Sommersonnwende

Das Johanniskraut speichert das Sommersonnenlicht

Die Fülle stößt auf die Angst
und will sie behutsam in den Arm nehmen.
Die Angst will nicht gekuschelt werden.
Die Fülle geht auf Abstand.
Und bleibt. Weil sie ist.

Die Leidenschaft trifft auf die Traurigkeit
und will sie zum Tanzen bringen.
Die Traurigkeit will ihre Ruhe.
Die Leidenschaft geht auf Abstand.
Und bleibt. Weil sie gebraucht wird.

Herzensfeuer

Wildweiser Sprung

übers Herzensfeuer

im Glutlicht der prallen Mai-Mondin.

Für die Liebe und die Wut,

für die Zweifel und das Vertrauen,

für die Vielfalt und die Einzigartigkeit,

für die Trauer und die Freude,

für den Mut und die Demut…

All-ein

Was hält dich, wenn scheinbar alles zerbricht?

Ich suchte alles – und fand nichts.

Ich wollte alles wissen – und erkannte, dass ich nichts wusste.

Ich wollte alles begreifen – und ich begriff nichts.

Ich wollte etwas Großes tun – und tat nichts.

Nichts tun. Nichts wissen. Nichts suchen. Nichts.

Ich bleibe allein zurück.

Und lausche

auf mein Herz,

das trommelt

zum Lied der Erde.

Das Leben ist der Plan

Strukturen, Vorgaben, Bestimmungen

ergießen sich in die Welt.

Die begleitenden Wortfluten

überschwemmen den Verstand,

der dürstet nach den neuesten Wahrheiten.

Um zu erklären,

einen Sinn zu finden,

einen Plan zu erkennen.

Wenn der Plan wäre,

einmal keinen Plan zu haben?

In Rebellion gegen das Was-Sein-Muss,

für das Was-Ist,

das Leben an sich,

das du jeden Augenblick mit erschaffst.

Widerstand ist zwecklos

Die gelbe Blüte der Kornelkirsche zeigt sich schon im Februar

Der Sturm pfeift, heult, wütet, braust,

tobt, verwirbelt, zerstört,

reinigt.

Unbeeindruckt.

Rück-sichts-los.

Widerstand ist zwecklos.

Ein riesiger Baukran verharrt und kippt um.

Die kleine Blüte der Kornelkirsche geht mit und hält stand.

Gestaltwandel

Wild und närrisch durch die dunkle Zeit

Sankt Martin trifft die Närrin.

„Du hast einen schönen warmen Mantel“, sagt die Närrin.

„Du trägst ein herrlich buntes Gewand“, erwidert Sankt Martin.

„Lass uns tauschen!“, ruft die Närrin.

Und schon legt sie sich den Mantel über und wirft Martin ihren Rock zu.

Der heilige Mann springt vom Pferd und tanzt ausgelassen mit der wilden Frau,

bis diese ganz ernst wird und besinnlich dreinschaut.

Sankt Martin beginnt lauthals zu lachen, und die Närrin lacht mit.

Gestaltwandelnd tauchen sie ein in mythische Zeiten, in denen alles möglich war.

Träumend überschreiten sie Grenzen, hinter denen alles richtig ist.

Frei betreten sie einen Raum zwischen den Welten, in dem sie alles verstehen können.

Was war, was ist und was sein wird verschmilzt,

Ordnung und Chaos wirbeln verrückt durcheinander.

Eine Krähe schnappt sich von der Bühne eine rote Pappnase

und torkelt als Clown in die nächste Kneipe.

Wahr-nehmen und neu sortieren

Alles noch da und doch anders

Ich nehme einmal ander(e)s wahr,

wirbele durch die wohlsortierte Schublade meines Lebens,

plötzlich steht nichts mehr an seinem Platz,

ich werfe schnell ein Tuch darüber,

ein Tuch der Ängste, der Unklarheit, des Nicht-Wissens.

Darunter rumpelt es gewaltig.

Viel, viel später

hebe ich das Tuch,

alles ist noch da,

an einem neuen Platz,

anders.

Ein bisschen chaotischer,

unerwartet,

gewöhnungsbedürftig,

irgendwie stimmiger.

Europa geht an den Strand

Kanadierinnen, Europäerinnen? Auf jeden Fall in Köln heimisch geworden.

Der feine Business-Pinkel Zeus rast mit seinem E-Roller über den Gehweg

und fährt Europa um, die vom Kirchenstreik Maria 2.0 kommt.

Die junge Frau stürzt auf einen hechelnden Mops, dessen Herrchen sie eine Tierquälerin schimpft.

Goldmünzen rollen aus Europas Taschen, nach denen die Umstehenden gierig greifen.

„Was liegst du hier auf der Straße, du Pennerin?“, schreit eine Radfahrerin. „Hast du nichts Besseres zu tun?“

Doch, denkt Europa, steht auf, schüttelt ihren Rock und macht sich auf den Weg zurück zu den blumenreichen Wiesen und dem Meeresrauschen am Strand von Sidon.

Ein Lichtlein brennt

Advent, dunkle Zeit, ein Lichtlein brennt.
Es ist für die Erde, tief flüsternd,
Lass dich fallen
in den Schoß des Vertrauens.

Advent, dunkle Zeit, ein Lichtlein brennt.
Es ist für das Feuer, zärtlich knisternd,
Lass dich berühren
vom Herzen der Welt.

Advent, dunkle Zeit, ein Lichtlein brennt.
Es ist für das Wasser, sanft plätschernd,
Lass dich tragen
vom Fluss des Lebens.

Advent, dunkle Zeit, ein Lichtlein brennt.
Es ist für die Windin, leise pfeifend,
Lass dich erinnern
an den Zauber des Werdens…

…aus der Dunkelheit