Macht und Weiblichkeit

Frauenplatz

Es ist Weltfrauentag. Für Gleichberechtigung, gegen sexuelle Gewalt. Ich setze mich aufs Sofa und erinnere mich an einen alten Platz der Frauenmacht. Meinen Freundinnen fiel ein von Jägern erschossener Singvogel auf den Frühstückstisch, während mein Körper dort mit dem Körper der Erde verschmolz. Erfüllt kehrte ich zurück, sah die Blutspritzer auf den Kleidern der anderen und wähnte mich in einer fremden Welt. Trotz gleicher Rechte und der Aussicht auf gleiche Bezahlung.

Wahrhaftige Veränderungen verweisen wir gerne ins Reich der Fantasie. Doch Träume und Visionen bekommen mitunter eine überraschende Lebendigkeit. Also träume ich einfach von Gleichberechtigung jenseits des Patriarchats und ergründe, wie damals auf der Insel der Priesterinnen und der Vogeljäger, meine Weiblichkeit.

Was bedeutet Frau sein, wenn ich einmal über meine angenommenen Glaubensmuster hinausblicke? Was heißt weiblich, wenn ich den geschichtlichen und gesellschaftlichen Missbrauch dieses Wortes und seiner Inhalte beiseite schiebe? Ich ertaste meinen Körper, denn der ist unmissverständlich weiblich. Was sind ur-weibliche Eigenschaften, Kompetenzen, Gestaltungsmöglichkeiten – auch für und bei Männern? Ich tauche nach meinen tiefsten Sehnsüchten und komme so der Antwort auf den Grund.

Der König und die Tödin

Einst lebte ein Mann, der mit einem starken Körper, einem wachen Geist und einer einnehmenden Art gesegnet war. Er gewann die Liebe einer schönen, wissenden Frau, die den Respekt ihrer Gemeinschaft genoss. Sie lebten glücklich und dankten dem Universum jeden Morgen für die Geschenke des Lebens. Eines davon erfreute sie über die Maßen: Im Schoß der Frau wuchs ein neues Menschenkind heran. Als der Tag der Geburt nahte, rief die Frau ihre medizinkundige Mutter und hieß ihren Mann, das Dorf zu verlassen und erst wiederzukommen, wenn die Mondin ihre Bahn um die Erde vollendet haben würde. Der Mann packte seinen Beutel und machte sich auf zu seiner Schwester, die ihn freudig aufnahm.

Zur bestimmten Zeit wollte der Mann im Dorf seiner Frau nach dem Kind sehen. Doch die Großmutter empfing ihn mit Tränen in den Augen. Die Göttin hatte Kind und Frau bei der Geburt zu sich genommen. Der Mann tobte, blind vor Schmerz und erschlug in seiner Raserei die Mutter seiner toten Frau. Als dieser im Niederfallen ein funkelnder Kristall aus der Rocktasche fiel, hob der Mann den Stein auf und warf ihn gegen eine große Buche. Der Baum jedoch öffnete sich dem Kristall und nahm ihn in seinem Inneren auf.

Der Mann floh aus dem Dorf. Er strich fortan durch die Wälder, jagte und sammelte, was er für ein karges Leben brauchte und nährte mit seinen Gedanken den Hass in ihm. Um sein Herz legte sich ein undurchdringlicher Panzer. Gelegentlich traf er auf einen anderen Mann, mit dem er am Feuer Pläne schmiedete. Es dauerte nicht lange, da hatte er eine ansehnliche Truppe beisammen. Die Männer träumten von Macht, Ruhm und Reichtum, und der Mann, der die Mutter seiner Frau erschlagen hatte, wurde zu ihrem Anführer auserkoren.

Gegen die Mordlust der Bande war kein Kraut gewachsen. Die Menschen fanden kein Mittel, sich ihr entgegenzustellen, es sei denn, sie besudelten ihre eigenen Hände mit Blut. So machte sich der Mann mit seinen Schergen die Menschen untertan und wurde König eines riesigen Reiches. Als Gemahlin wählte er sich die Schwester seiner ersten Frau.

Da ihm niemand seiner Leute widersprach und er sich den Göttern gleich fühlte, wollte er sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen: das auszulöschen, was ihm den größten Schmerz bereitet hatte. Es dauerte nicht lange und die Tödin stand an der Schwelle des Schlosstores. Der König empfing den Gast mit allem Pomp, ließ die leckersten Speisen auffahren und abertausende Goldmünzen aufhäufen. Die Tödin ging achtlos an allem vorbei.

„Was ist dein Anliegen?“, fragte sie den König direkt.
Der König zögerte nicht lange: „Ich will, das du von der Erde verschwindest. Du hast genug Leid angerichtet.“
Die Tödin hob schon an lauthals zu lachen, da blickte sie in die leeren Augen des Königs. So leer wie die Augen aller, denen sie auf dem Weg hierher begegnet war.
„Gut“, sagte sie. „Ich werde von der Erde verschwinden, solange das Jahr braucht, um 17 Mal seine Bahn zu ziehen. Doch ich kann nicht ohne meine Schwester gehen.“
Erleichtert erhob sich der König von seinem Thron, seine Macht schien unendlich und er wollte großzügig sein.
„Nimm mit, wen du willst“, sagte er. „Es sei dir gewährt.“
Die Tödin verbeugte sich vor dem König und verschwand aus dessen Palast und von der Erde. Am gleichen Tag gebar die Frau des Königs eine Tochter. Zur selben Stunde brachten 12 weitere Frauen im Königreich Kinder auf die Welt.

Die Jahre vergingen, und die Menschen zeigten fortan nicht einmal mehr Spuren des Alterns. Ja, selbst die Blätter an den Bäumen behielten ihre Farbe und die Blüten an den Blumen wollten nicht mehr abfallen. Einzig für die Königstochter tickte die Lebensuhr. Sie wuchs heran, war schön wie die gelben Sonnenblumen, von wachem Geist und empfindsamem Gemüt und wild wie die Katzen in den Wäldern. Der König tat sich schwer mit ihrem Charakter und erschreckte sich über ihr Heranwachsen. Sie blieb sein einziges Kind. Den Frauen des Reiches war es aus unerfindlichen Gründen versagt, schwanger zu werden.

Die Gemahlin des Königs indes wurde trauriger und trauriger und zog sich vom Leben am Hofe zurück. Eines Tages packte sie ein Bündel und rief ihre Tochter zu sich.
„Ich werde fortgehen“, sagte sie. Dann nahm sie die Hand der Tochter und öffnete ihre Faust, die einen kleinen Bergkristall umschlossen hatte.
„Er begleitete deine Großmutter, jetzt gehört er zu dir“, sagte die Mutter. „Wann immer du Hilfe benötigst, wird er sich dir öffnen.“
Sie umarmte ihr Kind und ging. Die Tochter weinte, da sie nun auf Geschwister, Spielkameradinnen und auch noch auf die Mutter verzichten musste.

Der Vater ward immer missmutiger und fand bald keine Freude mehr an den Dingen des Lebens. Desgleichen erging es seinen Untertanen. Die Tochter litt mehr und mehr an der Freudlosigkeit ihrer Umgebung und floh jeden Morgen in die Wälder. Eines Tages umhüllte sie besonders große Traurigkeit, und sie ging zu dem kleinen Weiher an der Quelle. Wie so oft erblickte sie ihr Spiegelbild im ruhigen Wasser und wunderte sich, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Menschen, die sie kannte, zu altern schien. Nicht der Tod machte ihr Angst. Den kannte sie nicht. Es machte ihr Angst, dass sie anders war als all die anderen. Wütend sprang sie auf. Sie wollte wissen, was es damit auf sich hatte.

Unwillkürlich griff sie nach dem Bergkristall, den sie in einem Beutelchen immer mit sich trug.
„Setz dich ruhig hin“, befahl ihr der Kristall. Die junge Frau tat wie ihr geheißen.
„Nun blicke in mein Innerstes. Dann blickst du voraus, zurück und in das Jetzt“, sprach der Kristall weiter.
Die Königstochter schaute in den Stein. Die Bilder rasten an ihr vorbei: das einer alten Frau, die in einem großen Kessel rührte, das von jungen Menschen, Frauen wie Männer, 13 an der Zahl, die freudig aufeinander zuliefen. Sie war eine von ihnen. Und das Bild zweier Schwestern, die über ihr in den Lüften schwebten, so als ob sie auf etwas warteten. In ihr wuchs eine Sehnsucht, die so groß war, wie nichts zuvor in ihrem Leben. Die Königstochter sank zu Boden und weinte bitterlich.

Von den Tränen genährt wuchs zu ihren Füßen ein Holunderstrauch empor. Er wurzelte tief in die Erde und wuchs hoch in den Himmel hinein. Da sah die Königstochter, wie die beiden Schwestern, deren Bild im Kristall an ihr vorbeigezogen war, sich auf einem der Äste niederließen und hinabstiegen. Zugleich vernahm sie Pferdegetrampel, und schon erblickte sie ihren Vater auf seinem Rappen.

„Was tust du hier, Tochter?“, fragte er. Doch als er der beiden Schwestern gewahr wurde, erschrak er, sodass er die Zügel anspannte, das Pferd sich auf die Hinterläufe stellte und den König abwarf. Der König fiel gegen einen Baum und brach sich das Genick.
„Vater, oh, Vater!“ Die Tochter sprang zu ihm hin und klammerte sich schluchzend an seine Schultern.
„Was habt ihr getan?“, schrie sie die beiden Schwestern an. „Ihr habt den Tod auf die Erde zurückgebracht!“
Die beiden Schwestern ließen die Königstochter um ihren Vater trauern. Als die junge Frau erschöpft von dem Toten abließ, sprach die eine der Schwestern: „Seine Zeit war gekommen. Das Jahr ist 17 Mal vorübergegangen, seitdem dein Vater mich von der Erde fortgeschickt hat.“

Da wusste die Königstochter, dass die Tödin vor ihr stand.
„Doch wer ist deine Schwester, die du damals mit der nahmst?“, fragte die junge Frau.
Die Tödin sprach: „Ich bin die Schwester Tod – und dies…“ Sie hielt die Hand der anderen. „Dies ist meine Schwester Leben.“

Die Königstochter verstand mit einem Mal. Und da liefen aus allen Richtungen die zwölf mit ihr Geborenen herbei. Sie umarmten sich, lachten und feierten gemeinsam die Rückkehr des Todes und des Lebens auf die Erde.

Standhalten und mitgehen

Ich denke nicht, ich sehe

Standhalten oder mitgehen, loslassen oder festhalten, sich wehren oder sich hingeben: Die satten Wiesen, durch die der Wind bläst, kennen kein Entweder-oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch. Die Grashalme und Wildblumen biegen sich in einem gemeinsamen Tanz, sie fließen dahin, überlassen sich dem Sturm und bleiben doch fest verwurzelt stehen in den steilen Berghängen.

Der Widerspruch zwischen standhalten und mitgehen löst sich auf. In dem Bewegen und gleichzeitigem Stehenbleiben ist es, als ob die Wiesen Energie im Hier und Jetzt aufnehmen, ihren Teil behalten und das Meiste einfach weitergeben. Es ist, als ob sich ein Strom ergießt über die Kuppen der Hügel und hinauffließt in die oberhalb thronende geheimnisvolle Bergwand.

Die Bergwand betrachte ich lange und immer wieder – ohne Ziel, ohne Grund, ohne Absicht. Sie zieht mich in ihren Bann in ihrer Unerschütterlichkeit und Mächtigkeit, in ihrer Stille und Unergründlichkeit. Ich denke nicht, ich schaue. Mein Kopf darf leer werden, was mir Angst machen kann und im Moment einfach nur befreiend ist. Ich sehe. Die ruhigen Berge, die wogenden Wiesen, die rauschenden Bäume, den Bach im Tal und das Hausrotschwanz-Pärchen über mir, das seine Jungen füttert. Und wenn ich mich zur gegebenen Zeit bewegen werde, dann will ich dabei gut verwurzelt sein.

Bergwiese