Mit Zwergenkraft in den Tag tanzen

Am Wegesrand entdecke ich einen Zwergenthron. Stabil und luftig unter Buchenzweigen steht er da. Die Schatten der noch frühlingsgrünen Blätter huschen über das von Wind und Regen polierte Holz. Im Weitergehen breite ich die Arme aus, strecke sie zum Himmel und singe ein altes Frauenkraftlied. Ich lache zur Morgensonne hinauf, klatsche in die Hände, ploppe mit den Lippen Trommellaute und tanze mit den sich sanft wiegenden Wildblumen. Die strahlende Wärme bewegt meinen Körper und meine Seele.

Tanzen ist ein schöner Morgenbeginn. Das kannst du zu deinem eigenen inneren Lied oder zu einem deiner Lieblingssongs machen. Fange mit behutsamen Bewegungen an und lass dich von den Impulsen deines Körpers führen.

Apfel, Fünfstern und Beltane

Es gibt Menschen, die einen Apfel quer aufschneiden, um vor dem Verzehr ein besonderes Zeichen der Gesundheit und der Erkenntnis zu Gesicht zu bekommen. Im Kerngehäuse der hoch geschätzten Frucht ist das Pentagramm zu erkennen. Der fünfzackige Stern zeigt sich auch in den Blüten. Diese öffnen sich gerade, kurz vor dem Jahreskreisfest der Sinnlichkeit, in ihrem reinen Weiß durchmischt mit karminrotem Rosenrot.

Himmel und Erde kommen sich nahe, alles fließt ineinander, alles ist miteinander verbunden: der Apfel mit dem Pentagramm, das Pentagramm mit dem Fest Beltane, Beltane mit der Venus, die Venus mit dem Fünfstern, der Fünfstern mit dem Apfel… und alles mit dem Erkennen der Lebensenergien.

An Beltane, in der Nacht zum ersten Mai feiern wir die unbändige Feuerkraft, auch die eigene. Der Winter mit Frost und Schnee ist endgültig vorbei, die Sonne lockt die Früchte der Erde und die Menschen nach draußen. Die Natur versorgt uns wieder üppig, die Tage sind lang und hell.

Hell leuchtet auch die Venus. Ihr Strahlen ist selten zu übersehen, sie ist der Morgen- und der Abendstern. Der Apfel ist die Frucht dieser berührenden, vereinigenden, liebenden, sinnlichen, lebenserhaltenden Göttin. Im kosmischen Tanz der Venus erscheint wie im Apfel der Fünfstern. Bei ihrer Bewegung um die Sonne trifft sich die Venus immer wieder an genau denselben fünf Punkten mit der Erde. Die beiden zeichnen so im Weltall ein unsichtbares Pentagramm.

Das Pentagramm bildet eine ungebrochene Linie, die ohne abzusetzen endlos überzeichnet werden kann. In der Tradition der weisen Frauen stehen seine Spitzen für die vier Elemente und die Geistin. Es schafft den (Schutz-)Raum für freie Entfaltung und Wandlungsfähigkeit. Hier schließt sich der Kreis zum Apfel: Sein Baum ist eine Quelle der Erkenntnis.

Frühlingswärme, Winterkälte

Wie die frischen Blätter und Blüten der Lärche will sich das Neue zeigen, sehr zaghaft in diesem Jahr. Die Kräfte der Frühlingswärme und die der Winterkälte ringen lange miteinander. Behutsam abwarten, gewaltig explodieren. Sich besinnen, losstarten. Nicht zu laut sein, sichtbar werden. Demütig, mutig. Träumen, tun. Das Hin und Her, das Entweder-oder ist maßlos anstrengend. Da meldet sich das Sowohl-als-auch. Der entscheidende Impuls kommt nicht nur für die Lärchenblätter im universellen Finden der Balance.

Wie die Häsin die ersten Ostereier brachte

Den Bauch voll frischer Wildkräuter und zartgrüner Blätter saß einmal vor langer Zeit in einer klaren Nacht eine junge Häsin auf den Hinterläufen und sah hinauf zur Frühlings-Vollmondin. Ihre ersten acht Kinder hatten das Nest verlassen, und sie war voller Unternehmungslust. Nur fehlte ein passendes Abenteuer. Die Häsin seufzte, wandte sich um und wollte schon weiterhoppeln, da umfing sie ein sehr helles Strahlen. Sie drehte ihre Augen um 360 Grad. Die Mondin schien näher denn je, und irgendwie war’s der jungen Häsin, als ob auf dem leuchtenden Planeten eine Artgenossin liegen würde. Sie spürte einen geheimnisvollen unwiderstehlichen Sog, schlug einen Haken in Richtung Mondin und schnellte mit einem unglaublichen Satz zu den Sternen.

Mit einem Dreifach-Purzelbaum landete die Häsin auf dem Mond. Sie setzte sich auf und lauschte. Sie spitzte ihre langen Ohren, mit denen ihr auf der Erde nicht das kleinste Geräusch entging, und hörte…nichts. Es war vollkommen still. Und doch sprach die Mondin auf eine ganz eigene Weise mit ihr. Das Herz der jungen Häsin schlug in einem eigentümlich anderen Rhythmus, und sie fühlte ihr Blut sanft durch ihren Körper fließen. In ihrem Kopf tauchten unvermutet Bilder wie im Traum auf. Die junge Häsin ließ sich von ihnen leiten. Sie fand eine Stelle, die bedeckt war mit einem tiefroten Pulver. Sie füllte ihre Backen damit, hoppelte noch einmal eine Runde über diesen ruhigen, steinigen Planeten und sprang mit einem riesigen Satz in die Weite des Weltalls.

Mit lautem Getöse fiel die Häsin auf die Erde zurück. Sie durchbrach das morsche Dach eines Hühnerstalls und plumpste direkt in ein großes Nest mit frisch gelegten Eiern. Stöhnend öffnete sie den Mund, ohne an den Inhalt zu denken. Das rote Mond-Pulver, nun vermischt mit ihrem Speichel, ergoß sich über die Eier. Aufgeschreckt vom Lärm, kam die Bäuerin in den Stall gerannt. Da schoss die junge Häsin wie ein Blitz zwischen ihren Beinen nach draußen. Die Frau staunte nicht schlecht, als sie sah, was sich im Stroh befand: natürlich Eier, doch von einer tiefrot leuchtenden Farbe, wie sie sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

Die Frau legte die Eier, 13 an der Zahl, vorsichtig in ein Weidenkörbchen. Als sie aus dem Stall trat, blickte sie zum frühmorgendlichen Himmel hinauf. Die Vollmondin stand orange mit roten Sprenkeln über ihr. Die Bäuerin sah in den Korb und wieder verwundert hinauf. Wie von einer unsichtbaren Kraft geführt, ging sie in die Küche, setzte einen Topf Wasser auf und kochte die Eier darin. Dann kleidete sie eine ihrer schönsten Schalen mit Moos aus und legte die roten Eier hinein. Kaum das sie fertig war, kamen ihre Kinder die Treppe heruntergerannt. Gebannt starrten sie in die Schale. Ihr Jüngster sah die Mutter fragend an. Die sprach lächelnd: „Die Eier hat uns eine Häsin zu Ostern gebracht.“

Verstummen

Manchmal möchte ich verstummen angesichts der Wortkriege, die sich in die Welt verbreiten. Manchmal könnte ich heulen, wenn ich sehe, mit welcher Freude ein paar Idioten in den sozialen Medien zündeln und Flächenbrände auslösen. Manchmal bin ich fassungslos wütend, wie wir uns mitragen lassen von den shitstorms, die sich vollkommen destruktiv in unsere Gehirne ergießen.

Ja, manchmal möchte ich verstummen, mal nichts sagen, keine Worte finden. Der Frühling beginnt, und die Natur – auch unsere – spricht ihre eigene Sprache. Sie ist gerade jetzt voller Zuversicht, Aufbruch, Wohlwollen, Erblühen, Leichtigkeit, beschwingter Töne, Miteinander wachsen und sich am Wiedererwachen freuen. So viele Bilder, die aufsteigen und geteilt werden wollen. Soviele Worte, die die Kraft haben, Brücken zu bauen.

Frei-Raum

Die jungen Musiker, die im Grüngürtel locker leichten Jazz spielten, der Obdachlose, der von einem Straßenjongleur so begeistert war, dass er ihm ein paar Cent gab, die Baumfreundin, die die alte Esche besuchte, berührten gestern an einem Tag strahlenden Sonnenscheins mein Herz. Heute sind die Wiesen menschenleer, der Himmel ist grau, es regnet in Strömen. Ich gehe mit dem Sein in seinem stetigen Wandel. Das kommunikative Rotkehlchen vor meinem Fenster singt unverdrossen weiter und doch immer wieder anders seine Frühlingslieder und unterhält sich auch mit den Krähen aus der Nachbarschaft. Die kleinen Momente zu ehren und dafür zu danken, ist ein gutes Mittel, dem Leben und mir Frei-Raum zu geben.

Die US-amerikanische Psychotherapeutin Virginia Satir hat einmal „Fünf Freiheiten“ formuliert, die wir auch in diesen Zeiten der Beschränkungen leben und ausprobieren können:

Die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich ist – anstatt das, was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.

Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke – und nicht das, was von mit erwartet wird.

Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen – und nicht etwas anderes vorzutäuschen.

Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche – anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.

Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen – anstatt immer nur auf Nummer sicher zu gehen und nichts Neues zu wagen.

Das Abenteuer Zuhause

Die ersten Krokusse vor der Haustür entdecken

Die Kraniche ziehen weit oben am Himmel in beeindruckenden Formationen gen Norden. Ihre Rufe locken mich seit Tagen ans Fenster. Wehmütig schicke ich ihnen einen frühen Frühlingsgruß hinauf. Ein paar Etagen tiefer zwitschert mir ein Meisen-Pärchen ins Ohr. Auch sie wollen beachtet werden, ganz besonders sie. Während die Kraniche nur für kurze Momente zu meiner Alltagswelt gehören, werden mich die Meisen durchs Jahr begleiten. Sie sind Teil des Ortes, an dem ich heimisch sein will. Also gehe ich hier auf Reise und Spurensuche, entdecke die Krokusse und die Schneeglöckchen, höre das Gras im Park wachsen, sauge bald das zarte Grün mit den Augen und die ersten Blütendüfte mit der Nase auf, beobachte die Tauben, die sich im hauseigenen Efeu ein Nest bauen und freue mich über die frisch gepflanzten Hyazinthen der Nachbarin.

„Es genügt nicht allein, ,die Natur zu lieben‘ oder ,in Harmonie mit Gaia leben‘ zu wollen. Unsere Beziehung zur natürlichen Welt findet an einem Ort statt, und sie muss auf Information und Erfahrung begründet sein“, schrieb Gary Snyder in seinem Buch „Lektionen der Wildnis“. Für indigene Völker war und ist die Verbundenheit mit einem Ort selbstverständlich, ja sinngebend. Ohne diese Verwurzelung verliert für sie das Leben an Bedeutung und Orientierung.

Vielleicht willst auch du dich jetzt mit den Tieren, Pflanzen, Menschen, Steinen, Böden, Winden, Wassern… deiner Umgebung vertrauter machen. Das kannst du ganz einfach bei Spaziergängen tun. Schau mit offenen Augen und offenem Herzen, wer und was dir begegnet, wer hier außer dir noch zuhause ist.

Susanne Fischer-Rizzi hat ein schönes Buch geschrieben über die Möglichkeiten des Wieder-Heimisch-Werdens. „Das Geheimnis deines Ortes“ heißt es.

Die Kraniche auf ihrem Weg nach Norden vorbeiziehen sehen

Die Närrin feiert Karneval

Utensilien für den Gestaltwandel

Karneval fällt aus! Was?, faucht die Närrin. Mit wehendem Lappenrock und rasselnder Kappe tanzt sie vor mir. Ausgerechnet jetzt willst du vergessen, dass du wild, frei und schamlos sein kannst, dass du aus dem großen Farbkessel der Verwandlungskunst schöpfen kannst, in dieser Zeit, in der das kreative Chaos regiert? So hole ich also meine Kostüme hervor, will werden zur Hexe, die ausgelassen zwischen den Welten tanzt, zum Eichhörnchen, das zwischen Himmel und Erde springt, zu meinem verrückten Ich, das sich keine Grenzen setzt. Pfeif auf die klugen Sprüche, lache über die ängstlichen Bedenken, vergiss die finsteren Prophezeiungen, ab Weiberfastnacht gilt das Gesetz der Närrin. Mit ihrer Kraft kannst du dich ausprobieren, jenseits einschränkender Vorstellungen.

Die Närrin verbindet uns spielerisch und leicht, auch ohne dass wir es merken, mit dem großen Ganzen. An der Schwelle zur wieder erwachenden Natur erinnert sie uns an eine Zeit der übersprudelnden Fülle ohne Furcht und Zweifel, ganz im Vertrauen und ruft dir zu: Trau dich, tanze, singe – auch wenn du allein sein und auf Abstand bleiben willst. Sei lichtvoll und lebendig!

Was bei all dem bierseligen Schunkeln, den Jecken in Parade-Uniformen und dem steifen Sitzungskarneval aus dem Blick gerät: An Weiberfastnacht holen sich die Frauen die Macht zurück. Im Ursprung feiern wir an den tollen Tagen Mutter Erde, ihre und unsere Natur, schöpferisch, versorgend, erschaffend, sinnlich, nährend, liebend, verwandelnd.

Weiberfastnacht und die folgenden Karnevalstage sind dieses Jahr getragen von einer besonderen Zeitqualität. Am Donnerstag ist Neumondin im Wassermann. Du kannst dich also wirklich wie die Närrin der Leere mit allen darin enthaltenen Möglichkeiten hingeben, der Weisheit des Anfangs erinnern und deiner Vision jeden erdenklichen Raum geben. Mit der wiederkehrenden Mondsichel werden sich deine Träume in winzigen Lichtfunken auf der Erde verbreiten. Und Brigid, die Göttin der Inspiration, schickt dich in den bald beginnenden Frühling, um mit deiner Vision die Samen der Veränderung zu setzen.

Auf Empfang

Das Streben nach Bewusstein mag im Kern nichts anderes bedeuten, als über das eigene Sein Klarheit zu gewinnen – abseits von Traditionen, Glaubenssystemen, Gesellschaftsstrukturen, Dogmen und Normen. Wer bin ich in meinem Körper, in meinem inneren Raum? Die Antworten sind selten im Alltags-Außen zu bekommen, zumal, wenn das Treiben dort verwirrend und fremd erscheint.

Still werden will ich. Das sich ausbreitende Licht und die Leichtigkeit der beginnenden Zwillingszeit in jede Zelle einatmen. Wohlwollend eine Weile in mich lauschen. Die Antennen des magischen siebten Sinns empfangsbereit ausrichten für ein ganz anderes Außen, das gut im Innen zu finden ist.

Das Leben ist ein Fest

Der Holunder strahlt im Licht des Lebens

Frau Holle im Holunder schüttelt ihre weißen Blüten-Sterne aus und zaubert einen unvergleichlich süß-herben Duft übers märchenhafte Frühlingsland. Sie hält die, die zwischen den Welten schweben, absturzgefährdet und fürs Neue bereit. Sie kennt keine Gegensätze – und keine Zeit. Vor allem die Zukunft, die zu beherrschende, gestaltende, ist ihr suspekt, denn sie liebt das Chaos, das Ungeplante, den Zustand sprühender Möglichkeiten jenseits beschränkter Vorstellungskräfte.

„Seelen, die zu sterben fürchten, sie werden niemals leben“: Die Zeilen aus einer deutschen Version des wunderschönen Liedes „The Rose“ könnten von der Göttin im Holunder stammen. Sie, die sich zeigt in den jungen weißen Blüten wie in den rot-schwarzen Früchten und dem knorrigen alten Baum, verbindet den Anfang mit dem Ende in der Spirale des Lebens. Sie lacht über die, die das farbenfrohe Sein auf der Erde zu einem Wettlauf mit der konstruierten Zeit und zum aussichtslosen Kampf gegen den Tod machen wollen. Das Leben als zu planende, zu sichernde, zu verlängernde Frist hat für sie keinen Wert. Das Leben der Frau Holle ist ein Fest voller überraschender Geschenke. Nichts und niemand ist ausgeschlossen. Auch der Tod feiert mit.

Mit der Holunderdame kannst du dich bekannt machen, indem du dich unter einen Strauch setzt und mit dem Duft der Blüten atmest. Mit einer Blütendolde kannst du auch dein Trinkwasser für den Tag aromatisieren.