Lebensfluss

Das Wasser lässt Grenzen verschwimmen

„The river ist flowing, flowing and growing…“ Ich blicke über das Geländer der Rheinbrücke in den reißenden Strom und singe leise zum erdbraun getönten Wasser. „…The river is flowing back to the sea. Mother Earth, carry me, your child I will always be, Mother Earth, carry me back to the sea“.

Ich wünschte, die Fluten rissen uns aus dem Glauben, wir Menschen könnten dem Lebensfluss Regeln und Grenzen setzen.

Das Klein-unartige

Groß-artiges lassen.

Unartig Kleines tun.

In der Mitte des eigenen Flusses schwimmen.

Sich selbst zur Sommersonnwend-Königin krönen.

Erwartungslos lieben,

vorstellungsfrei schauen,

mit sieben Sinnen.

Groß-artiges lassen.

Unartig Kleines tun.

Löschkultur

Die Amsel zwitschert, tönt, unterhält sich, kommuniziert von erhobener Position im Innenhof. Für mich ist es die Amsel, nicht mehr nur irgendeine Amsel, weil ich ihr seit Tagen zuhöre und sie mir vertraut geworden ist. Unbeschwert, leicht, ausgelassen, erregt: Mit Worten aus meinem begrenzten menschlichen Beschreibungsschatz deute ich ihre Laute. Im Grunde genommen weiß ich nichts. Heute zum Beispiel frage ich mich, ob es unter den Amseln auch Korrektheits-Deuter*innen gibt, also solche, die sie loben für oder sich aufregen über das, was sie mitzuteilen hat oder was gerade so aus ihr heraussprudelt. Der Gedanke, es könnte so sein, kommt mir völlig abwegig vor. Löschkultur bei Amseln? Eine Amsel ist eine Amsel ist eine Amsel… Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch… bevor er in Schubladen eingeordnet wird. Sich zu unterhalten, zu kommunizieren ist von dort aus kaum mehr möglich.

Frühlingswärme, Winterkälte

Wie die frischen Blätter und Blüten der Lärche will sich das Neue zeigen, sehr zaghaft in diesem Jahr. Die Kräfte der Frühlingswärme und die der Winterkälte ringen lange miteinander. Behutsam abwarten, gewaltig explodieren. Sich besinnen, losstarten. Nicht zu laut sein, sichtbar werden. Demütig, mutig. Träumen, tun. Das Hin und Her, das Entweder-oder ist maßlos anstrengend. Da meldet sich das Sowohl-als-auch. Der entscheidende Impuls kommt nicht nur für die Lärchenblätter im universellen Finden der Balance.

Was heißt eigentlich gesund?

Zaubert Sonne ins Herz: die Schlüsselblume

Lady Corona, die alte Hexe, die große Kali, fegt atemberaubend durch die Wohneinheiten, die Bürokomplexe, die Lehranstalten, die Fabrikhallen, die Alten- und Kinderaufbewahrungsstätten, die Konsumtempel, die Amtsstuben, die Krankenhäuser und lässt kaum einen kalten Stein auf dem anderen. Die Gedankenkarusselle geraten in Unwucht, die Kontrollmaschinen schwächeln. Die Herzen darunter liegen plötzlich offen mit all ihren Verletzungen – und Sehnsüchten. Bitte, wieder zurück in die Sicherheitszone! In welche? Die der Technik ohne Grenzen? Oder die der Erde mit der Bereitschaft zu sterben?

Jetzt, wo immer klarer wird, dass wir Viren nicht ausrotten können, könnten wir unseren Blick endlich wieder freigeben vom Starren auf richtige, falsche, manipulierte, dramatische, gefakte, frisierte…Zahlen. Da könnte sich der Horizont öffnen für eine wirklich spannende Frage: Was genau heißt es eigentlich, gesund zu sein?

Kleine Übung für die Balance

Stell dich, am besten barfuß (wenn’s dir nicht zu kalt ist) auf den Boden, dort, wo du dich ungestört fühlst, die Füße nicht zu eng beieinander, damit du einen guten Halt hast. Wenn du in einem geschlossenen Zimmer bist, öffne vorher das Fenster. Schließe die Augen und geh mit deiner Aufmerksamkeit in deinen Herzraum. Wenn es dir hilft, lege die Hände auf die Brust. Atme ein paar Mal bewusst ein und aus. Jetzt nimm die Geräusche um dich herum wahr, jedes ganz kurz, ohne es zu bewerten. Schau, wie es dich berührt, lass es sein und bleibe in deinen Herzraum. Stell dir vor, wie du dich dort immer wieder auf dich einbalancierst. Beende die Übung in deinem Tempo und zu deiner Zeit, indem du die Augen wieder öffnest und dich bei der Größeren Kraft – Mutter Erde, dem Universum, der Göttin… – bedankst.

Verstummen

Manchmal möchte ich verstummen angesichts der Wortkriege, die sich in die Welt verbreiten. Manchmal könnte ich heulen, wenn ich sehe, mit welcher Freude ein paar Idioten in den sozialen Medien zündeln und Flächenbrände auslösen. Manchmal bin ich fassungslos wütend, wie wir uns mitragen lassen von den shitstorms, die sich vollkommen destruktiv in unsere Gehirne ergießen.

Ja, manchmal möchte ich verstummen, mal nichts sagen, keine Worte finden. Der Frühling beginnt, und die Natur – auch unsere – spricht ihre eigene Sprache. Sie ist gerade jetzt voller Zuversicht, Aufbruch, Wohlwollen, Erblühen, Leichtigkeit, beschwingter Töne, Miteinander wachsen und sich am Wiedererwachen freuen. So viele Bilder, die aufsteigen und geteilt werden wollen. Soviele Worte, die die Kraft haben, Brücken zu bauen.

Den Wandel zaubern

Träume zerplatzen wie Seifenblasen… Mit einer kleinen Explosion verbreitet sich die freudige Energie, die wir hineingegeben haben, in die Welt. Mit den großen Augen des Kindes in uns schauend, wissen wir: Der Zauber lebt von der Transformation.

Die Perspektive wechseln, öffnet den Blick für den Wandel.

Fühlen

In die Ruhe und Geborgenheit der Höhle scheint Licht.

Verheddert im wirren Zahlen-Netz,

versinkend im unverdaulichen Fakten-Salat,

verliere ich meine Kraft,

fällt es mir schwer zu atmen,

lähmt mich meine Wut.

Ich verstehe nichts.

Ich kann nichts erklären,

obwohl ich es doch können müsste

in dieser Welt des Beherrschens.

Verwoben im Netz der abenteuerlichen Vielfalt,

getragen vom Meer der reinen Empfindungen,

finde ich meine Macht,

kann ich frei atmen,

bewegt mich meine Freude.

Ich verstehe alles.

Ich kann fühlen,

weil ich nichts erklären können muss

in dieser Welt des Seins.

Massenbaumhaltung

Ausgezählt

Den größten Teil seiner Geschichte hat der Mensch im Wald gelebt. So lässt sich erklären, warum jede radikale Veränderung zwischen Buchen, Eichen und Tannen uns in eine tiefe Melancholie fallen lässt. Wehmütig schockiert schauen wir auf die braunen Skelette der Fichten, der eigentlich immergrünen Bäume, Symbol des ewigen Lichts und immerwährenden Lebens. Tränen des Abschieds sind jedoch nur bedingt angebracht. Was wir mit den Fichten bei zunehmender Trockenheit sterben sehen, ist weit entfernt vom wilden Wald unserer Träume und kollektiven Erinnerungen. Es sind von Menschenhand angelegte Baumplantagen zum Zwecke der wirtschaftlichen Nutzung. Was zu Ende gehen will, ist also eine Form der Massenbaumhaltung.

Eigentlich müssten wir dem Borkenkäfer dankbar sein. Er schafft Platz für Neues, arbeitet mit daran, ein gestörtes System wieder in Balance zu bringen. Dabei geht es dem Käfer nicht darum, zu siegen und Verlierer hinter sich zu lassen. Er hat einfach eine Aufgabe zu erfüllen nach den immer gültigen Gesetzen des Universums.

Dass in den engen Fichtenforsten ein Baum des Lebens stehen sollte, würde niemandem einfallen. Es ist dort gespenstisch still, dunkel und leer. Tot. Diese Anlagen haben dem Raum greifenden, majestätischen Nadelbaum der Hoch- und Mittelgebirge die Macht genommen. Mag sein, dass die Fichte nach der Zeit des Loslassens einmal wieder ihren angestammten Thron einnehmen wird.

Großmutter Universum

Hinter der Begrenzung beginnt die Weite

Corona hüpfte Mama Panik auf den Schoß. Die erschreckte sich gleich über die Maßen. So kann’s nicht weitergehen, rief Papa Kontrolletti erbost, jetzt gibt’s aber Stubenarrest. Corona sprang ihm flink davon, zeigte Tante Besserwisserin eine lange Nase und zwickte Onkel Gehorsam ins Bein. Schnell lief sie zu Großmutter Universum. Die nahm die Kleine besänftigend in den Arm, stellte ihr die Geschwister Freier Geist und Lebensfreude zur Seite und schickte sie zurück nach Hause.