Karwenzel reist zu den Kristallen – Heilstein-Geschichten für das Innere Kind

Karwenzel packte seinen kleinen abgegriffenen roten Rucksack aus gefilzter Schafwolle. Er stopfte einen Ersatzpulli und eine Ersatzhose für den Notfall hinein. Mehr nicht, denn er brauchte keine Regenjacke und keine Unterhosen. Etwas zum Essen und Trinken würde er im Wald finden oder von Menschen bekommen, die ihn sehen konnten. Wie immer, wenn sich Karwenzel vor einer Lernreise von der Familie verabschiedete, umarmte ihn die Großmutter fest und flüsterte ihm ins Ohr: „Schau dir die Welt genau an – mit den Augen und mit dem Herzen. Glaube nichts und halte alles für möglich.“

Karwenzel stieg die Stufen aus der Höhle, in der sein Zwergenclan lebte, hinauf an die Erdoberfläche. Es war seine mittlerweile 37. Lernreise, obwohl er noch ein recht junger Zwerg war. Jedes Mal, wenn ein neues Thema auf dem Unterrichtsplan stand, ging er auf Lernreise – einmal zu den Eichen und Fichten, ein anderes Mal zu den Bächen und Flüssen, dann zu den Bären und Ameisen, den Schmiedinnen und Schneidern, den Elfen und den Riesen. Das machten alle Zwerge so. Denn wie sollten sie zum Beispiel wissen, was eine Rose ist, wenn sie nicht einmal an ihr gerochen, ihre Stacheln gespürt und sich mit ihr unterhalten hatten?

Der blaue Chalcedon

Es war ein wunderschöner Morgen. Die letzten Schneeflocken des Winters hatten die Bäume über Nacht eingehüllt und glitzerten in der Sonne, Spuren von Rehen und Wildschweinen führten über den weißen Boden der Waldlichtung. „Steine und Kristalle“: Karwenzel sprach die Worte bedächtig vor sich hin.

„Kein Unterrichtsfach ist wichtiger oder weniger wichtig“, hatte ihm sein Lehrer gesagt. „Dieses ist für uns Zwerge von besonderer Bedeutung. Denn Steine sind die meiste Zeit um uns herum. Wir leben in Höhlen, unter Bergen und in Schluchten. Zudem hüten wir, wie du weißt, die Reichtümer der Erde. Du wirst auf deiner 37. Lernreise erfahren, dass Edelsteine zu den größten Schätzen gehören.“

Leise rieselte Schnee von der Tanne direkt vor ihm, als ein Eichelhäher auf- und vor dem kleinen Zwerg herflog. Karwenzel wusste, dass er nach den Steinen nicht suchen musste. Er würde sie finden. Und tatsächlich, nachdem er, begleitet von der Wärme der Sonne über ihm und dem Knirschen des Schnees unter seinen Stiefeln, gegangen war, erblickte er etwas, dass er hier im Wald noch nie gesehen hatte.

„Das muss ein Kristall sein“, rief er begeistert, um gleich darauf ein wenig ratlos von einem Fuß auf den anderem zu treten. Was sollte er den Stein nun fragen? Karwenzel kratzte sich an der Stirn und strich unsicher über seinen flauschigen Wollpullover. Vorsichtig schlich er um das unförmige Ding herum, das stumm und starr vor ihm lag. Der Stein funkelte mit den Schneekristallen um die Wette. Seltsam berührt von der Farbe trat Karwenzel näher. Das zarte, fast durchscheinende Hellblau erinnerte ihn an den Himmel im Frühling, wenn das Leben neu erwachte, und an Delphine, die übermütig das Meer durchpflügten und dabei sanfte Wellen hinter sich ließen. Wie verzaubert streckte er seine Hand zu dem Kristall hin und zog sie im letzten Moment, bevor er zugreifen wollte, schnell wieder zurück.
„Wie soll ich mich nur mit dir unterhalten?“ Karwenzel seufzte tief.
„Du unterhältst dich doch schon längst mit mir.“
Der kleine Zwerg plumpste rückwärts in den Schnee. Obwohl er wusste, dass Zwerge mit allem und jedem sprechen konnten, war es ein bisschen unheimlich, die Stimme eines Steines zu hören.
„W… was meinst du damit, ich unterhalte mich schon mit dir?“
„Du hast mich angeschaut, mit deinem Blick hast du mir gesagt, dass ich dir gefalle, du hast mir gezeigt, dass du mich anfassen willst, und ich habe dir deutlich gemacht, dass du deine Finger von mir lassen sollst. Kommunikation, mein Freund, findet nicht nur mit Worten statt.“
Karwenzel zog sich seine pink-gelb-grün geringelte Zipfelmütze über, die ihm beim Sturz vom Kopf gerutscht war. „Gut, du scheinst ja ein Kommunikationsexperte zu sein“, entgegnete er frech – denn Zwerge sind sehr frech, wenn sie nach einem Schreck ihren Mut wiedergefunden haben. „Also kannst du mir vielleicht etwas erzählen über dich.“

Voller Erwartung lehnte sich Karwenzel an eine alte Buche. Schweigen. Gegen die Rinde des Baumes trommelnd pfiff der Zwerg ein Lied vor sich hin. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Diese Stille war irgendwie kaum auszuhalten.
„Ist das jetzt auch Kommunikation?“, fragte Karwenzel den Stein.
„Ja“, antwortete dieser, „aber keine besonders angenehme.“
„Okay, dann fang doch einfach an zu erzählen.“
„So geht das nicht, mein Freund. Kommunikation heißt, dass sich mindestens zwei Wesen austauschen, nicht, dass einer Monologe hält. Und die beiden sollten sich schon wirklich füreinander interessieren. Also, wenn du etwas von mir wissen willst, dann hast du sicher ein paar Fragen. Frag mich!“

Karwenzel blickte den Stein verwundert an. Eigentlich hasste er es, wenn ihn jemand belehrte, aber dieses hellblaue Wesen formulierte seine Sätze so klar, sprach sie so liebevoll aus und strahlte dabei so heiter, dass Karwenzel ihm nicht böse sein konnte. Im Gegenteil. Er beschloss, sich die Worte des Steines über Kommunikation zu merken.
„Wie heißt du?“, fragte er endlich.
„Die Menschen nennen mich Chalcedon“, antwortete der Stein.
Karwenzel hätte einem so schönen Stein einen schöneren Namen gegeben.
„Was bedeutet das?“, fragte er.
„Das wissen selbst die Menschen nicht wirklich. Manche sagen, ich sei nach einer antiken griechischen Stadt in Kleinasien benannt. Vielleicht haben sie mich dort zum ersten Mal gefunden. Und da war es wohl am einfachsten, mir diesen Namen zu geben.“

Die beiden, Karwenzel und der Chalcedon, saßen einen Moment still beieinander. Es war ein anderes Schweigen als zuvor. Karwenzel trommelte nicht, und er pfiff nicht. Er spürte die Gegenwart des Steines und fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft.
„Ist das jetzt eine Art kommunikatives Schweigen?“, fragte er.
Karwenzel lächelte, und der Chalcedon funkelte noch ein bisschen stärker.
„Werden Chalcedone eigentlich geboren wie die Zwerge und Rehe, oder wachsen sie wie die Gänseblümchen und Himbeersträucher?“, fragte Karwenzel weiter.
„Sowohl als auch“, antwortete der Stein. „Wir werden geboren in dem Moment, in dem sich Magma im Erdinneren soweit abkühlt, dass Dampf zu Wasser werden kann. Das Wasser sickert dann durch feine Risse und Äderchen im Gestein und sammelt sich in Spalten und Hohlräumen. Dort scheiden sich die Mineralien, die im Wasser enthalten sind, ab und bilden, wenn sie genügend Zeit bekommen, wunderschöne Kristalle. Und dabei wachsen wir.“
„Das kann ja dauern!“, rief Karwenzel.
„Jahrmillionen“, sagte der Stein.
Zeit war für Zwerge nicht wirklich von Bedeutung, sie wurden so alt wie sie wollten. Aber „Jahrmillionen“ beeindruckten Karwenzel schon. Angesichts dieser gigantischen Zahl wurde er wieder still. Er begann es zu mögen, dieses kommunikative Schweigen, obwohl Zwerge gemeinhin mit Begeisterung zu reden pflegten.
Schließlich fragte er vorsichtig: „Darf ich dich einmal anfassen?“
„Natürlich“, sagte der Chalcedon.
„Warum erlaubst du es mir jetzt plötzlich?“
„Weil du gefragt hast.“


Karwenzel strich zärtlich über den Stein. Er fühlte sich trotz seiner Härte unerwartet weich an, hatte ganz rauhe und sehr glatte Seiten. Karwenzel nahm den Chalcedon zwischen die Finger und betrachtete ihn lange. Der Stein schien zu fließen – und Karwenzel floss eine Weile mit.
„Warum bist du aus deiner Spalte auf die Erde gekommen?“, fragte er nachdenklich.
„Weil ich nur im Sonnenlicht so strahlen kann, weil ich nur hier ein solch leuchtendes Hellblau bekomme und weil es mir Freude macht, mit dir, den Tieren, den Pflanzen, den Menschen und allen Wesen auf dieser Welt in Kontakt zu kommen. Wie sonst, frage ich dich, sollte ich etwas über andere und über mich selbst erfahren – als wenn ich rede, schaue, fühle, spüre, zuhöre. Die Menschen suchen für alles Worte. Griechen, die nach Menschen-Maß vor langer, langer Zeit lebten, und als sehr schlau galten, bezeichneten mich als ,Stein der Redner‘. Das ist nur ein Teil der Wahrheit.“

Karwenzel blieb nach Menschen-Rechnung 28 Tage bei dem Chalcedon. Er lernte viel über Kommunikation, über die Kunst des Redens und des Zuhörens, des sich Verständlichmachens und des Verstehens, über die Freude, mit der die Delphine im Wasser spielten und die Gelassenheit, mit der die Wolken über den Himmel zogen. Dann machte er sich wieder auf den Weg. Seine Lernreise zum Unterrichtsfach „Steine und Kristalle“ hatte ja gerade erst begonnen.

Der Bergkristall

Magie – das wusste der kleine Zwerg Karwenzel – wirkt besonders dann, wenn er etwas erlebte, das über seine bisherige Vorstellungskraft hinausging. Magisch war der Augenblick, den er am liebsten für immer festhalten wollte. So wie diesen. Ein Sonnenstrahl, der durch eine winzige Öffnung an der Decke drang, traf genau auf die Spitze eines gigantischen Kristalls und verströmte Licht über den Stein, so dass dieser die Höhle hell erleuchtete. Eine Eidechse hatte Karwenzel hierher gelockt. Er war dem flinken Tier neugierig und ohne zu zögern in das Gewirr der dunklen Gänge gefolgt. Denn in Höhlen sind Zwerge zuhause. Sie brauchen nicht einmal eine Taschenlampe, um sich darin zurechtzufinden. Die Eidechse war natürlich viel schneller als Karwenzel, und der kleine Zwerg hatte das Reptil bald aus den Augen verloren. Trotzdem war er weitergegangen – bis zu dieser unterirdischen Halle, wo er sich nun in einem wunderschönen Traum wähnte. Er musste an seine Urgroßmutter denken. So wissend, so respekteinflößend, in solch einer Ruhe und Gelassenheit saß sie oft in ihrem mächtigen Sessel und gab mit der gleichen Klarheit jedem Lebewesen um sie herum die Gewissheit, dass es in Sicherheit war. Und wie die Urgroßmutter, ahnte Karwenzel, kannte auch dieser Kristall wahrscheinlich unendlich viele Geschichten.

„Da hast du wohl recht“, sagte der Stein.
Karwenzel wunderte sich nicht, dass der Kristall seine Gedanken lesen konnte. Er selbst verstand sich auf diese Kunst.
„Setz dich zu mir, lass mich erzählen“, sagte der Stein, der ein bisschen aussah wie ein großer Eisklotz, wie Karwenzel fand.
„Die Griechen haben uns unseren Namen gegeben: ,Krystallos‘, Eis. Sie glaubten, wir Bergkristalle seien versteinertes Eis.“
Karwenzel betrachtete sich den Bergkristall jetzt etwas genauer. Der Stein war größer als er selbst. Er hatte eine Spitze, deren Flächen, ebenso wie die der sechs Seiten des Kristalles nicht völlig glatt waren. Der kleine Zwerg entdeckte zahlreiche unterschiedliche Muster: Linien, Wellen, Gebirge, Wolken, Tupfer, ja sogar wie mit dem Lineal gezogene Dreiecke.
„Das ist meine Bibliothek“, sagte der Bergkristall. „Du kannst in mir lesen.“
Karwenzel versuchte die Muster zu entziffern. „Ich verstehe kein Wort“, erwiderte er stöhnend.
Der Kristall lachte ein tiefes Lachen. „So einfach machen wir es Euch nicht. Für meine Bibliothek bekommst du nur dann einen Benutzerausweis, wenn das Wissen auch für dich bestimmt ist.“ Der Kristall machte eine geheimnisvolle Pause. „Und erst dann, wenn du dafür bereit bist.“

Karwenzel runzelte die Stirn, schwieg jedoch. Wie seine Urgroßmutter in solchen Fällen würde ihm auch der Kristall alles erklären.

„Vor langer, langer Zeit“, begann der Stein tatsächlich zu erzählen, „soll es Menschen gegeben haben, die alles wussten. Nichts gab ihnen Rätsel auf, sie konnten alles tun, nichts machte ihnen Angst, warum auch, sie kannten alles und wussten, dass ihnen alles wohlgesonnen war. Sie lebten in Harmonie – mit sich selbst, mit den anderen Menschen, mit der Natur und allen Wesen und Kräften, die sie umgaben. Es gab keinen Hass, keinen Krieg, keinen Neid, keine Ausbeutung. Die Menschen achteten darauf, dass sie von der Erde nicht mehr nahmen als sie ihr gaben und dafür bekamen sie ein Geschenk: Wissen.“
„Du meinst, sie wussten wirklich alles?“, fragte Karwenzel dazwischen. „Sie wussten, wie man zu den entferntesten Planeten im Weltall gelangte? Und was sich im Kern der Erde befindet? Und wie man mit Zwergen und Elfen spricht?“
„Alles“, antwortete der Stein. „Allerdings durften sie das Wissen nur so lange behalten, wie sie sorgsam damit umgehen würden. Irgendwann jedoch – auch darüber gibt es zahlreiche Geschichten – begannen die Menschen ihr Wissen zu missbrauchen. Die Menschen begannen, ihr Wissen zu egoistischen Zwecken zu verwenden. Sie taten dabei Dinge, die anderen Wesen und Kräften nicht gut taten. Sie nahmen keine Rücksicht, auf nichts und niemanden. Sie verlernten, die Natur und ihre Mitmenschen zu achten. Ihnen war egal, was ihr Handeln für Folgen hatte, denn sie stellten sich über alle anderen. Damit besiegelten sie die Zerstörung ihres Reiches.“

Karwenzel zog seine Knie an die Brust und drückte sich enger an den von der Sonne gewärmten Kristall.
„Bevor jedoch Atlantis unterging“, fuhr der Stein fort, „suchten ein paar weise Frauen und Männer eine Möglichkeit, ihr unschätzbares Wissen zu retten. Sie fanden die Kristalle. Wie die Menschen heutzutage Informationen auf Computer speichern, programmierten sie ihr Wissen auf Bergkristalle und vergruben sie an verschiedenen Stellen tief unter der Erde – in der Hoffnung, dass sie wieder auftauchen würden, wenn die Zeit reif dafür sei und die Menschen das Wissen brauchen könnten.“
Karwenzel atmete tief durch. „Warum haben die weisen Frauen und Männer ausgerechnet euch Bergkristalle als Bibliotheken ausgesucht?“, fragte er.
„Sie wussten, weil sie alles wussten, dass wir Quarzkristalle uns ganz besonders dazu eignen, etwas aufzunehmen und zu übertragen. Das wissen die Menschen übrigens heute noch. Du kennst doch Quarzuhren. Und ohne uns würde es keine Computer geben. Die Menschen benutzen uns zu allerlei technologischen Zwecken, um Energie zu übertragen und zu verstärken.“

Der Sonnenstrahl war von der Spitze den Kristallkörper entlang hinuntergewandert. Das Licht brach sich an einer Stelle im Innern des klaren Steins, wo sich während des Entstehens andere Mineralien wie Sternenstaub abgelagert hatten. Ein Regenbogen leuchtete auf und zauberte bunte Farben in den hellen Stein. Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett tanzten einen ausgelassenen Tanz, als Karwenzel den Kopf hin- und herbewegte. In diesem Augenblick gab es für den kleinen Zwerg keinen Zweifel: Die Menschen würden die Botschaften zu entschlüsseln wissen, wenn es an der Zeit war.
„Ganz sicher“, sagte der Kristall und ergänzte, als Karwenzel aufstand: „Meine Bibliothek steht übrigens auch Zwergen offen. Vielleicht willst du ja ein wenig darin stöbern und schauen, ob du etwas Passendes zu lesen findest.“

Der Rosenquarz

Es hörte sich an, als ob ein Baby verzweifelt schrie. Aber Karwenzel wusste, dass es eine Katze war. Er lief auf das Haus am Rande der großen Stadt zu. Aus dieser Richtung kam das Wehklagen. Als er durch den Gartenzaun spähte, sah Karwenzel zunächst nur einen Jungen, der mit irgendjemandem schimpfte.

„Du warst ungehorsam, jetzt wirst du sehen, was du davon hast“, rief er und zog an einem Seil.
Karwenzel stellte sich auf die Zehenspitzen und suchte nach dem anderen Ende der Leine. Daran hing eine kleine Katze. Sie wälzte sich auf dem Rasen und versuchte sich aus der Schlinge um ihren Hals zu winden.
„Sei endlich still!“, fauchte der Junge sie an. Er war schrecklich wütend.

Karwenzel öffnete seinen Rucksack und kramte eine Weile darin herum. „Ah, da ist sie ja“, murmelte er schließlich und fischte eine grüne Sprühflasche heraus. Er war sich nicht sicher, ob der Junge Zwerge sehen konnte. Also hob er die Flasche über den Kopf und drückte den Sprühgriff dreimal durch. Jetzt war er vollkommen unsichtbar – auch für Elfen, Feen, Zauberer, Hexen und für kleine Kinder, die noch nicht verlernt hatten, Zwerge zu sehen. Dann ging er durch das Tor in den Garten und auf die Katze zu. Er griff mit der einen Hand nach der Leine und löste mit der anderen den Knoten an ihrem Hals. Das ging so fix, dass weder die Katze noch der Junge reagieren konnten. Der Junge starrte mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen auf das Tier, das so schnell es konnte in die Büsche flitzte.

„Du verdammtes…“, schrie das Menschenkind, rannte hinterher – und landete unsanft auf der Nase. Karwenzel hatte ihm ein Bein gestellt. Der Junge heulte, aus seiner Nase lief ein wenig Blut. Karwenzel stellte sich neben ihn, öffnete wieder seinen Rucksack und fand darin nach kurzem Suchen eine Dose mit einem weißen Pulver. Er streute sich etwas davon über den Kopf, damit ihn alle sehen konnten – nicht nur Elfen, Feen, Zauberer und Hexen, sondern auch kleine Kinder, die verlernt hatten, Zwerge zu sehen. Dem Jungen liefen dicke Tränen über die Backen, aber eher aus Wut als aus Schmerz.

„Was bist du denn für ein hässlicher Kerl? Was machst du hier in unserem Garten?“ Die Augen des Jungen blitzten.
„Katzen befreien“, antwortete Karwenzel.
„Sie war böse, sie hat mein Smartphone kaputt gemacht!“, rief der Junge. „Wenn ich was kaputt mache, werde ich auch bestraft.“
„Und findest Du das gut?“, fragte der Zwerg.
Der Junge überlegte kurz.
„Strafe muss sein, sagt mein Papa.“
Karwenzel behielt für sich, was Zwerge über den Sinn von Strafe und das Wort „müssen“ dachten.
„Ich hasse diese Katze“, sagte der Junge.

Karwenzel befühlte den Stein, den er seit einigen Tagen in seiner Hosentasche bei sich trug. Er wusste mittlerweile, wie Kristalle arbeiteten. Sie hatten Botschaften für die Menschen – und nicht nur für diese – und unterstützten sie, wo sie Unterstützung brauchten. So hatte jede Steinart eine ganz bestimmte Botschaft und Aufgabe. Die Steine waren immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Also nahm Karwenzel den Rosenquarz heraus.

„Schau mal, was für ein schöner Stein“, sagte Karwenzel zu dem Jungen.
„Ich finde ihn hässlich“, rief der Junge. „Ich hasse rosa!“
Karwenzel ließ sich nicht beirren. „Er hat die gleiche Farbe wie diese herrlichen Rosen“, sagte er.
„Ich hasse Rosen!“, maulte der Junge.

„Warum hasst Du Rosen?“, fragte Karwenzel.
„Alle finden sie so toll, dabei haben sie Stacheln. Sie zerkratzen mir die Hände.“
„Warum hasst Du deine Katze?“
„Alle finden sie so niedlich, dabei macht sie nur Blödsinn.“
„Machst du doch auch manchmal, oder?“
„Schon“, sagte der Junge. „Mich findet aber auch niemand niedlich.“
Zornig wollte er davonstapfen. Karwenzel fasste ihn leicht am Arm.
„Lass mich los!“, rief der Junge und schüttelte sich. Er blieb jedoch stehen.
„Wie heißt Du?“, fragte Karwenzel und legte den Rosenquarz auf den Boden zwischen ihnen.
„Max“, murmelte sagte der Junge, „eigentlich Maximilian.“
„Ein schöner Name“, sagte der Zwerg.
„Ich…“, hob der Junge an.

Die kleine Katze war zurückgekommen und strich ihm um die Beine. Max setzte sich auf den Rasen und streichelte die Katze. Er weinte. Karwenzel setzte sich ihm gegenüber. Die Katze begann zu schnurren.
„Rosen haben Dornen, das stimmt“, sagte Karwenzel. „Aber vielleicht nur deshalb, weil sie nicht wollen, dass sie jemand achtlos pflückt. Sie wollen mit Respekt behandelt werden. Gerade weil sie so wunderbar sind.“ Karwenzel kratzte sich hinterm Ohr. „Ich bin auch manchmal ziemlich kratzbürstig und trotzdem bin ich ein toller Zwerg.“
„Ich bin nicht toll“, sagte Max.
Karwenzel sprang auf. „Was?“, rief er.
Er kannte diese Menscheneigenschaft, sich selbst schlecht zu machen – und er hasste sie.
„Du hast wunderschöne schwarze Haare, du hast einen klasse Namen, du traust dich zu weinen, du kannst gut mit Tieren umgehen, wenn du willst. Ich kenne dich nicht mal eine Stunde und hab’ schon vieles bemerkt, was du gut kannst. Ich bin sicher, dass du ein toller Junge bist.“
„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Max.
Karwenzel seufzte. „Ich werde jetzt weiterziehen“, sagte er.

Max sah dem Zwerg nach. Als dieser hinter der Kurve verschwunden war, bemerkte der Junge den Rosenquarz vor seinen Füßen. Er nahm den Stein und wollte Karwenzel hinterherlaufen.
„Behalt ihn“, hörte er den Zwerg aus der Ferne rufen. „Er will dir dabei helfen, dich selbst zu mögen.“

Der schwarze Turmalin

Wenn Zwerge reisen, tun sie das außerhalb von Zeit und Raum. Das ist für Wenn Zwerge reisen, tun sie das außerhalb von Raum und Zeit. Das ist für uns Menschen schwer zu verstehen, denn wir haben Zeit und Raum erfunden, um uns auf der Erde zurechtzufinden. Zwerge besitzen keine Uhren, und auch ohne Flugzeug können sie in weit entfernte Gebiete gelangen. Wenn sie reisen, machen sie keine großen Pläne, stellen keine Route zusammen, von wegen morgen muss ich in London sein und übermorgen in Rom. Sie lassen sich, wie wir Menschen sagen würden, treiben, oder von einem Vogel, den Sternen, der Sonne führen. So war Karwenzel in einer zwischen zwei Berggipfeln in Peru gelegenen Ruinenstadt gelandet. Da er auf Steinreise war, wusste er, was ihn hierher geführt hatte.

Von einem Kristall war allerdings weit und breit keine Spur. Es gab zwar jede Menge Steine an diesem Ort, diese waren allerdings aus weißem Granit und zu Mauern aufgeschichtet, hinter denen vor wohl langer Zeit Menschen gelebt hatten. Es war ein atemberaubender Platz, fand Karwenzel. So weit oben musste er fast die Wolken berühren können. Mächtige Berggipfel ragten rundherum in den Himmel, und unter seinen Füßen leuchtete sattes grünes Gras. Riesige Steinstufen endeten abrupt an steilen Abhängen. Karwenzel kletterte auf den höchsten Punkt und ließ seinen Blick über die Anlage schweifen. Er stand auf einer steinernen Empore, aus der eine Säule herausgehauen worden war.

„Dies ist Intihuatana, der Platz, an dem die Sonne angebunden wurde.“
Eine Frau, nicht viel größer als er selbst, sah Karwenzel freundlich aus wachen dunklen Augen an. Ihre strahlend bunten Gewänder standen in seltsamen Kontrast zu dem schmucklosen grauen Hut, der etwas schief auf ihrem dichten schwarzen Haar saß.
„Warum sollte jemand die Sonne anbinden wollen?“, fragte Karwenzel.
„Manchmal haben Worte eine tiefere Bedeutung, als es den Anschein hat“, sagte die Frau.
„Es scheint, als ob die Stadt zwischen Himmel und Erde schweben würde“, meinte Karwenzel nachdenklich. „Wie heißt sie?“
„Machu Picchu in unserer Sprache. Der alte Gipfel in eurer.“
„Wie alt ist sie?“
„Das weiß keiner so genau. Ein Amerikaner aus dem Norden hat diesen Ort vor etwa hundert Jahren für die Weißen entdeckt. Aber diese Mauern stehen schon viel, viel länger.“

Ein Wolkenkranz hatte sich um den nahen Berggipfel gelegt. Ein Kondor zog über ihnen seine Kreise. Karwenzel schien es so, als ob dieser große schwarze Vogel, die kleine Indio-Frau und er selbst die einzigen Wesen auf der Erde wären. Die Ruhe war vollkommen.
„Selbst die spanischen Eroberer haben Machu Picchu nicht gefunden“, fuhr die Frau fort. „Die Stadt ist von keinem Punkt des Tales aus zu sehen, und nur ein schmaler steiler Pfad führt hier hinauf. Viele Legenden ranken sich um die Erbauer und Bewohner der Stadt. Sehr wahrscheinlich haben sie zum Volk der Inka gehört. Es muss ein verzauberter Ort gewesen sein.“
„Warum meinst du das?“, fragte Karwenzel die Frau.
„Ich kenne keinen anderen Ort, der so gut geschützt ist. Hier konnten die Menschen tun, was sie wollten. Niemand hat sie gestört oder behindert. Oder getötet. Die Spanier haben überall Gold gesucht und dafür gemordet und gewütet. Das hätten sie sicher auch in Machu Picchu getan.“
„Hatten die Inka so viel Gold?“
„Oh ja“, antwortete die Frau. „Aber es hatte für sie keinen materiellen Wert. Sie glaubten, dass das Gold immer wieder neu aus der Erde entstand – durch den Sonnengott, der so seine Macht und seinen Glanz an die Menschen weitergab.“
Die kleine Frau setzte sich leise stöhnend neben die Säule, die Intihuatana hieß.
„Langsam werde ich wirklich alt“, sagte sie.
„Wie alt bist du?“, fragte Karwenzel.
„Uralt“, antwortete die Frau ausweichend.
„Wer bist du?“
„Ich bin die Hüterin dieses Platzes, und ich bin eine….“ Die Frau kicherte. „Ihr würdet mich eine Hexe nennen. Oder eine Priesterin. Ich weiß, dass du wegen eines Steines gekommen bist.“
Scheinbar aus dem Nichts ließ sie einen Stein in Karwenzels Hand wandern.
„Ich habe ihn auf dieser Empore gefunden. Frag nicht, wer ihn hierher gebracht hat. Ein schwarzer Stein an diesem hellen, erleuchteten Platz. Aber sieh, wie er in der Sonne strahlt vor Licht.“

Karwenzel befühlte den glänzend-schwarzen Turmalin und wusste, dass er diesen Stein an diesem verborgenen Ort zwischen Himmel und Erde, an dem die Sonne vor Anker ging, am besten kennen lernen konnte. Er erfuhr viel in den folgenden Wochen. Über die sagenumwobene Stadt der Inkas, die rätselhafte kleine Frau, den schwarzen Turmalin – und über sich selbst. Nicht einmal die Touristen, die den Ort besichtigen kamen, störten ihn dabei. Er war geschützt.

Der Larimar

Am Himmel funkelten Tausende Sterne wie Diamanten. Die Nacht war so klar und so dunkel, dass Karwenzel das, was die Menschen als Milchstraße bezeichneten, so deutlich wie selten erkannte. Es sah aus, als ob jemand mit großem Schwung Puderzucker über einen riesigen schwarzen Teppich gestreut hätte. Der kleine Zwerg lief putzmunter über eine Wiese und erfreute sich an der Mega-Light-Show, die ihm das Universum bot. Er hatte sich vorgenommen, wach zu bleiben. Was kein Problem war, denn Zwerge brauchen eigentlich keinen Schlaf. Sie schlafen nur, weil sie es sehr genießen können, einfach nichts zu tun und weil sie so ins Land der Träume gelangen. Heute wollte Karwenzel mit offenen Augen träumen. Er ließ sich rücklings ins Gras fallen, legte die Hände unter den Kopf und verlor sich in den unendlichen Weiten des Weltalls. Jemand räusperte sich. Karwenzel setzte sich auf und blickte einem kleinen Mädchen in die Augen.

„Hallo“, sagte das Menschenwesen.
„Hallo“, erwiderte Karwenzel.
Das Mädchen hob den Kopf. „Meine Mutter sagt, Sterne gucken ist was für Träumer.“ Es seufzte tief. „Glaubst du, dass es einen Stern gibt, auf dem Wesen leben, die Träumen als etwas ganz Normales empfinden?“
Karwenzel überlegte. „Ist Träumen bei euch Menschen etwa verboten?“, fragte er.
„Nicht direkt“, antwortete das Mädchen, „es ist nur nicht besonders angesagt. Es bringt keine gute Noten, kein Geld, nichts. Meine Mutter sagt zum Beispiel, träum’ nicht, mach’ deine Hausaufgaben.“
„Kannst du nicht zuerst deine Hausaufgaben machen und dann träumen – oder umgekehrt?“, fragte Karwenzel. „Oder träumend deine Hausaufgaben machen?“
Das Mädchen lachte. „Oder im Träumen Hausaufgaben machen?“
„Oder von Hausaufgaben träumen?“
„Uuh, das wäre ein Albtraum!“
„Nicht, wenn du im Traum deine Hausaufgaben fertig machen könntest!“
„Das wäre ein Traum!“
„Du siehst, Träume und Hausaufgaben können durchaus zusammenpassen – so wie ein kleines Menschenwesen und ein kleiner Zwerg.“
„Oder wie ein großer Elefant und eine winzige Ameise.“
„Oder wie die Sonne und der Regen. Dann gibt es sogar einen Regenbogen!“
„Oder wie der Himmel und die Erde!“
„Oder wie Tag und Nacht!“
„Oder wie ein Hund und eine Katze!“
„Oder wie schwarz und weiß.“
„Oder…“

Karwenzel und das kleine Mädchen fanden noch viele, viele Dinge, die so gegensätzlich waren und doch zusammengehörten, die bei allen Unterschieden gut miteinander sein konnten, ja ohne einander gar nicht vorstellbar waren. Als sie erschöpft vom Aufzählen nebeneinander lagen, fiel Karwenzel ein Stein ein, den er am Tag zuvor bei einer Quelle entdeckt und in seinen Rucksack gesteckt hatte – natürlich nicht, ohne ihn vorher gefragt zu haben, ob er mit wollte.

„Ich habe noch ein Beispiel!“, sagte er und zeigte sein Fundstück dem Mädchen. Es war ein Stein von sanftem, kühlem Blau.
„Kannst du dir vorstellen, dass er im Feuer entstanden ist?“ Er reichte seiner neuen Freundin den Stein.
„Ja“, sagte das Mädchen, „ ich kann es mir vorstellen. Wie heißt er?“
„Larimar“, sagte Karwenzel.
Das Mädchen sah lächelnd vom Stein zum Himmel hinauf. „Von welchem Stern kommt er?“
„Ich glaube…, Karwenzel schnippte mit den Fingern. „…vom Stern der Träumerinnen, die sich alles vorstellen können.“

Das Tigerauge

Die Augen starrten ihn an, als ob sie ihn in einen Abgrund ziehen wollten, aus dem es kein Zurück mehr geben würde. Sie gehörten zu dem runden Gesicht eines majestätischen Tigers. Karwenzel hatte es auf seiner Lernreise an die Mangrovenküste des indischen Subkontinentes verschlagen. Die Wildkatze, die ihm keine drei Zwergen-Schritte entfernt gegenüber stand, fauchte schrecklich laut und zeigte ihre strahlend weißen scharfen Zähne. Dabei ließ sie etwas aus ihrem Maul vor Karwenzels Füße fallen.

„Nimm!“, befahl sie.
Es war ein Stein, rund wie eine Kugel, der da im Sand lag. Karwenzel zögerte kurz. Er bebte am ganzen Körper, wagte es jedoch nicht, den Tiger zu verärgern. Er nahm den Stein vorsichtig auf.
„Warum zitterst du?“, fragte ihn das Tier barsch.
Karwenzel drehte den Stein zwischen den Fingern. Gelbe, seidige Lichtschimmer wanderten über die tiefbraune glänzende Oberfläche.
„Er hat so etwas Geheimnisvolles, Tiefgründiges“, flüsterte Karwenzel. „Er erinnert mich…“ Der kleine Zwerg verstummte, sah den Stein an und blickte langsam auf in die Augen des Tigers. Die große Katze war ihm sehr nahe gekommen, der heiße Atem des Tieres roch nach Fleisch und Blut.

„Fressen Tiger auch Zwerge?“, fragte Karwenzel.
„Wenn du heute auf meinem Speiseplan stehen würdest, hätte ich dich längst verschlungen“, sagte der Tiger. „Wir zögern nicht lange, bevor wir etwas tun.“
Karwenzel schluckte.
„Ich wusste gar nicht, dass auch Zwerge Angst vor dem Erdendasein haben können.“ Jetzt hatte der Stein gesprochen.
„Wie bitte?“, fragte Karwenzel. Er hatte die Worte verstanden, aber nicht ihren Sinn.
„Was macht dir Angst an meinem Freund dem Tiger?“, fragte der Stein zurück.
„Er könnte mich töten“, antwortete Karwenzel.
„Das könnte er“, sagte der Stein. „Aber warum ist ausgerechnet das dein erster Gedanke? Schau, wie stark er ist. Götter und Zauberinnen sind auf ihm geritten. Er könnte dich mühelos tragen, wenn du ihm vertrauen würdest.“
Der Tiger schnappte sich den Stein, warf ihn mit dem Maul in hohem Bogen über den Sand und sprang hinterher. Karwenzel lief ihm nach. Wieder nahm der Tiger die Kugel zwischen die Zähne.
„Fang“, rief er Karwenzel zu.
Mit einer Hand fing der Zwerg den Stein auf und betrachtete ihn. Er hatte keine Schramme abbekommen. Majestätisch stellte sich der Tiger neben Karwenzel. Sein Fell, durch das sich breite schwarze Streifen zogen, leuchtete rot-gold in der Abendsonne.
„Es ist oft schwer, sich auf der Erde zurechtzufinden“, sagte der Stein. „Wie kann es sein, das der Tiger töten und im nächsten Moment wie ein Baby spielen kann? Warum kann Feuer auf der einen Seite einen ganzen Wald zerstören und auf der anderen Seite wunderschöne Edelsteine entstehen lassen? Warum werden Menschen und Tiere geboren, um mehr oder weniger bald wieder zu sterben? Wir haben Angst vor dem, was wir nicht kennen und nicht verstehen.“

Ein mächtiges, entferntes Brüllen erfüllte die Luft. Der Tiger hatte sich lautlos davongeschlichen. Karwenzel entdeckte ihn am Rande des Mangrovenwaldes. Die Katze beobachtete ihn aus der Distanz, und Karwenzel ahnte, dass sie die Rätsel des Erdendaseins gelöst hatte.
„Auch der Tiger kennt die Angst. Er weiß genau, was er zu fürchten hat“, sagte der Stein, „Doch Katzen haben gelernt, selbst im Dunkeln zu sehen. Sie vertrauen darauf, ihren Weg zu finden, selbst wenn er schwer zu erkennen ist. Sie wissen, was zu tun ist.“
Karwenzel hätte sich gerne noch mit ihm unterhalten, aber der Tiger war zwischen den Bäumen verschwunden. Er hatte beschlossen, dass es das Beste war, weiter zu ziehen.

Der Citrin

„Nein, bitte nicht meine Eltern anrufen! Ich will nicht, dass sie sich auch noch wegen mir Sorgen machen müssen!“ Das Mädchen sah den stämmigen Mann, der sie am rechten Arm festhielt, aus feuchten Augen mit einer Mischung aus Angst und Wut an.
„Das geht so aber nicht, meine Kleine. Ich muss Deinen Eltern Bescheid sagen, sie müssen wissen, dass Du eine Diebin bist.“
Jetzt konnte das Mädchen seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie senkte den Kopf und weinte in sich hinein.

„Was hast Du den gestohlen?“, fragte Karwenzel, der sich einmal einen Supermarkt hatte anschauen wollen.
Das Mädchen sah hoch.
„Was bist Du denn für ein komischer Zwerg?“, fragte sie zurück.
„Hey, hey, auch noch frech werden!“ Der Detektiv, der anders als das Mädchen keine Zwerge sehen konnte, fühlte sich angesprochen.
„Was hast Du gestohlen?“, fragte Karwenzel noch einmal.
„Vier Bananen, eine Milch und ein Päckchen Haferflocken.“ Das Mädchen sah schnell wieder zu Boden.
„Ja, genau. Das wolltest Du mitgehen lassen, ohne zu bezahlen. Deswegen gehen wir jetzt ins Büro und rufen Deine Eltern an“, sagte der Detektiv.

Karwenzel wusste, dass die Menschen – zumindest die meisten – alles, was sie zum Leben brauchten mit Geld bezahlen mussten. Der kleine Zwerg fand das recht merkwürdig, weil ihm die künstlich bunten Scheine und die glanzlosen Münzen wertlos erschienen. Vielleicht würde er ja auf einer seiner nächsten Lernreisen erfahren, was es mit diesem Geld auf sich hatte. Im Moment wusste er nur, dass er dem Mädchen helfen musste. Und da er kein Geld hatte, suchte er nach einer anderen Lösung. Sein Blick fiel auf eine Pyramide aus Suppendosen. Er sprang hinein.

„Was…“ Der Supermarkt-Detektiv drehte sich um. Da war Karwenzel schon wieder auf den Beinen und schnappte die Hand des Mädchens.
„Komm, schnell!“
Die beiden spurteten zwischen den Regalen in Richtung Ausgang.
„Haltet die Diebin!“, schrie der Detektiv. „Das kleine Mädchen da!“
Ein großer Mann stellte sich ihnen in den Weg.
„Durch die Beine!“, rief Karwenzel, und ehe es sich der Mann versah, schlüpfte das Mädchen unter ihm hindurch.
Der Detektiv schrie wütend weiter, aber irgendwie verstand keiner, was er wollte. Dem Mädchen, das schnell wie der Wind aus dem Supermarkt hinausflitzte, sahen sie nur verdutzt hinterher. Karwenzel zog das Menschenkind weiter, bis sie nach seinem Empfinden weit genug weg waren. Keuchend lehnte sich das Mädchen gegen eine Häuserwand.

„Wie heißt du?“, fragte der Zwerg.
„Jolina. Und du?“
„Karwenzel. Ich bin ein Zwerg.“
„Hab’ ich mir schon gedacht.“
„Warum hast du Haferflocken und Bananen stehlen wollen?“
Jolina blickte trotzig geradeaus.
„Hast du Hunger?“, fragte Karwenzel und wollte schon seinen Rucksack nach etwas Essbarem durchstöbern.
„Jetzt nicht“, sagte das Mädchen.
Karwenzel wartete. Von seinem ersten Stein, dem Chalcedon, hatte er gelernt, dass das manchmal besser ist, als immer weiter nachzufragen.
„Mein Vater hat gemeint, dass wir bald nichts mehr zu essen haben, wenn das so weitergeht.“
„Wenn was so weitergeht?“, fragte Karwenzel.
„Er sagt, es wird alles immer teurer, die Politiker sind Flaschen, die Erde ist sowieso bald zerstört, und bald müssten wir um unser Essen kämpfen. Es gibt nichts Schönes mehr auf dieser Welt, sagt er.“
Karwenzel war wieder einmal sehr überrascht und sehr traurig darüber, was Menschen-Erwachsene ihren Kindern so alles erzählten.
„Ich bin auf dem Weg zu einem Laden, in dem Steine und Kristalle verkauft werden. Willst du mich begleiten?“, fragte der Zwerg das Mädchen.
„Ich habe kein Geld“, sagte Jolina.
„Ich auch nicht“, entgegnete Karwenzel.
„Gut, ich komm’ mit“, sagte Jolina ein bisschen brummig.

Der Steineladen befand sich in einer engen Gasse in einem sehr alten Haus, von dessen Fassade die Farbe abblätterte. Das Ladenschild hing etwas schief über einem trüben Fenster. „Peters Steinreich“, las Jolina. Drei Stufen führten in den Ladenraum hinauf. Die Tür stand offen.
„Willkommen, ihr beiden.“ Ein Mann mit weißem Bart und schwarzen Augen saß hinter einem Tisch, der übersät war mit Steinen – wie der ganze Raum. Die Regale an den Wänden waren voll davon. Kristalle bedeckten fast den gesamten Boden. Karwenzel und Jolina stiegen vorsichtig darüber.
„Kann ich euch helfen?“, fragte der Mann.
„Ich bin ein Zwerg auf Lernreise und habe ein paar Fragen an dich“, sagte Karwenzel.
Der Mann nickte.
„Und Jolina wollte sich solange hier mal umschauen.“
Der Mann nickte wieder.

Während sich Karwenzel mit dem Mann namens Peter über Steine zu unterhalten begann, schlich Jolina etwas lustlos durch den Laden. Peter und der Zwerg waren bald so in ihr Gespräch vertieft, dass sie das Mädchen fast vergaßen. Viel, viel später sah sich Karwenzel suchend nach ihr um. Jolina saß im Schneidersitz in einer Ecke und hielt einen Kristall in der Hand.
„Schau mal einer an“, flüsterte Peter. „Die beiden scheinen sich ja blendend zu verstehen.“
„Was ist das für ein Stein?“, fragte Karwenzel ebenso leise.
„Ein Citrin. Er erinnert uns Menschen an etwas, was wir bei all dem Gerenne nach noch mehr Geld und noch mehr von diesem und jenem völlig vergessen haben.“
„An was?“, fragte Karwenzel.
„Daran, dass wir gut versorgt sind auf der Erde, dass sie uns alles bietet, was wir brauchen, dass wir dem Leben vertrauen können und nie allein sind.“
Jolina blickte auf. Es war, als ob sie den zitronengelben Glanz des Steines mit ihren Augen eingefangen hätte. Es fiel ihr sichtlich schwer, den Kristall wieder ins Regal zurückzulegen. Peter ging zu ihr hinüber und legte vorsichtig seine Hand auf ihre Schulter.
„Nimm ihn mit, ich schenke ihn dir.“

Karwenzel ging mit Jolina noch ein Eis essen – sie hatte in ihrer Jeanstasche eine Zwei-Euro-Münze gefunden – und verabschiedete sich schließlich leichten Herzens von ihr. Seine Lernreise zu den Steinen und Kristallen war zu Ende. Sein Rucksack hatte spürbar an Gewicht zugenommen. In ihm befand sich jeweils ein Exemplar der Steine, bei denen der kleine Zwerg in den vergangenen Monaten zur Schule gegangen war: ein Chalcedon, ein Bergkristall, ein schwarzer Turmalin, ein Tigerauge, ein Larimar, ein Rosenquarz und ein Citrin – alle sorgfältig in weiche Filzlappen eingewickelt. Karwenzel wusste, dass es noch sehr viel mehr Steine und Kristalle gab und dass sie ihm, wenn es sein sollte, begegnen würden. Und er wusste, dass es wichtig war, sie weiterzugeben, wenn es an der Zeit war. Denn, auch das hatte Karwenzel auf seiner Reise gelernt: die Freude an den Geschenken der Erde ist umso größer, je mehr sie mit anderen geteilt werden kann.

Wie die Häsin die ersten Ostereier brachte

Den Bauch voll frischer Wildkräuter und zartgrüner Blätter saß einmal vor langer Zeit in einer klaren Nacht eine junge Häsin auf den Hinterläufen und sah hinauf zur Frühlings-Vollmondin. Ihre ersten acht Kinder hatten das Nest verlassen, und sie war voller Unternehmungslust. Nur fehlte ein passendes Abenteuer. Die Häsin seufzte, wandte sich um und wollte schon weiterhoppeln, da umfing sie ein sehr helles Strahlen. Sie drehte ihre Augen um 360 Grad. Die Mondin schien näher denn je, und irgendwie war’s der jungen Häsin, als ob auf dem leuchtenden Planeten eine Artgenossin liegen würde. Sie spürte einen geheimnisvollen unwiderstehlichen Sog, schlug einen Haken in Richtung Mondin und schnellte mit einem unglaublichen Satz zu den Sternen.

Mit einem Dreifach-Purzelbaum landete die Häsin auf dem Mond. Sie setzte sich auf und lauschte. Sie spitzte ihre langen Ohren, mit denen ihr auf der Erde nicht das kleinste Geräusch entging, und hörte…nichts. Es war vollkommen still. Und doch sprach die Mondin auf eine ganz eigene Weise mit ihr. Das Herz der jungen Häsin schlug in einem eigentümlich anderen Rhythmus, und sie fühlte ihr Blut sanft durch ihren Körper fließen. In ihrem Kopf tauchten unvermutet Bilder wie im Traum auf. Die junge Häsin ließ sich von ihnen leiten. Sie fand eine Stelle, die bedeckt war mit einem tiefroten Pulver. Sie füllte ihre Backen damit, hoppelte noch einmal eine Runde über diesen ruhigen, steinigen Planeten und sprang mit einem riesigen Satz in die Weite des Weltalls.

Mit lautem Getöse fiel die Häsin auf die Erde zurück. Sie durchbrach das morsche Dach eines Hühnerstalls und plumpste direkt in ein großes Nest mit frisch gelegten Eiern. Stöhnend öffnete sie den Mund, ohne an den Inhalt zu denken. Das rote Mond-Pulver, nun vermischt mit ihrem Speichel, ergoß sich über die Eier. Aufgeschreckt vom Lärm, kam die Bäuerin in den Stall gerannt. Da schoss die junge Häsin wie ein Blitz zwischen ihren Beinen nach draußen. Die Frau staunte nicht schlecht, als sie sah, was sich im Stroh befand: natürlich Eier, doch von einer tiefrot leuchtenden Farbe, wie sie sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

Die Frau legte die Eier, 13 an der Zahl, vorsichtig in ein Weidenkörbchen. Als sie aus dem Stall trat, blickte sie zum frühmorgendlichen Himmel hinauf. Die Vollmondin stand orange mit roten Sprenkeln über ihr. Die Bäuerin sah in den Korb und wieder verwundert hinauf. Wie von einer unsichtbaren Kraft geführt, ging sie in die Küche, setzte einen Topf Wasser auf und kochte die Eier darin. Dann kleidete sie eine ihrer schönsten Schalen mit Moos aus und legte die roten Eier hinein. Kaum das sie fertig war, kamen ihre Kinder die Treppe heruntergerannt. Gebannt starrten sie in die Schale. Ihr Jüngster sah die Mutter fragend an. Die sprach lächelnd: „Die Eier hat uns eine Häsin zu Ostern gebracht.“

Coyote in einer ver-rückten Welt, Teil 3

Die Höhle war kalt und modrig. Coyote zog sie der Welt draußen vor. Er rollte sich noch kleiner zusammen. Die Menschen waren ihm schnurzpiepegal. Sie wollten nichts von ihm wissen. Ja, neuerdings mieden sie ihn regelrecht. Dabei hatte er nun wirklich keine Ähnlichkeit mit einer chinesischen Fledermaus.

Er dachte nach – über das Leben und über den Tod, als plötzlich ein heller Strahl in sein dunkles Domizil drang. Coyote schnappte nach Luft. „Nein, bitte nicht, ich will noch nicht sterben!“, schrie er und legte eine Pfote an die Brust. „Weiteratmen“, rief ihm eine fröhliche Stimme entgegen. Caote, seine mysteriöse Begleiterin, lugte in die Höhle. Coyote erkannte sie an ihrer Kopfbedeckung aus allerlei Vogelfedern, die sie sich in die Stirn gezogen hatte. Den Rest des Gesichts verdeckte eine dieser Masken, mit denen sich die Menschen zurzeit vor ihrer Umwelt verbargen. Caotes Maske war sehr hipp. Zwei kleine Seehunde spielten darauf mit einem Ball voller lustiger kleiner Noppen.

Caote nahm die Maske ab und holte tief Luft. „Ich habe mich ein bisschen unter den Menschen umgeschaut“, sagte sie. „Was du gerade machst, nennen sie Quarantäne.“ Caote kratzte sich unter ihrem Hut. „Ist vielleicht wie bei dir ein Kommunikationsproblem“, sagte sie. „Du willst keinen Kontakt zu Menschen, die Menschen wollen keinen Kontakt mit einem Virus.“ Caote stellte ihren abgewetzten Rucksack vor Coyote und zauberte Lammkoteletts heraus. Coyote machte sich über das Fleisch her und war für wenige Minuten sehr zufrieden.

Kaum hatte Coyote den letzten Bissen hinuntergeschluckt, sprang Caote auf. „Mir scheint, es hat mich gerade eine Nachricht der Esche erreicht“, sagte sie und lauschte in den Wind. Coyote verdrehte die Augen. Seine Begleiterin hörte öfter mal Stimmen – nicht nur die von Bäumen. „Sie fragt, worauf du noch wartest.“ Coyote seufzte und dachte im Stillen: Ich habe keinen Mumm mehr in den Knochen. „Hab‘ ich der Esche auch gesagt“, sagte Caote schulterzuckend. Coyote knurrte grimmig, stieß sich blitzschnell vom Boden ab, fuhr seine Krallen Richtung Caote aus und stürzte sich auf sie. Gewandt befreite sich Caote aus dem Griff der Pfoten und rannte davon. „Hey, da geht noch was, Alter“, rief sie Coyote zu. Nach einer wilden Verfolgungsjagd ließen sich beide lachend in eine Frühlingswiese fallen. Da wusste Caote, dass sie der Lösung ihrer dritten Aufgabe schon sehr nahe waren.

Zwei Aufgaben der Esche hatte Coyote mit Caotes Unterstützung bereits erfüllt, und doch fühlte er sich seinem Ziel keinen Schritt näher gekommen. Die Menschen wollten von seinesgleichen nichts mehr lernen. Die Verrücktheiten und Anwandlungen von Größenwahn des Kojoten waren nichts im Vergleich zu ihren. „Aber du kennst im Gegensatz zu ihnen die Tricks, aus dem Schlamassel auch wieder herauszukommen“, gab Caote zu bedenken. Coyote war es immer noch ein Rätsel, wie ihm die Aufgaben eines alten Baumes dabei helfen sollten, dass die Menschen ihn wieder beachteten. „Die dritte Aufgabe hört sich so an, als sei sie von einem fernen Stern gechannelt“, sagte er höhnisch. „Finde heraus, wonach sich eine winzige Maus und eine kleine Fee ebenso sehnen wie ein großer Junge und eine alte Frau“, lautete sie. „Ich hasse diesen esoterischen Mist“, brummte Coyote. Caote lachte: „Ich auch!“ Doch sie ahnte, dass die alte Esche eine echte Magierin war. Coyote irgendwie auch. So machten sie sich also auf den Weg.

Coyote trottete neben Caote durch die Straßen, als eine junge Frau ohne ihn zu sehen schnurstracks auf ihn zulief. „Pass auf!“, rief Coyote, da fiel die Frau schon über ihn drüber. Ihr Smartphone flog durch die Luft und landete in Caotes ausgestreckter Hand. „Hui, gut gefangen.“ Die Frau atmete erleichtert durch und rappelte sich auf. Dann versuchte sie zu verstehen, wen sie vor sich hatte. „Whow“, rief sie, „ein Kojote und ein Hippiemädchen!“ Sie tippte schnell auf ihrem Smartphone. „Seid ihr auf Instagramm? Ich möchte dich als Follower, Kojote. Suuuper!“ Der Kojote und das vermeintliche Hippiemädchen sahen sich verständnislos an. „Follower?“, fragte Caote. „Verehrer, heißt das“, flüsterte Coyote und checkte, ob die junge Frau ihm gefallen könnte. Mhm, sie war ein Mensch. Ein Mensch, wie sich bald herausstellte, der zu einer „krassen Community“ gehörte. Caote fand sie schrill und sehr einsam. Coyote wurde zum Follower, und die junge Frau eilte freudig davon.

Die große Stadt war ungewöhnlich leer. Am Rande einer Bahnunterführung saß eine alte Frau auf ihrem Rollator und fütterte Tauben. Ausgelassen sprang Coyote in die Gruppe der Vögel, die wild aufflatterten und davonflogen. Die alte Frau begann zu weinen. „Das sind meine Freunde, meine Freunde“, schluchzte sie leise. Coyote wollte sich entschuldigen. Die Frau zitterte heftig vor Angst, als er sich ihr näherte. „Der tut nichts“, sagte Caote, „der will nur gestreichelt werden.“ Schelmisch grinste sie Coyote zu, der sie am liebsten erwürgt hätte. Doch die alte Dame blickte ihn so traurig an, dass Coyote sich wie ein braver Hund neben sie setzte und sie mit seiner Schnauze anstupste. Die alte Dame kraulte ihn und erzählte den beiden von ihren Kindern und Enkelkindern, die auf der anderen Seite des Erdballs lebten.

Nachdenklich und ohne Ziel ließen sich der Coyote und Caote weiter treiben. „Was bist du denn für ein haariges, hässliches Biest?“ Ein schon sehr großer Junge stellte sich ihnen in den Weg. In seinen Händen hielt er einen Fußball, den er Coyote mit voller Wucht gegen die Nase warf. Coyote fletschte die Zähne, da warf sich Caote dazwischen. „Was bist du für eine dämliche Zicke?“, schrie der Junge. Caote erklärte ihm in sehr schönen Worten, warum sie keine dämliche Ziege und Coyote kein hässliches Biest war, nahm den Ball, jonglierte ihn gekonnt mit dem Fuß und köpfte ihn zu dem Jungen. Die drei kickten gemeinsam, bis es dunkel wurde.

Coyote und Caote betrachteten die volle Mondin. Es war sehr still. Da flitzte eine Maus an ihnen vorbei, gefolgt von einem kleinen Zwerg. Eine gitzernde Fee schwebte dahin, und ein Wesen, für das sie keinen Namen kannten, stapfte über die Wiese. Sie waren alle in dieselbe Richtung unterwegs. „Lass uns mal schauen.“ Caote war neugierig. Wenige Schritte entfernt saß ein junger Mann mit gekreuzten Beinen auf einer Matte. Um ihn herum hatten sich der Zwerg, die Maus, die Fee und das unbekannte Wesen versammelt. Sie sahen den Mann gespannt an, doch der sah sie nicht. Seine Augen waren geschlossen. „Die Menschen nennen das meditieren“, flüsterte Caote. Coyote setzte sich neben die Maus, Caote neben den Zwerg. So saßen sie einträchtig beieinander. Plötzlich stöhnte der junge Mann laut auf und schlug mit den Fäusten auf den Boden. Die Maus, die Fee, der Zwerg, das unbekannte Wesen, Caote und Coyote flitzten erschrocken davon. „Verdammt! Ich sehe nichts!“, rief der junge Mann, vergrub den Kopf zwischen den Armen und schimpfte mit sich selbst.

„Das wird mir langsam alles zu ernst!“ Coyote lief missmutig im Kreis. „Ich will Lammkoteletts essen und schmutzige Witze erzählen“, rief er. „Ich will Musik machen und tanzen“, gab Caote zurück. „Ich will eine Kojotin lieben“, erwiderte Coyote. „Ich will eine Frau küssen und einen Mann in den Arm nehmen“, sagte Caote. „Ich will mit einer Maus einen Baum hochjagen.“ „Und ich mit einem Kind auf einen Baum klettern.“

„Und ich will, dass ihr zu mir kommt, aber nicht allein!“ Coyote und Caote sahen sich fragend um. „Wer hat das gesagt?“ Caote lächelte. „Die Esche!“ So luden die beiden Aufgaben-Löser*innen ein paar Erdenbewohner ein, mit ihnen die Esche zu besuchen: die junge Frau von Instagramm, die alte Dame mit ihren Tauben, den fußballspielenden Jungen, die Maus, die Fee, den Mann auf der Yoga-Matte, den Zwerg und das Wesen, für das sie noch keinen Namen kannten. Wer sich ihnen auf ihrem Weg anschließen wollte, war herzlich willkommen. Sie begegneten dem Eichhörnchen, das für Coyote drei Eicheln ausgegraben hatte, dem Mitbewohner der Klugscheißerin Alexa, dem kleinen Mädchen, das sich gerne in der Wiese wälzte, dem Lieblingspizzabäcker und dem Lieblingstürken, dem Mann in piekfeinem Anzug und der Frau im superschicken Business-Kostüm, die Coyote und Caote eine Geruchsprobe verweigert hatten. Sie alle gingen mit ihnen.

Als sie die alte Esche in ihrem Wald erreichten, staunten die Menschen, Tiere und anderen Wesen nicht schlecht. Die köstlichsten Speisen und Getränke waren unter dem lichten Blätterwerk des Baumes ausgebreitet. Jede und jeder fand einen passenden Platz, und sie feierten miteinander das, wonach sie sich alle sehnten: Gemeinschaft.

Der König und die Tödin

Einst lebte ein Mann, der mit einem starken Körper, einem wachen Geist und einer einnehmenden Art gesegnet war. Er gewann die Liebe einer schönen, wissenden Frau, die den Respekt ihrer Gemeinschaft genoss. Sie lebten glücklich und dankten dem Universum jeden Morgen für die Geschenke des Lebens. Eines davon erfreute sie über die Maßen: Im Schoß der Frau wuchs ein neues Menschenkind heran. Als der Tag der Geburt nahte, rief die Frau ihre medizinkundige Mutter und hieß ihren Mann, das Dorf zu verlassen und erst wiederzukommen, wenn die Mondin ihre Bahn um die Erde vollendet haben würde. Der Mann packte seinen Beutel und machte sich auf zu seiner Schwester, die ihn freudig aufnahm.

Zur bestimmten Zeit wollte der Mann im Dorf seiner Frau nach dem Kind sehen. Doch die Großmutter empfing ihn mit Tränen in den Augen. Die Göttin hatte Kind und Frau bei der Geburt zu sich genommen. Der Mann tobte, blind vor Schmerz und erschlug in seiner Raserei die Mutter seiner toten Frau. Als dieser im Niederfallen ein funkelnder Kristall aus der Rocktasche fiel, hob der Mann den Stein auf und warf ihn gegen eine große Buche. Der Baum jedoch öffnete sich dem Kristall und nahm ihn in seinem Inneren auf.

Der Mann floh aus dem Dorf. Er strich fortan durch die Wälder, jagte und sammelte, was er für ein karges Leben brauchte und nährte mit seinen Gedanken den Hass in ihm. Um sein Herz legte sich ein undurchdringlicher Panzer. Gelegentlich traf er auf einen anderen Mann, mit dem er am Feuer Pläne schmiedete. Es dauerte nicht lange, da hatte er eine ansehnliche Truppe beisammen. Die Männer träumten von Macht, Ruhm und Reichtum, und der Mann, der die Mutter seiner Frau erschlagen hatte, wurde zu ihrem Anführer auserkoren.

Gegen die Mordlust der Bande war kein Kraut gewachsen. Die Menschen fanden kein Mittel, sich ihr entgegenzustellen, es sei denn, sie besudelten ihre eigenen Hände mit Blut. So machte sich der Mann mit seinen Schergen die Menschen untertan und wurde König eines riesigen Reiches. Als Gemahlin wählte er sich die Schwester seiner ersten Frau.

Da ihm niemand seiner Leute widersprach und er sich den Göttern gleich fühlte, wollte er sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen: das auszulöschen, was ihm den größten Schmerz bereitet hatte. Es dauerte nicht lange und die Tödin stand an der Schwelle des Schlosstores. Der König empfing den Gast mit allem Pomp, ließ die leckersten Speisen auffahren und abertausende Goldmünzen aufhäufen. Die Tödin ging achtlos an allem vorbei.

„Was ist dein Anliegen?“, fragte sie den König direkt.
Der König zögerte nicht lange: „Ich will, das du von der Erde verschwindest. Du hast genug Leid angerichtet.“
Die Tödin hob schon an lauthals zu lachen, da blickte sie in die leeren Augen des Königs. So leer wie die Augen aller, denen sie auf dem Weg hierher begegnet war.
„Gut“, sagte sie. „Ich werde von der Erde verschwinden, solange das Jahr braucht, um 17 Mal seine Bahn zu ziehen. Doch ich kann nicht ohne meine Schwester gehen.“
Erleichtert erhob sich der König von seinem Thron, seine Macht schien unendlich und er wollte großzügig sein.
„Nimm mit, wen du willst“, sagte er. „Es sei dir gewährt.“
Die Tödin verbeugte sich vor dem König und verschwand aus dessen Palast und von der Erde. Am gleichen Tag gebar die Frau des Königs eine Tochter. Zur selben Stunde brachten 12 weitere Frauen im Königreich Kinder auf die Welt.

Die Jahre vergingen, und die Menschen zeigten fortan nicht einmal mehr Spuren des Alterns. Ja, selbst die Blätter an den Bäumen behielten ihre Farbe und die Blüten an den Blumen wollten nicht mehr abfallen. Einzig für die Königstochter tickte die Lebensuhr. Sie wuchs heran, war schön wie die gelben Sonnenblumen, von wachem Geist und empfindsamem Gemüt und wild wie die Katzen in den Wäldern. Der König tat sich schwer mit ihrem Charakter und erschreckte sich über ihr Heranwachsen. Sie blieb sein einziges Kind. Den Frauen des Reiches war es aus unerfindlichen Gründen versagt, schwanger zu werden.

Die Gemahlin des Königs indes wurde trauriger und trauriger und zog sich vom Leben am Hofe zurück. Eines Tages packte sie ein Bündel und rief ihre Tochter zu sich.
„Ich werde fortgehen“, sagte sie. Dann nahm sie die Hand der Tochter und öffnete ihre Faust, die einen kleinen Bergkristall umschlossen hatte.
„Er begleitete deine Großmutter, jetzt gehört er zu dir“, sagte die Mutter. „Wann immer du Hilfe benötigst, wird er sich dir öffnen.“
Sie umarmte ihr Kind und ging. Die Tochter weinte, da sie nun auf Geschwister, Spielkameradinnen und auch noch auf die Mutter verzichten musste.

Der Vater ward immer missmutiger und fand bald keine Freude mehr an den Dingen des Lebens. Desgleichen erging es seinen Untertanen. Die Tochter litt mehr und mehr an der Freudlosigkeit ihrer Umgebung und floh jeden Morgen in die Wälder. Eines Tages umhüllte sie besonders große Traurigkeit, und sie ging zu dem kleinen Weiher an der Quelle. Wie so oft erblickte sie ihr Spiegelbild im ruhigen Wasser und wunderte sich, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Menschen, die sie kannte, zu altern schien. Nicht der Tod machte ihr Angst. Den kannte sie nicht. Es machte ihr Angst, dass sie anders war als all die anderen. Wütend sprang sie auf. Sie wollte wissen, was es damit auf sich hatte.

Unwillkürlich griff sie nach dem Bergkristall, den sie in einem Beutelchen immer mit sich trug.
„Setz dich ruhig hin“, befahl ihr der Kristall. Die junge Frau tat wie ihr geheißen.
„Nun blicke in mein Innerstes. Dann blickst du voraus, zurück und in das Jetzt“, sprach der Kristall weiter.
Die Königstochter schaute in den Stein. Die Bilder rasten an ihr vorbei: das einer alten Frau, die in einem großen Kessel rührte, das von jungen Menschen, Frauen wie Männer, 13 an der Zahl, die freudig aufeinander zuliefen. Sie war eine von ihnen. Und das Bild zweier Schwestern, die über ihr in den Lüften schwebten, so als ob sie auf etwas warteten. In ihr wuchs eine Sehnsucht, die so groß war, wie nichts zuvor in ihrem Leben. Die Königstochter sank zu Boden und weinte bitterlich.

Von den Tränen genährt wuchs zu ihren Füßen ein Holunderstrauch empor. Er wurzelte tief in die Erde und wuchs hoch in den Himmel hinein. Da sah die Königstochter, wie die beiden Schwestern, deren Bild im Kristall an ihr vorbeigezogen war, sich auf einem der Äste niederließen und hinabstiegen. Zugleich vernahm sie Pferdegetrampel, und schon erblickte sie ihren Vater auf seinem Rappen.

„Was tust du hier, Tochter?“, fragte er. Doch als er der beiden Schwestern gewahr wurde, erschrak er, sodass er die Zügel anspannte, das Pferd sich auf die Hinterläufe stellte und den König abwarf. Der König fiel gegen einen Baum und brach sich das Genick.
„Vater, oh, Vater!“ Die Tochter sprang zu ihm hin und klammerte sich schluchzend an seine Schultern.
„Was habt ihr getan?“, schrie sie die beiden Schwestern an. „Ihr habt den Tod auf die Erde zurückgebracht!“
Die beiden Schwestern ließen die Königstochter um ihren Vater trauern. Als die junge Frau erschöpft von dem Toten abließ, sprach die eine der Schwestern: „Seine Zeit war gekommen. Das Jahr ist 17 Mal vorübergegangen, seitdem dein Vater mich von der Erde fortgeschickt hat.“

Da wusste die Königstochter, dass die Tödin vor ihr stand.
„Doch wer ist deine Schwester, die du damals mit der nahmst?“, fragte die junge Frau.
Die Tödin sprach: „Ich bin die Schwester Tod – und dies…“ Sie hielt die Hand der anderen. „Dies ist meine Schwester Leben.“

Die Königstochter verstand mit einem Mal. Und da liefen aus allen Richtungen die zwölf mit ihr Geborenen herbei. Sie umarmten sich, lachten und feierten gemeinsam die Rückkehr des Todes und des Lebens auf die Erde.

Coyote in einer ver-rückten Welt, Teil 2

Coyote war ausnahmsweise sehr zufrieden mit der Welt. Die Sonne schien seit Tagen warm vom Himmel. Er hatte die drei Eicheln, die drei Mal drei Mondinnen kein Licht gesehen hatten mit Hilfe eines Eichhörnchens gefunden. Und an seiner Seite ging eine ganz brauchbare Helferin – dieses seltsame Wesen, weder Kind noch Frau noch Mann und doch alles zusammen, das ihm irgendwie zugelaufen war. Er kannte mittlerweile seinen Namen: Caote – „mit C“, wie es, er, sie augenzwinkernd ergänzte. Coyote hatte die Stirn gerunzelt. Coyote, Caote. Er knurrte leicht, sagte aber nichts. Immerhin konnte er es, er, sie nun ansprechen. „Sag ,sie‘. Ist einfacher“, ergänzte Caote.

„Pass auf, Caote!“, rief Coyote, „die Eicheln fallen dir noch aus der Tasche!“ Caote hatte wieder einmal ein Rad gedreht und war aus dem Stand über Kopf gesprungen. Sie lachte nur und rief übermütig: „Die Esche wird die Eicheln schon bekommen. Keine Angst, du wirst dein Glied behalten.“ Sie hatten an einem Abend am Feuer gesessen, und Lagerfeuer machten Coyote immer sehr sentimental und sehr gesprächig. Da hatte er Caote von dem verlorenen Glied seines Ururgroßvaters erzählt, der nicht auf einen Baum gehört hatte. Coyote hatte also in der Tat ein bisschen Angst, ohne die gewünschten drei Eicheln vor der Esche aufzutauchen. Caote wusste jetzt auch, was es mit den Eicheln auf sich hatte. Sie wusste, dass Coyote aus seiner Heimat in dieses Land gekommen war, weil die Menschen ihn, den größten Überlebenskünstler aller Zeiten, nicht mehr beachteten. Darauf hatte eine Esche ihm angeboten, drei Aufgaben zu lösen, wollte er wieder wertgeschätzt werden.

Coyote und Caote erreichten den Wald und kamen zu besagter Esche. „Whow“, rief Caote, „das ist eine mächtige alte Dame!“ Coyote zerrte an ihrem Arm. „Beleidige sie bloß nicht“, rief er. „Danke für das Kompliment“, sagte die Esche. Coyote sah verwundert von der Esche zu dem seltsamen Wesen und wieder zurück und beschloss, nicht verstehen zu müssen, warum jemand gerne alt genannt werden wollte. „Ich habe die Eicheln“, sagte er stattdessen stolz. „Sehr gut“, sagte die Esche. „Und du hast eine Begleiterin gefunden.“ Coyote flüsterte: „Ich bin mir nicht sicher, ob sie eine Frau ist.“ Die Esche lachte herzlich.

„Nun, mein Lieber“, sagte die Esche, „die erste Aufgabe hast du gelöst. Bist du bereit für die zweite?“ Coyote zuckte lässig mit den Schultern. „Warum nicht?“ Er musste sich eingestehen, dass der Deal mit dem Baum eine sehr verrückte Aktion ganz nach seinem Geschmack war. „Also, hör gut zu“, sagte die Esche. Coyote spitzte die Ohren. „Die zweite Aufgabe lautet: Lass mich den Duft von mindestens 375 Erdenwesen riechen, die niemals den Weg zu mir in den Wald finden werden.“

Coyote sagte lange, lange nichts, was sehr ungewöhnlich war. Schließlich jaulte er auf. „Wie soll das denn gehen? Das funktioniert nie!“ „Lass es uns ausprobieren.“ Caote sprang auf. Frauen! Ja, das war der Beweis! Caote musste eine Frau sein. Nur sie konnten so irrational, so begeisterungsfähig für eine absolut aussichtslose Sache sein. „Du bist auch nicht gerade als Meister vernünftigen Handelns bekannt“, raunte die Esche. Coyote wollte protestieren. Er zweifelte gerne an vielem, aber selten an sich. „Danke für das Kompliment!“, rief Caote. „Die Esche glaubt, dass wir es schaffen!“ In Coyotes Kopf drehte es sich. Bevor ihm etwas zu sagen einfiel, hieß ihn der Baum streng, nun zu gehen.

Coyote trottete davon, Caote hüpfte hinter ihm her. Ihre gute Laune ging ihm manchmal mächtig auf die Nerven. Er schlich dahin, Stunden über Stunden, und dachte über die verflixte zweite Aufgabe nach. Plötzlich hielt er inne. „Ich hab’s! Wir gehen in die große Stadt“, sagte er bestimmt. „Wir suchen bei den Menschen.“

Am nächsten Tag erreichten sie das Zentrum einer riesigen Stadt. Coyote blieb vor einem Gebäude stehen, das mindestens fünfmal so hoch war wie die Esche. Darin, so wusste er, hielten sich die Menschen acht Stunden oder länger auf, bevor sie in ein Auto stiegen, zu einem Haus fuhren, dort übernachteten und am nächsten Morgen wieder mit dem Auto zu diesem Gebäude gelangten. Wenn sie das einmal nicht taten, nannten sie das Wochenende oder Urlaub. Es konnte schon mal vorkommen, dass die Menschen dann zu einem Wald kamen. Aber nicht zu dem der Esche. Denn durch diesen Wald führte kein Premium-Wanderweg und keine E-Bike-Route, es gab dort keinen Klettergarten und kein Waldbaden. In diesem Gebäude würde er die 375 besagten Erdwesen finden. Caote folgte ihm, ohne Fragen zu stellen.

Coyote verwandelte sich schnell in einen Menschen, einen sehr attraktiven jungen Mann in piekfeinem Anzug. Er blickte auf Caote. „Ich komme so mit“, sagte diese fröhlich. In ihrer großen Tasche klirrte es. „Gläser“, erklärte sie. „Zur Geruchsaufbewahrung.“ Die beiden gelangten dank Coyotes adrettem Äußeren ungehindert in das Bürogebäude. „Lass uns gleich hier anfangen“, sagte Coyote und steuerte auf eine Tür zu.

Caote wollte draußen warten und sah sich neugierig um. Eine Frau in einem superschicken Business-Kostüm lief an ihr vorbei. Ein Duft von Blumen wehte hinter ihr her. „Warten Sie“, rief Caote und zog ein Glas aus der Tasche. Die Frau blickte sich um. „Darf ich mir etwas von Ihrem Geruch abfüllen?“, fragte Caote mit ihrer Kopfbedeckung aus allerlei Vogelfedern, einem weiten Rock aus bunten Streifen, einer strahlend weißen Bluse unter einer speckigen Weste und ohne Schuhe an den Füßen. „Gehen Sie, oder ich rufe den Sicherheitsdienst“, sagte die Frau und klapperte auf ihren sehr hohen Schuhen davon.

Da hörte Caote ein lautes Poltern und einen Schrei. Sie riss die Tür auf, hinter der Coyote verschwunden war – und Coyote purzelte über sie. Die Gläser schlugen auf die Marmorplatten und zersplitterten in tausend Stücke. Coyotes Menschengesicht sah ganz und gar nicht mehr attraktiv aus. Der Mann, den Coyote beim Pinkeln auf der Toilette angesprochen hatte, hatte ihm statt einer Geruchsprobe seines Urins einen Schlag ins Gesicht gegeben. Die beiden verhinderten Geruchssammler sahen zwei mürrisch blickende Männer auf sich zukommen. „Wir gehen schon“, rief Caote und rannte mit Coyote aus dem Gebäude.

Die Stadt war laut, schmutzig, groß – viel zu groß für einen Coyoten und ein Wesen unbestimmter Herkunft, das aussah wie ein sehr wildes Hippiemädchen. Hungrig setzten sich die beiden auf den Bürgersteig. Ein Klimpern holte Coyote aus seinen trüben Gedanken. Jemand hatte ihnen Geld vor die Füße geworfen. Caote zwinkerte Coyote zu. Nach einer Weile hatten sie genug. Coyote kaufte sich beim Türken eine Lammkeule, „eine besonders fleischige für einen besonderen Kunden“ wie der Verkäufer bemerkte, und Caote bestellte beim Italiener eine Pizza zum Mitnehmen, „mit allem drauf, was Sie haben“. Der Pizzabäcker wünschte ihnen einen schönen Tag und nannte ihnen einen Park zum Picknicken. Etwas versöhnt mit den Menschen fanden Coyote und Caote eine Wiese und ließen es sich schmecken.

Die Lammkeule war ein Gedicht, und Coyote versuchte nicht daran zu denken, wie er den Geruch von 357 Erdwesen zur Esche bringen sollte. Caote schien sowieso sehr selten zu denken. Sie biss in ein Stück Pizza und strahlte ihn an mit den Augen eines Kindes. „Denken und Nachdenken ist zweierlei“, sagte sie mit der Stimme einer alten weisen Frau. Nicht weit weg von ihnen wälzte sich ein Hund genüsslich im Gras. Ein kleines Mädchen lief zu ihm und tat es ihm gleich. Sie gluckste und kicherte glücklich. „Steh sofort auf!“ Eine Frau war herbeigerannt und zog das Kind auf die Beine. „Du machst dich ja ganz schmutzig!“ Das Mädchen weinte und schrie. Caote beugte sich zum Gras und schnupperte. Dann schaute sie Coyote verschmitzt an. „Riech mal“, sagte sie. Coyote fuhr mit seiner Schnauze über den Boden. „Riecht nach Erde.“ „Genau!“, rief Caote. „Nach mindestens 375 Erdwesen!“ Caote – und Coyote, als er endlich verstand – ließen sich in die Wiese fallen und wälzten sich ausgelassen. Sie kugelten neben-, über- und untereinander, glucksten und kicherten, und alle unnützen Gedanken wirbelten durcheinander und lösten sich auf. Als sie schließlich aufstanden, rochen sie nach mindestens 375 Erdwesen – nach 12 Gänseblümchen, 5 Hunden, 17 Kaninchen, 56 Gundelreben, 85 Regenwürmern, 21 Äpfeln, drei Buchen, fünf Haselnussträuchern, 68 Spinnen, 25 Pilzen, 74 Käfern, 4 Menschen…

Coyote in einer ver-rückten Welt

Es war einmal an einem Tag, an dem die eisigen Lüfte des Winters in ihre Heimat gen Norden zogen und die Vögel den Frühling aus dem Süden mitbrachten. Da schlich Coyote missmutig über die sanftgrünen Hügel. Je mehr die Sonne seinen Pelz wärmte, umso grimmiger knurrte er seine strahlende Umgebung an. Er war schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt. Von Natur aus gab er sich nie geschlagen. Selbst wenn jemand dabei war, ihm das Fell über die Ohren zu ziehen, fand er einen Ausweg. Doch nun hätte er nichts dagegen gehabt, in eine tiefe Schlucht zu stürzen und eben mal nicht davonzukommen. „Mein Leben hat keinen Sinn mehr!“, jaulte er selbstmitleidig.

Die Zeiten, da er den Menschen geholfen hatte, sich auf der Erde zurechtzufinden, da er ihnen den Umgang mit Messer und Gabel gelehrt und sie mit seinen Späßen zum Lachen oder zum Fluchen gebracht hatte, waren längst vorbei. Einst war er der Mächtigste, Trickreichste, Respektloseste, Listigste, Fieseste, Überlebens-künstlerischste. Doch neben den neuen Verrücktheiten der Menschen machten sich seine Späße wie alberner Kindergeburtstagsklamauk aus. In seiner Not war er mit einem großen Schiff über das große Meer gefahren, obwohl er Wasser hasste, in der Hoffnung, auf der anderen Seite des Ozeans noch einen Blumentopf gewinnen zu können. Pustekuchen! Hier war nichts besser.

Er kickte mit der rechten Vorderpfote gegen einen Baumstamm. „Autsch!“ Wütend stürzte er sich auf den Baum. „Warum lässt du die Menschen sich nicht einfach austoben?“, fragte der Baum den tobenden Coyote, „entweder kommen sie zur Vernunft oder sie verschwinden. Ganz einfach.“ „Was?“, rief Coyote. „Ich bin doch kein Baum, der reglos zuschaut. Ich habe einen Job zu erledigen!“ Er stieß wieder die Pfote gegen den Stamm. „Autsch!“ „Ist das dein Job?“, höhnte der Baum, „dir die Pfote zu zertrümmern?“ „Genau!“, schrie Coyote. Er erklärte diesem Baum der so genannten Alten Welt, dass genau dies sein Job war, um den Menschen zu zeigen, was ihnen passierte, wenn sie sich mit einem Baum anlegten. Als der Baum einwandte, er sehe keinen Menschen, der zuschaue, brüllte Coyote: „Genau! Genau das ist mein Problem. Es schaut mir kein Mensch mehr zu.“ Keiner nahm seine Lektionen mehr ernst. Der letzte, bei dem Coyote es versucht hatte, hatte einen Axt genommen und den Baum einfach umgehauen. „Mich hätte der Baum erschlagen, der Mensch spazierte wohlbehalten nach Hause“, jammerte Coyote. Er war ein nutzloser, nicht mal besonders alter Kojote, der sich völlig umsonst lächerlich machte.

Der Baum, der eine Esche war, ließ einen Sonnenstrahl durch sein lichtes Laubdach auf Coyote fallen. Der streckte sich und legte sich, müde geworden, der Länge nach auf die Erde. Die Schnauze in die Wiese gegraben, brummelte er: „Eigentlich ist es ein viel zu schöner Tag, um sich über die Menschen zu ärgern.“ Seine Unterlage war flauschig, und auf dem Ast über ihm zwitscherte eine Amsel ein federleichtes Frühlingslied. „Was soll’s?“, murmelte Coyote und schloss die Augen. Die Esche aber kitzelte ihn mit ihren vertrockneten Blättern in der Nase und sprach: „Du willst also, dass dir die Menschen wieder zuhören. Ich gebe dir drei Aufgaben.“ Coyote stöhnte. „Drei Aufgaben! Nie!“ Er wollte sich schon abwenden. „Was für ein Jammer“, sagte die Esche. „Menschen hören nicht mehr auf Kojoten, und Kojoten nicht mehr auf Bäume.“ „Seit wann hören Kojoten auf Bäume?“, schrie Coyote. „Seitdem dein Ururgroßvater sein Glied verloren hat, weil er nicht auf einen Baum hörte“, rief die Esche zurück. Coyote schluckte. Sein Glied zu verlieren, war ungefähr das Schlimmste, was einem Kojoten passieren konnte. „Okay“, sagte er ängstlich, „ich kann mir deine Aufgaben ja mal anhören.“

Die Esche schmunzelte. „Die erste Aufgabe lautet: Bringe mir drei Eicheln, die mindestens drei Mal drei Mondinnen kein Licht gesehen haben.“ Bevor Coyote etwas erwidern konnte, hieß der Baum ihn streng, nun zu gehen. Die nächste Aufgabe würde er bekommen, wenn er die erste gelöst hatte, gab die Esche ihm noch mit auf den Weg. Dann stand sie still vor ihm, als ob sie nie mit ihm gesprochen hätte.

Coyote schlich um den Baum herum. Da saß gegen den Stamm gelehnt eine… Er runzelte die Stirn. Eine junge Frau, ein Kind, eine Alte, ein junger Mann? Das Wesen hatte zwei Arme, zwei Beine, saß auf Menschenart, doch Coyote war sich keineswegs sicher, dass er einen Menschen vor sich hatte. „Hallo.“ Der Kojote sprang einen Schritt zurück. „Hallo“, antwortete er unfreiwillig krächzend. Die Frau war seltsam gekleidet. Sie trug eine Kopfbedeckung aus allerlei Vogelfedern, einen weiten Rock aus bunten Streifen, eine strahlend weiße Bluse unter einer speckigen Weste und einen zerschlissenen Lederbeutel an einem geflochtenen Gürtel. An ihren Füßen trug sie nichts. Das war ungewöhnlich für einen Menschen zu einer Zeit, da sich der Frühling noch jung und kühl zeigte. Coyote war wieder er selbst. „Okay“, sagte er lässig, „ich will dich mal eine Frau nennen, obwohl…“ Er legte eine vielsagende Pause ein. „Okay“, antwortete die Frau ebenso lässig. „Ich will dich mal einen Kojoten nennen, obwohl…“ Sie wollte ihm nicht sagen, dass er aussah wie ein räudiger Hund. „Kannst es ruhig aussprechen. Ich sehe aus wie ein räudiger Hund“, sagte Coyote missmutig.

Die Frau sah ihn fragend an, doch sie fragte nichts. „Was tust du hier?“, fragte stattdessen Coyote. „Nichts“, antwortete die Frau. Coyote sah sie mit zusammengekniffenen Augen durchdringend an. Er sah nichts, was sein Misstrauen weckte. Sie sah ihn an wie ein kleines, unschuldiges Kind. Da kam Coyote ein Gedanke. „Du hast also nichts vor im Moment?“, fragte er. „Nichts“, sagte die Frau. „Ich könnte Hilfe brauchen“, sagte Coyote, „bei einem sehr spannenden Job.“ Die Frau sprang auf. „Gut!“, rief sie strahlend. Coyote zögerte. Vielleicht würde sie doch eher eine Last sein, überlegte er. Aber so naiv wie sie schien, konnte er sie für Arbeiten gebrauchen, die er selbst nicht machen wollte. Was immer das sein mochte. „Gut“, sagt er. „Dann lass uns gehen.“ Die Frau fragte nicht, wohin.

Coyote, der sich trotz zahlloser Rückschläge etwas auf seine Schlauheit einbildete, hatte bereits einen Plan. Die Menschen, wusste er, sammelten mitunter Vorräte. Warum sollten da nicht auch irgendwo drei Eicheln lagern, die mindestens drei Mondinnen kein Licht gesehen hatten? An einem Nachmittag trabte er durch eine Wohnstraße. Seine Begleiterin hüpfte an seiner Seite, schlug ein Rad vor ihm, schnupperte an einer gerade aufgeblühten Blume und zupfte ein paar Brennnesselblätter, die sie sich in den Mund steckte. Coyote fragte sich, ob sie ganz bei Sinnen sei. Doch eins stand fest: Sie war der fröhlichste Mensch – wenn sie denn ein Mensch war – den er je gesehen hatte.

Coyote roch, wenn ein Haus menschenleer war. So wurde er schnell fündig. Er schlich auf seine ganz eigene Art hinein und wunderte sich, dass die Frau – oder was dieses Wesen auch immer sein mochte – auch ihre ganz eigene Art hatte, durch verschlossene Türen zu gelangen. Das Haus war sehr sauber und sehr aufgeräumt. Die Frau sprang durch die Räume, nahm dieses in die Hand, staunte über jenes. Coyote seufzte. Wie ein kleines Kind. Vor einer schwarzen runden Dose verweilte sie länger. Coyote kam neugierig näher. „Alexa“, las die Frau laut die Worte auf der Dose. „Guten Tag. Was kann ich für dich tun?“ Coyote blickte sich erschrocken um. Auf der Dose blinkte ein Lichtring. „Alexa. Was ist das?“ „Bitte präzisiere deine Frage.“ Die Frau lachte. „Eine sprechende Dose. Oder ein Wesen von einem anderen Stern.“ Die Dose blieb stumm. „Was bist du?“, versuchte es Coyote. Schweigen. „Antworte mir!“ Stille. „Alexa“, sagte Coyotes Begleiterin. „Guten Tag. Was kann ich für dich tun?“ „Alexa“, wiederholte die Frau. „Stelle mir bitte eine Frage.“ „Du musst sie beim Namen nennen“, sagte die Frau zu Coyote. Der murrte widerwillig.

Aber vielleicht hatte Alexa tatsächlich Antworten. „Alexa“, hob Coyote an. „Was kann ich für dich tun?“ „Alexa. Wo finde ich drei Eicheln, die mindestens drei Mal drei Mondinnen kein Licht gesehen haben.“ „Tut mir leid, das verstehe ich nicht. Präzisiere deine Frage“ „Alexa. Drei Eicheln…“, begann Coyote. „Eine Eichel“, fiel im Alexa ins Wort. „Ein männliches Säugetier hat eine Eichel. Der Baum Eiche dagegen trägt zahlreiche Eicheln. Es sind ihre Früchte, die im Herbst…“ Alexa holte weit aus und ließ sich von Coyotes Einwänden nicht beirren. Der hielt sich bald verzweifelt die Ohren zu. „Du bist eine verdammte Klugscheißerin, Alexa“, platzte es aus Coyoteheraus. „Klugscheißerin“, wiederholte Alexa, „das ist eine ambivalente Wortschöpfung…“ „Nein!“ Coyote verzog sich winselnd in eine Ecke. „Du hast jetzt genug gequatscht. Alexa, stopp!“ Alexa verstummte. Coyote blickte seine mysteriöse Begleiterin, die gesprochen hatte, verwundert an. Zu ihm gewandt, sagte diese: „Lass uns gehen. Die Dame in der Dose wird mir langweilig.“ Sie sprang aus dem Fenster. Coyote hechtete hinterher – und landete im Gartenteich. Prustend zog er sich heraus. „Ihr Frauen macht mich fertig“, stöhnte er. „Ich glaube nicht, dass Alexa wirklich eine Frau ist, und ich…“ Coyote schüttelte sich heftig. Seine Begleiterin freute sich über die Dusche.

Coyote war nicht gut drauf. Überhaupt nicht gut drauf. Er hegte den Verdacht, dass die Esche ihn zum Narren gehalten hatte. Mürrisch tigerte er einen Parkweg auf und ab. Seine Begleiterin saß im Schneidersitz auf der Wiese. Vor ihr hüpfte ein Eichhörnchen, kam vorsichtig näher und strich mit seinem Schwanz über die Füße der Frau. Die flüsterte dem Tier leise ins Ohr. Coyote verdrehte die Augen. Er kam sich vor wie ein Narr, von Narren umgeben. „Was weißt du über Narren?“, fragte ihn die Frau. Diese… Sie machte ihn verrückt. Coyote raste gefährlich knurrend in Richtung Eichhörnchen. Schnatternd flüchtete das Tier auf den nächsten Baum. Dann rannte Coyote Zähne fletschend auf die Frau, das Kind, was immer dieses Wesen auch sein mochte, zu. Sie blieb ungerührt sitzen, Coyote prallte an ihr ab und landete unsanft auf der Erde. Als er aufblickte, sah er die junge Frau wie zuvor lächelnd auf der Wiese sitzen. „Was bist du eigentlich?“, schrie er. Die Frau sah ihn freundlich an. „Ich bin alles. Und ich bin nichts“, sagte sie ruhig. Coyote schüttelte sich. Doch die rätselhaften Worte brachten ihn plötzlich auf eine Idee: „Hast du was mit dieser Esche zu tun?“

Die Frau sprang auf und ging leichten Schrittes zum nächsten Baum. Kaum hatte sie ihren Rücken daran gelehnt, hüpfte das Eichhörnchen auf ihre Schulter. „Man könnte meinen, du bist ein Eichhörnchen! Was hast du mit dieser Kreatur zu tun?“, nörgelte Coyote. Die Frau sah ihn erstaunt an. „Das gleiche, was ich mit dir zu tun habe. Wir atmen die gleiche Luft, trinken das gleiche Wasser, die gleiche Sonne wärmt uns und die gleiche Erde ernährt uns.“ Sie neigte ihren Kopf zärtlich zu dem des Eichhörnchens. „Und diese Kreatur“, sagte sie an Coyote gewandt, „könnte dir helfen“. Coyote verstand nichts mehr, er ließ sich auf die Wiese fallen und kniff die Augen zusammen. In seinem Kopf drehte sich ein Karussell, auf dem sich das Eichhörnchen und die junge Frau fröhlich wild drehten. Etwas berührte seine Schnauze. Das Eichhörnchen saß direkt vor ihm. „Ich habe gehört, du bist auf der Suche nach drei ganz bestimmten Eicheln“, fiepte es. Coyote wähnte sich in einem irren Traum. Das Eichhörnchen aber sprang zu einer Stelle in der Wiese und grub mit seinen kleinen Pfoten ein Loch in die Erde. Und nacheinander legte es drei Eicheln vor Coyotes Schnauze. Das Eichhörnchen zwinkerte dem Kojoten zu. „Drei Mal drei Mondinnen haben sie kein Licht gesehen…“

Weltraum-Schätze

Wir schreiben das Jahr 2020. Der Astrophysiker Karl Schneider blickt dorthin, wo der Mars sein könnte und träumt davon, auf dem fernen Planeten eines Tages einen Schatz zu heben. Da landet vor seiner Haustür ein Raumschiff. Ein Wesen, das aussieht wie ein Mensch, steigt aus, und sagt: „Hallo, ich bin auf der Suche nach einem Schatz.“

Karl Schneider zwickt sich schnell in die Hand. Kein Zweifel, er ist wach. Das Wesen kommt näher und lächelt ihn an. Schneider staunt über die indigo-farbene Haarpracht seines Gegenübers. Vielleicht der verkleidete Astro-Alex, überlegt er. „Hallo“, sagt der Astrophysiker. „Seid ihr vom Fernsehen?“ „Fernsehen?“, fragt das Wesen zurück, „was ist das?“ Schneider räuspert sich und stellt sich vor. „Und wer sind Sie?“ „Ein Schatzsucher“, antwortet das Wesen. Er habe sich von einem fernen Planeten auf die Reise zur Erde gemacht, weil es hier etwas ganz Besonderes, Einmaliges gebe, erklärt der Schatzsucher, der also tatsächlich ein Außerirdischer sein will. Schneider hat gerade Urlaub und ihm ist langweilig. Kurz überlegt er noch, dann beschließt er, dem seltsamem Fremden zu glauben. „Gut“, sagt er zu dem Besucher, „dann zeige ich dir einfach, was es bei uns Besonderes gibt.“

Also machen sich der Astrophysiker und der Außerirdische auf die Suche nach dem ganz Besonderen. „Wir haben jetzt immer mehr Autos, die mit Strom betrieben werden, und bald können sie alle ohne Fahrer fahren“, erklärt Schneider. „Aha“, sagt der Schatzsucher. Ein Mädchen hüpft über den Gehsteig. Der Außerirdische lächelt. Merkwürdig berührt, irgendwie, findet Schneider. Das Mädchen sei wohl auf dem Weg in die Kita. „Kita?“, fragt der Außerirdische. Schneider erklärt ihm, was Kitas sind – und was Schulen, Nachhilfeunterricht und Elite-Universitäten. „Aha“, sagt der Schatzsucher.

Sie kommen zu einer riesigen Baustelle. „Das ist was ganz Besonderes“, sagt der Astrophysiker stolz. „Hier entstehen die größten Windkraft- und Photovoltaikanlagen der Welt.“ Dann könnten endlich sämtliche Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. „Aha“, sagt der Außerirdische. Eine Frau mit einem Hund kommt vorbei. Der Hund läuft schwanzwedelnd zu dem Schatzsucher. „Was bist du denn für ein Toller“, sagt der und streichelt das Tier. Irgendwie wehmütig. Schneider erklärt ihm, was eine Hundezucht ist – und was Schweinezucht, Pflanzenzucht und Gentechnik. „Aha“, sagt der Außerirdische.

Vor einem Bankautomaten steht eine Menschenschlange. „Es dauert nicht mehr lange, dann brauchen wir kein Geld mehr, um zu bezahlen“, sagt der Astrophysiker. Und es gebe schon eine rein virtuelle Währung. Etwas nie Dagewesenes. „Aha“, sagt der Schatzsucher. Ein Mann sitzt vor ihm auf der Straße. Der Außerirdische will sich neben ihn setzen. Seltsam erfreut. Schneider hält ihn zurück und erklärt ihm, was ein Obdachloser ist – und was ein Hausbesitzer, ein Angestellter, ein Unternehmer, ein Börsenmakler und ein Global Player. „Aha“, sagte der Außerirdische.

Der Urlaub des Astrophysikers neigt sich dem Ende entgegen. „Okay“, sagt er ungeduldig, da sich die Begeisterung des Außerirdischen über das Gezeigte in Grenzen hält. „Du willst also wissen, was tatsächlich unsere größten Schätze sind?“, fragt Schneider, holt Luft und sagt siegesgewiss: „Das sind Rohstoffe, Gold, Diamanten, Billionen von Dollar und Euro, Aktienpakete, Immobilien..“ „Lass uns hier anhalten“, unterbricht ihn der Außerirdische. Er starrt gebannt aus dem Autofenster. Schneider blickt hinterher und sieht nichts außer Bäumen. Sie steigen aus. Unvermittelt nimmt der Schatzsucher den Astrophysiker freudestrahlend in die Arme und drückt ihn sehr fest. „Danke“, flüsterte er ihm ins Ohr, und im nächsten Moment läuft der Schatzsucher in den Wald. „Lass uns einen Spaziergang machen“, ruft er ausgelassen. Schneider folgt ihm völlig verdattert. Der Außerirdische beugt sich zu einem Strauch, pflückt ein paar Heidelbeeren, hält sie dem Astrophysiker hin und sagt traurig: „Wir hatten vergessen, dass man Geld nicht essen kann.“ Schneider kommen die Worte irgendwie bekannt vor. Er nimmt die Beeren in den Mund. Sie sind etwas ganz Besonderes.


*Ich las einen Zeitungsartikel über Zukunftspläne der Wirtschaft, Rohstoffe auf anderen Planeten und Asteroiden auszubeuten. Darauf fiel mir diese Geschichte ein.