Coyote in einer ver-rückten Welt

Es war einmal an einem Tag, an dem die eisigen Lüfte des Winters in ihre Heimat gen Norden zogen und die Vögel den Frühling aus dem Süden mitbrachten. Da schlich Coyote missmutig über die sanftgrünen Hügel. Je mehr die Sonne seinen Pelz wärmte, umso grimmiger knurrte er seine strahlende Umgebung an. Er war schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt. Von Natur aus gab er sich nie geschlagen. Selbst wenn jemand dabei war, ihm das Fell über die Ohren zu ziehen, fand er einen Ausweg. Doch nun hätte er nichts dagegen gehabt, in eine tiefe Schlucht zu stürzen und eben mal nicht davonzukommen. „Mein Leben hat keinen Sinn mehr!“, jaulte er selbstmitleidig.

Die Zeiten, da er den Menschen geholfen hatte, sich auf der Erde zurechtzufinden, da er ihnen den Umgang mit Messer und Gabel gelehrt und sie mit seinen Späßen zum Lachen oder zum Fluchen gebracht hatte, waren längst vorbei. Einst war er der Mächtigste, Trickreichste, Respektloseste, Listigste, Fieseste, Überlebens-künstlerischste. Doch neben den neuen Verrücktheiten der Menschen machten sich seine Späße wie alberner Kindergeburtstagsklamauk aus. In seiner Not war er mit einem großen Schiff über das große Meer gefahren, obwohl er Wasser hasste, in der Hoffnung, auf der anderen Seite des Ozeans noch einen Blumentopf gewinnen zu können. Pustekuchen! Hier war nichts besser.

Er kickte mit der rechten Vorderpfote gegen einen Baumstamm. „Autsch!“ Wütend stürzte er sich auf den Baum. „Warum lässt du die Menschen sich nicht einfach austoben?“, fragte der Baum den tobenden Coyote, „entweder kommen sie zur Vernunft oder sie verschwinden. Ganz einfach.“ „Was?“, rief Coyote. „Ich bin doch kein Baum, der reglos zuschaut. Ich habe einen Job zu erledigen!“ Er stieß wieder die Pfote gegen den Stamm. „Autsch!“ „Ist das dein Job?“, höhnte der Baum, „dir die Pfote zu zertrümmern?“ „Genau!“, schrie Coyote. Er erklärte diesem Baum der so genannten Alten Welt, dass genau dies sein Job war, um den Menschen zu zeigen, was ihnen passierte, wenn sie sich mit einem Baum anlegten. Als der Baum einwandte, er sehe keinen Menschen, der zuschaue, brüllte Coyote: „Genau! Genau das ist mein Problem. Es schaut mir kein Mensch mehr zu.“ Keiner nahm seine Lektionen mehr ernst. Der letzte, bei dem Coyote es versucht hatte, hatte einen Axt genommen und den Baum einfach umgehauen. „Mich hätte der Baum erschlagen, der Mensch spazierte wohlbehalten nach Hause“, jammerte Coyote. Er war ein nutzloser, nicht mal besonders alter Kojote, der sich völlig umsonst lächerlich machte.

Der Baum, der eine Esche war, ließ einen Sonnenstrahl durch sein lichtes Laubdach auf Coyote fallen. Der streckte sich und legte sich, müde geworden, der Länge nach auf die Erde. Die Schnauze in die Wiese gegraben, brummelte er: „Eigentlich ist es ein viel zu schöner Tag, um sich über die Menschen zu ärgern.“ Seine Unterlage war flauschig, und auf dem Ast über ihm zwitscherte eine Amsel ein federleichtes Frühlingslied. „Was soll’s?“, murmelte Coyote und schloss die Augen. Die Esche aber kitzelte ihn mit ihren vertrockneten Blättern in der Nase und sprach: „Du willst also, dass dir die Menschen wieder zuhören. Ich gebe dir drei Aufgaben.“ Coyote stöhnte. „Drei Aufgaben! Nie!“ Er wollte sich schon abwenden. „Was für ein Jammer“, sagte die Esche. „Menschen hören nicht mehr auf Kojoten, und Kojoten nicht mehr auf Bäume.“ „Seit wann hören Kojoten auf Bäume?“, schrie Coyote. „Seitdem dein Ururgroßvater sein Glied verloren hat, weil er nicht auf einen Baum hörte“, rief die Esche zurück. Coyote schluckte. Sein Glied zu verlieren, war ungefähr das Schlimmste, was einem Kojoten passieren konnte. „Okay“, sagte er ängstlich, „ich kann mir deine Aufgaben ja mal anhören.“

Die Esche schmunzelte. „Die erste Aufgabe lautet: Bringe mir drei Eicheln, die mindestens drei Mal drei Mondinnen kein Licht gesehen haben.“ Bevor Coyote etwas erwidern konnte, hieß der Baum ihn streng, nun zu gehen. Die nächste Aufgabe würde er bekommen, wenn er die erste gelöst hatte, gab die Esche ihm noch mit auf den Weg. Dann stand sie still vor ihm, als ob sie nie mit ihm gesprochen hätte.

Coyote schlich um den Baum herum. Da saß gegen den Stamm gelehnt eine… Er runzelte die Stirn. Eine junge Frau, ein Kind, eine Alte, ein junger Mann? Das Wesen hatte zwei Arme, zwei Beine, saß auf Menschenart, doch Coyote war sich keineswegs sicher, dass er einen Menschen vor sich hatte. „Hallo.“ Der Kojote sprang einen Schritt zurück. „Hallo“, antwortete er unfreiwillig krächzend. Die Frau war seltsam gekleidet. Sie trug eine Kopfbedeckung aus allerlei Vogelfedern, einen weiten Rock aus bunten Streifen, eine strahlend weiße Bluse unter einer speckigen Weste und einen zerschlissenen Lederbeutel an einem geflochtenen Gürtel. An ihren Füßen trug sie nichts. Das war ungewöhnlich für einen Menschen zu einer Zeit, da sich der Frühling noch jung und kühl zeigte. Coyote war wieder er selbst. „Okay“, sagte er lässig, „ich will dich mal eine Frau nennen, obwohl…“ Er legte eine vielsagende Pause ein. „Okay“, antwortete die Frau ebenso lässig. „Ich will dich mal einen Kojoten nennen, obwohl…“ Sie wollte ihm nicht sagen, dass er aussah wie ein räudiger Hund. „Kannst es ruhig aussprechen. Ich sehe aus wie ein räudiger Hund“, sagte Coyote missmutig.

Die Frau sah ihn fragend an, doch sie fragte nichts. „Was tust du hier?“, fragte stattdessen Coyote. „Nichts“, antwortete die Frau. Coyote sah sie mit zusammengekniffenen Augen durchdringend an. Er sah nichts, was sein Misstrauen weckte. Sie sah ihn an wie ein kleines, unschuldiges Kind. Da kam Coyote ein Gedanke. „Du hast also nichts vor im Moment?“, fragte er. „Nichts“, sagte die Frau. „Ich könnte Hilfe brauchen“, sagte Coyote, „bei einem sehr spannenden Job.“ Die Frau sprang auf. „Gut!“, rief sie strahlend. Coyote zögerte. Vielleicht würde sie doch eher eine Last sein, überlegte er. Aber so naiv wie sie schien, konnte er sie für Arbeiten gebrauchen, die er selbst nicht machen wollte. Was immer das sein mochte. „Gut“, sagt er. „Dann lass uns gehen.“ Die Frau fragte nicht, wohin.

Coyote, der sich trotz zahlloser Rückschläge etwas auf seine Schlauheit einbildete, hatte bereits einen Plan. Die Menschen, wusste er, sammelten mitunter Vorräte. Warum sollten da nicht auch irgendwo drei Eicheln lagern, die mindestens drei Mondinnen kein Licht gesehen hatten? An einem Nachmittag trabte er durch eine Wohnstraße. Seine Begleiterin hüpfte an seiner Seite, schlug ein Rad vor ihm, schnupperte an einer gerade aufgeblühten Blume und zupfte ein paar Brennnesselblätter, die sie sich in den Mund steckte. Coyote fragte sich, ob sie ganz bei Sinnen sei. Doch eins stand fest: Sie war der fröhlichste Mensch – wenn sie denn ein Mensch war – den er je gesehen hatte.

Coyote roch, wenn ein Haus menschenleer war. So wurde er schnell fündig. Er schlich auf seine ganz eigene Art hinein und wunderte sich, dass die Frau – oder was dieses Wesen auch immer sein mochte – auch ihre ganz eigene Art hatte, durch verschlossene Türen zu gelangen. Das Haus war sehr sauber und sehr aufgeräumt. Die Frau sprang durch die Räume, nahm dieses in die Hand, staunte über jenes. Coyote seufzte. Wie ein kleines Kind. Vor einer schwarzen runden Dose verweilte sie länger. Coyote kam neugierig näher. „Alexa“, las die Frau laut die Worte auf der Dose. „Guten Tag. Was kann ich für dich tun?“ Coyote blickte sich erschrocken um. Auf der Dose blinkte ein Lichtring. „Alexa. Was ist das?“ „Bitte präzisiere deine Frage.“ Die Frau lachte. „Eine sprechende Dose. Oder ein Wesen von einem anderen Stern.“ Die Dose blieb stumm. „Was bist du?“, versuchte es Coyote. Schweigen. „Antworte mir!“ Stille. „Alexa“, sagte Coyotes Begleiterin. „Guten Tag. Was kann ich für dich tun?“ „Alexa“, wiederholte die Frau. „Stelle mir bitte eine Frage.“ „Du musst sie beim Namen nennen“, sagte die Frau zu Coyote. Der murrte widerwillig.

Aber vielleicht hatte Alexa tatsächlich Antworten. „Alexa“, hob Coyote an. „Was kann ich für dich tun?“ „Alexa. Wo finde ich drei Eicheln, die mindestens drei Mal drei Mondinnen kein Licht gesehen haben.“ „Tut mir leid, das verstehe ich nicht. Präzisiere deine Frage“ „Alexa. Drei Eicheln…“, begann Coyote. „Eine Eichel“, fiel im Alexa ins Wort. „Ein männliches Säugetier hat eine Eichel. Der Baum Eiche dagegen trägt zahlreiche Eicheln. Es sind ihre Früchte, die im Herbst…“ Alexa holte weit aus und ließ sich von Coyotes Einwänden nicht beirren. Der hielt sich bald verzweifelt die Ohren zu. „Du bist eine verdammte Klugscheißerin, Alexa“, platzte es aus Coyoteheraus. „Klugscheißerin“, wiederholte Alexa, „das ist eine ambivalente Wortschöpfung…“ „Nein!“ Coyote verzog sich winselnd in eine Ecke. „Du hast jetzt genug gequatscht. Alexa, stopp!“ Alexa verstummte. Coyote blickte seine mysteriöse Begleiterin, die gesprochen hatte, verwundert an. Zu ihm gewandt, sagte diese: „Lass uns gehen. Die Dame in der Dose wird mir langweilig.“ Sie sprang aus dem Fenster. Coyote hechtete hinterher – und landete im Gartenteich. Prustend zog er sich heraus. „Ihr Frauen macht mich fertig“, stöhnte er. „Ich glaube nicht, dass Alexa wirklich eine Frau ist, und ich…“ Coyote schüttelte sich heftig. Seine Begleiterin freute sich über die Dusche.

Coyote war nicht gut drauf. Überhaupt nicht gut drauf. Er hegte den Verdacht, dass die Esche ihn zum Narren gehalten hatte. Mürrisch tigerte er einen Parkweg auf und ab. Seine Begleiterin saß im Schneidersitz auf der Wiese. Vor ihr hüpfte ein Eichhörnchen, kam vorsichtig näher und strich mit seinem Schwanz über die Füße der Frau. Die flüsterte dem Tier leise ins Ohr. Coyote verdrehte die Augen. Er kam sich vor wie ein Narr, von Narren umgeben. „Was weißt du über Narren?“, fragte ihn die Frau. Diese… Sie machte ihn verrückt. Coyote raste gefährlich knurrend in Richtung Eichhörnchen. Schnatternd flüchtete das Tier auf den nächsten Baum. Dann rannte Coyote Zähne fletschend auf die Frau, das Kind, was immer dieses Wesen auch sein mochte, zu. Sie blieb ungerührt sitzen, Coyote prallte an ihr ab und landete unsanft auf der Erde. Als er aufblickte, sah er die junge Frau wie zuvor lächelnd auf der Wiese sitzen. „Was bist du eigentlich?“, schrie er. Die Frau sah ihn freundlich an. „Ich bin alles. Und ich bin nichts“, sagte sie ruhig. Coyote schüttelte sich. Doch die rätselhaften Worte brachten ihn plötzlich auf eine Idee: „Hast du was mit dieser Esche zu tun?“

Die Frau sprang auf und ging leichten Schrittes zum nächsten Baum. Kaum hatte sie ihren Rücken daran gelehnt, hüpfte das Eichhörnchen auf ihre Schulter. „Man könnte meinen, du bist ein Eichhörnchen! Was hast du mit dieser Kreatur zu tun?“, nörgelte Coyote. Die Frau sah ihn erstaunt an. „Das gleiche, was ich mit dir zu tun habe. Wir atmen die gleiche Luft, trinken das gleiche Wasser, die gleiche Sonne wärmt uns und die gleiche Erde ernährt uns.“ Sie neigte ihren Kopf zärtlich zu dem des Eichhörnchens. „Und diese Kreatur“, sagte sie an Coyote gewandt, „könnte dir helfen“. Coyote verstand nichts mehr, er ließ sich auf die Wiese fallen und kniff die Augen zusammen. In seinem Kopf drehte sich ein Karussell, auf dem sich das Eichhörnchen und die junge Frau fröhlich wild drehten. Etwas berührte seine Schnauze. Das Eichhörnchen saß direkt vor ihm. „Ich habe gehört, du bist auf der Suche nach drei ganz bestimmten Eicheln“, fiepte es. Coyote wähnte sich in einem irren Traum. Das Eichhörnchen aber sprang zu einer Stelle in der Wiese und grub mit seinen kleinen Pfoten ein Loch in die Erde. Und nacheinander legte es drei Eicheln vor Coyotes Schnauze. Das Eichhörnchen zwinkerte dem Kojoten zu. „Drei Mal drei Mondinnen haben sie kein Licht gesehen…“

Fortsetzung folgt…

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