Herbst-Neu-Mondin

Sich an den Geschenken des Lebens freuen, ist ein starker Schutz fürs Immunsystem

Das Eichhörnchen flitzt über die Straße,

die Sittiche schütteln uns die letzten Walnüsse vom Baum.

Frau Mondin verschwindet

und webt im Dunklen feine Schutzhemden

für die Herzen, die sich ihr öffnen.

Für die anderen ebenso.

Die Erde zieht sich zurück

und braut in ihrem unsichtbaren Kessel

den Zaubertrank für das, was wachsen will.

Es ist Herbst.

Zeit, das Neue zu erträumen.

Licht (auf-)bewahren

Die Königskerze sendet immer noch kleine Lichtstrahlen

Die Königskerze vor meinem Fenster ist eine Überlebenskünstlerin. Scheinbar längst verblüht, sprießen auch jetzt noch immer wieder neue gelbe Blüten aus ihrem Stängel. Sie verströmt ihr inneres Licht über den Sommer hinaus. Ich sehe ihre Leuchtkraft und denke an die Geschichte von Frederick, der Sonnenstrahlen, Farben und Worte sammelt. Die Feldmaus legt einen ganz besonderen Vorrat für den Winter an. Mit dem Licht, das Frederick (auf-)bewahrt, nährt und wärmt er die Herzen an trüben und kalten Tagen.

Das tut auch die Königskerze. Sie hilft zudem, wenn die eigene Stimme abhanden kommt und das innere Licht vom äußeren Nebel verschluckt zu werden droht. Auch die eigenen Farben wollen in die dunkle Zeit mitgenommen werden.

Massenbaumhaltung

Ausgezählt

Den größten Teil seiner Geschichte hat der Mensch im Wald gelebt. So lässt sich erklären, warum jede radikale Veränderung zwischen Buchen, Eichen und Tannen uns in eine tiefe Melancholie fallen lässt. Wehmütig schockiert schauen wir auf die braunen Skelette der Fichten, der eigentlich immergrünen Bäume, Symbol des ewigen Lichts und immerwährenden Lebens. Tränen des Abschieds sind jedoch nur bedingt angebracht. Was wir mit den Fichten bei zunehmender Trockenheit sterben sehen, ist weit entfernt vom wilden Wald unserer Träume und kollektiven Erinnerungen. Es sind von Menschenhand angelegte Baumplantagen zum Zwecke der wirtschaftlichen Nutzung. Was zu Ende gehen will, ist also eine Form der Massenbaumhaltung.

Eigentlich müssten wir dem Borkenkäfer dankbar sein. Er schafft Platz für Neues, arbeitet mit daran, ein gestörtes System wieder in Balance zu bringen. Dabei geht es dem Käfer nicht darum, zu siegen und Verlierer hinter sich zu lassen. Er hat einfach eine Aufgabe zu erfüllen nach den immer gültigen Gesetzen des Universums.

Dass in den engen Fichtenforsten ein Baum des Lebens stehen sollte, würde niemandem einfallen. Es ist dort gespenstisch still, dunkel und leer. Tot. Diese Anlagen haben dem Raum greifenden, majestätischen Nadelbaum der Hoch- und Mittelgebirge die Macht genommen. Mag sein, dass die Fichte nach der Zeit des Loslassens einmal wieder ihren angestammten Thron einnehmen wird.

Gedankenleer

Mit der Natur spielen

Ich rase am Morgen in Eile mit dem Rad durch die Roßkastanienallee, vor mir knallen die Früchte der hohen Bäume auf den staubigen Boden, ich weiche ihnen erst aus und halte schließlich an. Die frisch gefallenen Kastanien leuchten im frühen Sonnenlicht, an einem dieser magischen Tage, an denen der Sommer dem Herbst die Hand reicht. Ich hebe eine Kastanie auf, kugele sie in meiner Handfläche. Die glatte Schale ist geschmeidig, ich bücke mich zur nächsten Frucht. Nach einer Weile, gedankenleer aus der messbaren Zeit gefallen, berühre ich im Spiel mit der Natur meine eigene Natur. Leicht und froh steige ich wieder aufs Fahrrad und bin offen für das, was mir der Tag noch schenken mag.

Großmutter Universum

Hinter der Begrenzung beginnt die Weite

Corona hüpfte Mama Panik auf den Schoß. Die erschreckte sich gleich über die Maßen. So kann’s nicht weitergehen, rief Papa Kontrolletti erbost, jetzt gibt’s aber Stubenarrest. Corona sprang ihm flink davon, zeigte Tante Besserwisserin eine lange Nase und zwickte Onkel Gehorsam ins Bein. Schnell lief sie zu Großmutter Universum. Die nahm die Kleine besänftigend in den Arm, stellte ihr die Geschwister Freier Geist und Lebensfreude zur Seite und schickte sie zurück nach Hause.

Stürme im Kopf

Verblühtes Weidenröschen

Verwirrt, verwurschtelt, verdreht, verrückt – die Stürme der Nacht toben weiter in meinem Kopf und Körper. Am besten ist’s wahrscheinlich, mich der Windin zu überlassen, ohne gleich davonzufliegen.

Entschieden ohnmächtig

Das Sein ist Bewegung

Ohnmächtig, also ohne Macht zu sein, kann durchaus eine ent-lähmende Wirkung haben. Die Mächtigen brauchen ein ebenfalls Macht-wollendes Gegenüber, um bestehen zu können. Die Andersdenkerin Marianne Gronemeyer hat das sehr treffend formuliert: „Macht kann sich nur verteidigen gegen Machtkonkurrenten.“ Das endet allerdings oft in einem Gemetzel, und sei es nur ein verbales.

Die entschiedene Ohn-Mächtige kann sich weit öffnen und aus ihrem tiefen Inneren hören, sie kann neue Spielfelder finden und sich mit allem, was lebendig ist, verbünden. Sie geht den Weg jenseits des (Be-)Herrschens. So kann sie fließen mit der Veränderung.

*Das Zitat von Marianne Gronemeyer stammt aus ihrem Buch „Simple Wahrheiten – und warum ihnen nicht zu trauen ist“.

Geh den Weg in Schönheit

Es gibt eine Legende über einen kleinen grauen Schwan, der sich dem spiraligen Strudel des Schwarzen Lochs hingibt, jenseits der Sinnestäuschungen die Wunder des Universums erkennt und als stolzer weißer Schwan voller Grazie und Anmut wiederkehrt. Weil er sich vertrauensvoll hat fallen lassen, bekam er Zugang zu allen Ebenen des (Bewusst-)Seins. Weil er seinem Impuls gefolgt ist, erlangte er innere Schönheit. Strahlend und in Selbstgewissheit gleitete er fortan über das Wasser des Lebens.

Sommersonnwende

Das Johanniskraut speichert das Sommersonnenlicht

Die Fülle stößt auf die Angst
und will sie behutsam in den Arm nehmen.
Die Angst will nicht gekuschelt werden.
Die Fülle geht auf Abstand.
Und bleibt. Weil sie ist.

Die Leidenschaft trifft auf die Traurigkeit
und will sie zum Tanzen bringen.
Die Traurigkeit will ihre Ruhe.
Die Leidenschaft geht auf Abstand.
Und bleibt. Weil sie gebraucht wird.

Berührbar

Alles an der Linde ist gut und schön, weich und süß. Sie ist der Baum des Glücks und des Wohlergehens. Sie verwöhnt die, die bei ihr weilen und steckt sie an mit ihrer grenzenlosen Liebe. Wer das Kämpfen gelernt hat, das Leisten und das Konkurrieren, dem können die schwülstigen Lobeshymnen auf diesen edlen Baum ziemlich auf die Nerven gehen. Doch ein Spaziergang an einem warmen Frühsommertag entlang einer Lindenallee, der betörende Duft des überfließenden Nektars in den Blüten, das Summen unzählbarer Bienen und das Spiel des überirdisch reinen Lichts mit den herzförmigen Blättern haben die Kraft, die härtesten Panzer zu schmelzen.

Die Sage um Siegfried, der den Lindwurm, den nährenden, schützenden Erddrachen tötet, um Unsterblichkeit zu erlangen, beschreibt die Qualität der Linde. Als Siegfried im Blut des Drachens badet, fällt ihm ein Lindenblatt zwischen die Schulterblätter. Damit behält der Held eine verwundbare Stelle. Er bleibt berührbar für die Liebe und verletzlich, was ihm die Sterblichkeit bewahrt und ihn einbindet in den Zyklus des Lebens.

Die Linde ist wie der Holunder mit der großen Göttin verbunden – mit der Holle, Freya, Aphrodite, Venus, die die Menschen lehrten, das Leben liebend zu leben. Der mächtige Baum mit seiner ausladenden Krone wurde immer als Versammlungsort geschätzt. Er war Richtstätte, da er sanft, doch klar die Wahrheit ans Licht zu bringen vermochte, er war Tanz- und Festplatz, ein Platz der Gemeinschaft und Kommunikation aller Art mitten im Dorf oder vor dem Hof.

Die einnehmende, zarte, liebe- und lichtvolle, entspannende und Herz öffnende Aura der Linde weist auf ihre enorme Heilkraft hin. Die Lindenblüten helfen bei Fieber, Husten und Erkältungskrankheiten, bei Kopfschmerzen, Stress, Nervosität und Schlaflosigkeit, bei Blähungen, Sodbrennen und Darmerkrankungen. Die Liste ist lang und immer unvollständig.

Alle großen Heilerinnen und Heiler aus der Welt der Bäume und Wildkräuter sind in ihrer Komplexität schwer zu erfassen. Nicht nur die einzelnen, wissenschaftlich nachweisbaren Wirkstoffe zeigen Wirkung. Ihre eigentliche Kraft entfaltet die Pflanze in ihrer geheimnisvollen Gesamtkomposition, die nicht bis ins Letzte seziert werden will und kann. Wen oder welche sie im Herzen berührt, für die oder den ist sie eine heilsame Begleiterin.

Lindenblütentee
Der Klassiker. Vor allem in der kalten Jahreszeit heiß getrunken, lindert er Erkältung, Husten, Schnupfen, Grippe und Bronchitis. Er macht Kopf und Brust frei und stärkt das Immunsystem. Mit dem Tee getränkte Kompressen helfen bei entzündeten und müden Augen.

Die Blüten mit den Flügelblättern sammelst du am besten an einem trockenen Vormittag im Juni oder Juli spätestens am vierten Tag nach dem Aufblühen. Ernte mit Bedacht und bedanke dich bei dem Baum, den Bäumen. Auf einem Leinentuch gut ausgebreitet kannst du die Blüten an einem luftigen, schattigen Ort trocknen. In dunklen, gut verschließbaren Gläsern nicht länger als ein Jahr aufbewahren.

Sommerbowle
ein bis zwei Tassen Blüten in einem Liter Apfelsaft drei bis fünf Stunden ziehen lassen, Saft von ein bis zwei Limetten dazugeben, nach Geschmack mit Mineralwasser auffüllen.

Zahnpulver
1 Teil Lindenkohle, 1 Teil Salbeiblätter, mörsern und mischen. Etwas davon auf die Zahnbürste geben und das Zahnfleisch sanft massieren. Reinigt, desinfinziert und stärkt das Zahnfleisch.