid. Verwandlung ist ihre Kunst, die Liebe ihre Leidenschaft. Der Strauch und die in ihm wohnende Göttin geben ihre Heilkraft dem und derjenigen, der und die bereit ist, aus der Klarheit des Herzens heraus bedingungslos zu handeln. Wie Goldmarie im Märchen.

Frau Holle und ihr Hollerbusch dienen dem Leben ganz und gar, ohne wenn und aber, sie verbinden schwarz und weiß, das Werden mit dem Vergehen, sie kennen keine Gegensätze, sondern nur Ergänzungen wie männlich und weiblich. Die zarten, in den Himmel weisenden Blüten des Frühlings gehören zu ihnen wie die satten, sich zur Erde beugenden schwarzen Beeren des Herbstes. Alles hat Platz, wenn es aus dem Herzen kommt.

Wildpflanzen lassen uns in symbolträchtigen Bildern schwelgen, die auf ihre Heilkunst hinweisen. Sie wirken nie nur auf der körperlichen Ebene, sie sind Nahrung und Medizin auch für Geist und Seele.

Um den Geschmack von Holunderblüten kennen zu lernen, kannst du einfach eine Blütendolde zusammen mit einer Scheibe Zitrone in einen Krug mit Trinkwasser geben, kurz ziehen lassen und das abgeseihte Wasser trinken. Oder du pflügst ein paar Blüten und zerkaust sie langsam.

Aus den Blüten lassen sich außer starker Medizin allerlei Leckereien machen: Holundersirup, Marmelade, Holundermilch, Küchle, Limonade, Sekt. Bevor du die Blüten pflügst, überlege, was du damit machen willst. Denn auch die Beeren, die an den nichtgepflückten Dolden wachsen, sind für uns Menschen – und für zahlreiche Vogelarten – wahre Kraftpakete.

Europa geht an den Strand

Kanadierinnen, Europäerinnen? Auf jeden Fall in Köln heimisch geworden.

Der feine Business-Pinkel Zeus rast mit seinem E-Roller über den Gehweg

und fährt Europa um, die vom Kirchenstreik Maria 2.0 kommt.

Die junge Frau stürzt auf einen hechelnden Mops, dessen Herrchen sie eine Tierquälerin schimpft.

Goldmünzen rollen aus Europas Taschen, nach denen die Umstehenden gierig greifen.

„Was liegst du hier auf der Straße, du Pennerin?“, schreit eine Radfahrerin. „Hast du nichts Besseres zu tun?“

Doch, denkt Europa, steht auf, schüttelt ihren Rock und macht sich auf den Weg zurück zu den blumenreichen Wiesen und dem Meeresrauschen am Strand von Sidon.