Massenbaumhaltung

Ausgezählt

Den größten Teil seiner Geschichte hat der Mensch im Wald gelebt. So lässt sich erklären, warum jede radikale Veränderung zwischen Buchen, Eichen und Tannen uns in eine tiefe Melancholie fallen lässt. Wehmütig schockiert schauen wir auf die braunen Skelette der Fichten, der eigentlich immergrünen Bäume, Symbol des ewigen Lichts und immerwährenden Lebens. Tränen des Abschieds sind jedoch nur bedingt angebracht. Was wir mit den Fichten bei zunehmender Trockenheit sterben sehen, ist weit entfernt vom wilden Wald unserer Träume und kollektiven Erinnerungen. Es sind von Menschenhand angelegte Baumplantagen zum Zwecke der wirtschaftlichen Nutzung. Was zu Ende gehen will, ist also eine Form der Massenbaumhaltung.

Eigentlich müssten wir dem Borkenkäfer dankbar sein. Er schafft Platz für Neues, arbeitet mit daran, ein gestörtes System wieder in Balance zu bringen. Dabei geht es dem Käfer nicht darum, zu siegen und Verlierer hinter sich zu lassen. Er hat einfach eine Aufgabe zu erfüllen nach den immer gültigen Gesetzen des Universums.

Dass in den engen Fichtenforsten ein Baum des Lebens stehen sollte, würde niemandem einfallen. Es ist dort gespenstisch still, dunkel und leer. Tot. Diese Anlagen haben dem Raum greifenden, majestätischen Nadelbaum der Hoch- und Mittelgebirge die Macht genommen. Mag sein, dass die Fichte nach der Zeit des Loslassens einmal wieder ihren angestammten Thron einnehmen wird.

Großmutter Universum

Hinter der Begrenzung beginnt die Weite

Corona hüpfte Mama Panik auf den Schoß. Die erschreckte sich gleich über die Maßen. So kann’s nicht weitergehen, rief Papa Kontrolletti erbost, jetzt gibt’s aber Stubenarrest. Corona sprang ihm flink davon, zeigte Tante Besserwisserin eine lange Nase und zwickte Onkel Gehorsam ins Bein. Schnell lief sie zu Großmutter Universum. Die nahm die Kleine besänftigend in den Arm, stellte ihr die Geschwister Freier Geist und Lebensfreude zur Seite und schickte sie zurück nach Hause.

Stürme im Kopf

Verblühtes Weidenröschen

Verwirrt, verwurschtelt, verdreht, verrückt – die Stürme der Nacht toben weiter in meinem Kopf und Körper. Am besten ist’s wahrscheinlich, mich der Windin zu überlassen, ohne gleich davonzufliegen.

Entschieden ohnmächtig

Das Sein ist Bewegung

Ohnmächtig, also ohne Macht zu sein, kann durchaus eine ent-lähmende Wirkung haben. Die Mächtigen brauchen ein ebenfalls Macht-wollendes Gegenüber, um bestehen zu können. Die Andersdenkerin Marianne Gronemeyer hat das sehr treffend formuliert: „Macht kann sich nur verteidigen gegen Machtkonkurrenten.“ Das endet allerdings oft in einem Gemetzel, und sei es nur ein verbales.

Die entschiedene Ohn-Mächtige kann sich weit öffnen und aus ihrem tiefen Inneren hören, sie kann neue Spielfelder finden und sich mit allem, was lebendig ist, verbünden. Sie geht den Weg jenseits des (Be-)Herrschens. So kann sie fließen mit der Veränderung.

*Das Zitat von Marianne Gronemeyer stammt aus ihrem Buch „Simple Wahrheiten – und warum ihnen nicht zu trauen ist“.

Hand-eln

Der Mensch will etwas tun – auch gegen die Trockenheit

Die Stadt ist heiß und trocken. Die Bäume brauchen Wasser, denkt sich der Mensch und hand-elt. Mit Intelligenz hat das erst einmal nichts zu tun. Auch die Krähen etwa sind Wesen mit beachtlichen geistigen Fähigkeiten und hüpfen eher unbeteiligt über die im Park ausgelegten Schläuche. Bäume zu gießen, würde ihnen im Traum nicht einfallen. Dass es auf der Erde eine Spezies gibt, deren Vertreterinnen und Vertreter dazu neigen, sich einzumischen, immerwährend tätig sein zu wollen, Neues zu erfinden, zu werkeln, zu gestalten, auf- und abzubauen, einzu-greifen, hat seinen Grund in einem fantastisch vielfältigen Wunderwerkzeug: den menschlichen Händen.

Diese Hände sind zum Erschaffen gemacht – im Feinen wie im Groben. Fragt sich, was aus ihnen und ihren Besitzern wird, wenn sie nur noch Maschinen in Gang zu setzen haben sollten.

Weltbilder

Liebe – ein Wort mit tausend Gesichtern.

Wer die Welt anders gestalten will als ich, muss wirklich nicht liebens-wert sein. Ihm oder ihr gleich Übles zu unterstellen, lässt mich allerdings in Strukturen verharren, die ich eigentlich zu überwinden gedenke. Gut oder schlecht, falsch oder richtig – gibt es nur vom jeweiligen Standpunkt aus. All die Viren-Bekämpfer, die Bewegungs-Kontrollierer, die Grundrechts-Einschränker und Verschwörungstheorien-Konstruierer sind möglicherweise gar keine Bösewichte, sondern einfach Menschen, deren Bild vom Leben auf der Erde sich von meinem unterscheidet. Also frage ich mich besser, welche Welt ich mir wünsche.

Eigenmächtig kannst du davon träumen, wofür du leben und lieben willst. Irgendwann mögen Worte in deinem unvergleichlichen Raum aufsteigen, die sich in dein authentisches Tun verwandeln wollen. Und dies kann vieles sein, doch auf jeden Fall nichts, was dir von wem auch immer vorgegeben wird.

Bleib lebendig!

Auf Empfang

Jungmeise, bereit für das Leben

Das Streben nach Bewusstein mag im Kern nichts anderes bedeuten, als über das eigene Sein Klarheit zu gewinnen – abseits von Traditionen, Glaubenssystemen, Gesellschaftsstrukturen, Dogmen und Normen. Wer bin ich in meinem Körper, in meinem inneren Raum? Die Antworten sind selten im Alltags-Außen zu bekommen, zumal, wenn das Treiben dort verwirrend und fremd erscheint.

Still werden will ich. Das sich ausbreitende Licht und die Leichtigkeit der beginnenden Zwillingszeit in jede Zelle einatmen. Wohlwollend eine Weile in mich lauschen. Die Antennen des magischen siebten Sinns empfangsbereit ausrichten für ein ganz anderes Außen, das gut im Innen zu finden ist.

Medizin der Natur

Für eine Weile besteht meine Welt aus einem Reiher und mir am Ufer des Rheins. Die Gedanken ruhen, die Seele kann baumeln. Ich sinke in Bilder, die die Kraft haben zu heilen und tauche wieder auf, um im Leben zu sein statt am Leben zu sein.

Der Fülle Platz machen

Wenn im Außen wenig zu klappen scheint, sich Unzufriedenheit einschleichen und Ungeduld breit machen will, lohnt ein Blick in den klaren Nachthimmel. Sternschnuppen laden ein zum Wünschen, und mit der schwindenden Mondin ist das vertrauensvolle Loslassen einfacher als das angstvolle Festhalten. Was bleibt, ist, für die Fülle, Freude und Sinnlichkeit Platz zu schaffen.

Geschichten erinnern

Das Rotkehlchen erzählt

Das Lächeln der Vollmondin entwischt dem distanzierten Kamerablick, die Unterhaltung der Rotkehlchen entzieht sich der distanzlosen Teilen-Funktion. Respektvolles Schauen, Hören, Staunen halten den passenden Abstand fernab ersonnener Regeln.

„Mit allen Sinnen be-greifen“ lässt sich in seiner ungeahnten Vielfalt erproben. Dabei offenbaren sich Geschichten über das Land und die, die auf, mit und in ihm leben, die etwa nur die geheimnisvolle Mondin und das kleine Rotkehlchen zu erzählen wissen. Selbst wenn diese Geschichten nicht gleich zu verstehen sind, finden sie ihren Platz im Gedächtnis unserer Körper. Mag sein, dass sie uns auch erinnern an fast Vergessenes im reichen Schatz unserer ureigenen und gemeinsamen inneren Weisheits-Bibliotheken.